Weiach

Alt-Gemeindepräsident verstorben

Mit Mauro Lenisa verstarb jüngst ein Wegbereiter der Gemeinde. Als frisch gewählter Gemeindepräsident gründete er das Mitteilungsblatt, das sich bis heute von vielen anderen ­abhebt – unter anderem, weil die Gemeinde nie ihren offiziellen Segen zum Projekt gegeben hat. Ein Rückblick.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bis ins Jahr 1982 hatte «Weych», wie die Gemeinde bis heute in der Mundart genannt wird, immer ­jemanden aus dem Dorf zum ­Gemeindepräsidenten gewählt. Dann kam Mauro Lenisa aus der Bundeshauptstadt, und der 34-Jährige wurde prompt gewählt. Lenisa hatte in Bern den Abschluss als Elektroniker gemacht, bevor er nach Zürich zur Swissair kam und das Abendtechnikum absolvierte. Somit war er nicht nur verhältnismässig jung, sondern auch der erste Gemeindepräsident, der das Weiacher Bürgerrecht erst nach Amtsantritt erhielt.

Dass er als höchster Kopf der Gemeinde relativ neu in selbiger war, sah Mauro Lenisa als Vorteil an: Er sei weniger an Randbedingungen gebunden und könne auch Dinge aufgreifen, die für Alteingesessene längst selbstverständlich waren. Auf das Gemeindebürgerrecht sei er daher sehr stolz, wie er 1983 in einem Interview in den «Mitteilungen der Gemeinde Weiach» (MGW) betonte. Dies wiederum ist ein Heft, das ohne weiteres als sein erstes grosses Projekt bezeichnet werden darf – und auch als politisch interessantes.

Denn die Gründung des Gemeindeblatts ging ohne Abstimmung an einer Gemeindeversammlung, ohne Gemeinderatsbeschluss vonstatten, obschon die Gemeinde die Kosten vollumfänglich trägt. «Man hatte die MGW ganz einfach gegründet, weil sie einem Bedürfnis entsprachen», schreibt Ulrich Brandenberger in den «Weiacher Geschichten».

Geordnet, aber nicht stier

Mit den MGW beendete Mauro Lenisa fast in Eigenregie den Flugblätterwald, der davor in die Weiacher Briefkästen gepflanzt worden war. Künftig wurden alle Informationen von Gemeinderat, Behörden und Dorfvereinen gebündelt und einmal im Monat verschickt – geordnet, aber keinesfalls stier, darauf legte man Wert. Zwar sammelte und ordnete Lenisas Gattin Ursula die ­Informationen, sie änderte aber nichts an deren Inhalt oder dem teilweise eigentümlichen Layout.

Die Redaktorin Ursula Lenisa war es auch, die die MGW jahrelang jeden Monat zum Kopierservice der Swissair brachte; nur verteilt hat die Heftchen letztlich der Gemeindeweibel. «Das Heft war beliebt und wird bis heute von den Weiachern und Weiacherinnen geschätzt – wenn nicht gar verschlungen», erzählt Hans Meier-Forster heute mit einem Schmunzeln. Er hat während ­seiner Amtszeit als Gemeindeschreiber zwischen 1961 und 1996 die Meldungen der Gemeinde an die MGW verschickt.

Gemeindepräsident Lenisa hatte mit der Gründung des «Gmeindsheftli» aber mehr im Sinn. Ihm wie auch dem Gemeinderat war es ein Anliegen, «starre Richtlinien zu hinterfragen und zu überdenken» und den Austausch im kleinen Weiach zu fördern. Das hielt er persönlich in einem Text im «Neuen Bülacher Tagblatt» fest, 1984, also zwei Jahre nach seiner Wahl. Die MGW waren ein Mittel zur Kommunikation innerhalb des Dorfs, eine Möglichkeit, um Gräben zu überwinden – und damit ein Schritt zu mehr Demokratie. Passend lautet der Titel des Artikels: «Eine Dorfgemeinschaft verwirklicht sich».

«Mit ihm lief alles rund»

Als Gemeindepräsident hatte Mauro Lenisa auch andere Aufgaben. Die damals erst vor kurzem abgeschlossenen Nagra-Bohrungen beschäftigten ihn ebenso wie die Melioration und der Nutzungsplan. Die Grundeigen­tümer hatten beschlossen, die Güterzusammenlegung durch­zuführen; Lenisas Aufgabe sowie die der Behörden war es, zwischen der Meliorationsgenossenschaft, den Grundeigentümern und den Landwirten zu vermitteln und ihre Ziele ohne die Zerstörung der Umwelt zu erreichen.

«Er war ein geselliger, offener und liebenswürdiger Mensch», erinnert sich der damalige Gemeindeschreiber Hans Meier-Forster, der noch immer in Weiach zu Hause ist. «Mit ihm lief ­alles rund, und wir hatten immer eine freundschaftliche Zusammenarbeit.» Auch habe Lenisa viel über das Weltgeschehen gewusst, was ihn stets zu einem kurzweiligen Gesprächspartner machte.

Nach zwei Amtsperioden entschied Mauro Lenisa, nicht mehr für das Amt des Gemeindepräsidenten zu kandidieren. Im April 1999 wird er von der NZZ zwar noch als FDP-Spitzenkandidat für den Regierungsrat genannt. Dazu kam es aber nicht. In die Schlagzeilen gelangte der mittlerweile 53-Jährige dafür wieder im Jahr 2001, namentlich als Leiter des Werks Neuhausen des Drehgestellherstellers Alstom. Denn in jenem August verlor ein Intercity-Neigezug der SBB Schrauben am Drehgestell, worauf diverse Medien Lenisa zur Stellungnahme aufforderten – denn die Dreh­gestelle seien «ein Flaggschiff für unsere Firma», wie er sagte. 2003 findet er noch einmal ­Erwähnung, als Leiter des SBB-Industriewerks Olten.

Klassik, die Jagd und die Lions

Für den weiteren Verlauf lassen sich nur noch lose Puzzleteile ­zusammensetzen. So mochte Mauro Lenisa klassische Konzerte und Fischen, er war Mitglied des lokalen Schiessvereins sowie der Schweizerischen Eisenbahner-Radio-Amateure; sein Call lautete HB9EGO. Zwischen 2004 und 2005 war er ausserdem Clubpräsident des Lions Clubs Lägern und ab 2017 Zonen-Chairman des Lions Clubs Kloten.

Mauro Lenisa wurde 70 Jahre alt. In «Weych» kam der Abschied vom ersten Berner Gemeindepräsidenten unverhofft.

Erstellt: 31.12.2018, 10:24 Uhr

Mauro Lenisa, 1948-2018

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles