Regensdorf

Auftanken statt Ausbrennen

Wer die Gefahr eines Burn-outs kennt, kann sich davor schützen. Auf Einladung des Samaritervereins Regensdorf vermittelte Annette Brühl, Psychiaterin und Psychotherapeutin, Fakten zu Früherkennung, Therapie und Vorbeugung.

Ein oft jahrelanger Teufelskreis aus Überarbeitung und Überfolderung kann zu einem Burn-out führen.

Ein oft jahrelanger Teufelskreis aus Überarbeitung und Überfolderung kann zu einem Burn-out führen. Bild: Andreas Wolfensberger

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Zeit- und Leistungsdruck bestimmen zunehmend die Arbeitswelt. «Mit Burn-out haben wir ein Thema von öffentlichem Interesse getroffen», zeigte sich Susanne Bohl, Vizepräsidentin des Samaritervereins Regensdorf und Umgebung, angesichts der gut gefüllten Aula im Schulhaus Ruggenacher erfreut. Sie begrüsste zum ersten Training des Jahres am Freitag vor einer Woche auch Gäste aus der Bevölkerung. «Burn-out ist keine psychiatrische Diagnose», eröffnete Annette Brühl, Leiterin des Zentrums für Depression und Angsterkrankungen der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, ihren Vortrag vor rund 45 Zuhörern.

«Es gibt bis heute auch keine verbind­liche Definition.» Der Sammelbegriff Burn-out beschreibe einen emotionalen, geistigen und körperlichen Erschöpfungszustand, der durch Antriebslosigkeit und Leistungsschwäche gekennzeichnet sei. Oft gehe ein monate- oder jahrelanger Teufelskreis aus Überarbeitung und Überforderung voraus. «Von aussen betrachtet, erfüllen viele Menschen, die sich ausgebrannt fühlen, die Diagnosekriterien einer Depression.»

Ursachen und Folgen

Burn-out hat niemals nur eine Ursache – Leistungsdruck, Angst vor Arbeitsplatzverlust, die Abhängigkeit des Selbstwertgefühls von Einkommen und beruflichem Erfolg sind mögliche Faktoren. Menschen mit psychischer Widerstandskraft kommen mit schwierigen beruflichen und privaten Konstellationen besser zurecht als andere. «Wer über Resilienz verfügt, geht aus Krisen vielleicht sogar gestärkt heraus.» Valide Zahlen zur Häufigkeit von Burn-out existieren nicht, ältere Studien aus Deutschland weisen 15 Prozent der Ärzte, 35 Prozent der Lehrer und bis zu 60 Prozent der Pflegekräfte als betroffen aus. Brühl hält diese Ziffer für zu hoch, «doch nehmen psychische Erkrankungen in den letzten Jahren deutlich zu».

Die Symptome von Burn-out sind vielfältig, reichen von Erschöpfung über negative Selbsteinschätzung, Schlafstörungen und kreisenden Gedanken bis zu chronischen Schmerzen oder psychosomatischen Beschwerden. Zu den Folgen zählen etwa gesteigerte Infekthäufigkeit, erhöhtes Diabetesrisiko, Libidoverlust oder Suchtgefahr. «Es gibt keine klaren Stadien von den ersten Warnzeichen bis zur klinischen Depression.» Bei Verdacht auf Burn-out-Syndrom sollte stets auf depressive Störung untersucht werden, welche zwingend behandelt werden muss: «Der Gang zum Burn-out-Coach reicht definitiv nicht.»

Sei perfekt! Sei beliebt! Sei stark! Überhöhte Wünsche nach Anerkennung, Zugehörigkeit, persönlicher Selbstbestimmung und Sicherheit zählt Brühl ebenso zu den fünf Stressverstärkern wie eine geringe Frustrationstoleranz: «Ein Perfektionist gibt sich mit 95 Prozent nie zufrieden.» Das Empfinden von Stress ist individuell, ebenso die Anzeichen und Auswirkungen. Treten körperliche, emotionale, mentale oder verhaltensbezogene Warnsignale verstärkt und gehäuft auf, ist Gegensteuern angeraten. Die Burn-out-Therapie in der frühen Phase mit unspezifischen Beschwerden beginnt mit dem Ausschluss körperlicher Ursachen, wie etwa Schilddrüsenüberfunktion. Stressoren müssen vermindert, der Umgang mit Stressoren muss geübt werden. «Drei Wochen Ferien allein helfen nicht weiter», sagte die Expertin.?

Firmen in der Pflicht

Unterforderung sei ebenso schädlich wie Überforderung, leitete Brühl zur Verantwortung von Unternehmen für ihre Mitarbeiter über. Gute Arbeitsplätze zeichnen sich durch diverse Kriterien wie klare Aufgabendefinition, regelmässiges Lob oder die Möglichkeit zur Weiterentwicklung aus. «Nutzen Sie Ihren inneren Rhythmus», wartete die Ärztin zudem mit Energietipps für Vielbeschäftigte auf – dazu gehörten regelmässige Pausen, «einmal drüber schlafen» oder das Kultivieren von Lebensfreude und Lebenslust.

Waren einige der Zuhörer selbst betroffen, so wusste Sylvia Brumann über Burn-out theoretisch Bescheid. «Der Vortrag hat mir einige Aha-Momente beschert», bestätigte die Lehrerin aus Watt. «Mir gefällt der Gedanke, auf den Bauch zu hören und zu spüren, was einem guttut – auch wenn es schwierig ist, eingefahrene Bahnen zu durchbrechen.»

Erstellt: 17.01.2018, 13:58 Uhr

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