Glühwürmchen

Blinken vor dem Liebesakt

Derzeit feiern Glühwürmchen Hochzeit. Eine spezielle Art ist in Niederhasli anzutreffen. Doch ihr Lebensraum ist bedroht.

Der Containerverlad dürfte der Grund sein, wieso sich die italienische Glühwürmchen-Art im Gewerbegebiet von Niederhasli angesiedelt hat.

Der Containerverlad dürfte der Grund sein, wieso sich die italienische Glühwürmchen-Art im Gewerbegebiet von Niederhasli angesiedelt hat. Bild: Johanna Bossart

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Ein Gewerbegebiet in der Nähe des Bahnhofs von Niederhasli. Junge Männer fahren mit ihren getunten Wagen durchs Quartier. Andere erholen sich auf dem Platz vor dem Fitnessraum von den Strapazen des Trainings. Eingeklemmt zwischen zwei grossen Industriebauten ein Kornfeld. Typischerweise siedeln sich Glühwürmchen in intakten Naturoasen an: Waldränder, Böschungen, ungedüngte Wiesen oder naturnahe Pärke und Gärten. Wieso haben sich diese Italienischen Leuchtkäfer ausgerechnet diese ziemlich unwirtliche Umgebung ausgesucht?

Andreas Diethelm weist auf die Container am hinteren Rand des Feldes. «Sie müssen als blinde Passagiere hier gestrandet sein», sagt der Biologe und Glühwürmchen-Kenner. Die Container gehören zum Logistikunternehmen Swissterminal, das den Gleisanschluss in der Nähe des Bahnhofs als Güterumschlagplatz nutzt. Die Tierchen haben sich wahrscheinlich in einem Wagen versteckt, der Ware aus dem Süden in die Region Zürich transportierte. Denn normalerweise findet man die spezielle Art im mediterranen Raum sowie im Südtirol und im Tessin. Nördlich der Alpen kommt sie neben dem Standort in Niederhasli lediglich noch im Park der Kreuzkirche in Zürich, bei Widnau im Rheintal sowie im Parc Bourget in Lausanne vor, wo sie anders als in Niederhasli mit Absicht angesiedelt wurden. Obwohl es sich beim italienischen Leuchtkäfer eigentlich um ein Neozoon handelt, sind sie unproblematisch. Er gehöre nicht zu den invasiven Arten, erklärt Andreas Diethelm, der sich im Verein Glühwürmchen Projekt für die Tiere engagiert.

Sie brauchen Dunkelheit

Inzwischen ist die Dämmerung hereingebrochen. Teilweise ist der zunehmende Halbmond von Wolken bedeckt. Gespannt beobachten wir den Wiesenstreifen am Rande des hochstehenden Korns. Doch kurz vor zehn Uhr gehen an der anliegenden Strasse die Lampen an. Ungünstig: Glühwürmchen brauchen dunkle Orte, damit ihr eigenes Licht zur Geltung kommt und sie sich gegenseitig finden. Die Weibchen halten sich zwar durchaus häufig auch in hellen Zonen auf, doch sie warten vergebens auf einen Bräutigam. Neben der zunehmend öden Landschafts- und Gartengestaltung ist die Lichtverschmutzung ein wesentlicher Grund, wieso es die Tierchen eher schwer haben.

Weg von der Strassenbeleuchtung also. Wir bewegen uns am rechten Rande des Kornfelds entlang, drängen uns an einem Maschendrahtzaun vorbei, den Blick stets ins Gras gerichtet. Und plötzlich: Ein kurzes Blinken an einem Grashalm, der in der Dunkelheit nur noch schwach zu erkennen ist. Dann werden es immer mehr: Im Sekundentakt leuchten da und dort millimetergrosse Lichtpunkte auf und erlöschen wieder. Bald tanzen die Tierchen auch über den reifen Ähren. Es müssen die Männchen sein. Denn die italienischen Leuchtkäfer-Weibchen können nicht fliegen. Sie sitzen wartend im Gras. Das intermittierende Blinken ist typisch für diese Art. Der Grosse Leuchtkäfer zum Beispiel sendet fortwährend Licht aus.

Garten könnte verschwinden

Am hinteren Rand des Ackers, bei den Containern und Stummelgeleisen, treffen wir im Dunkeln auf Helena Brunner. Die Niederhaslerin ist ebenfalls wegen des sommerlichen Naturspektakels um diese Zeit noch unterwegs. Sie war es, welche die Leuchtkäfer vor vier Jahren entdeckt hat. Nun blickt sie angestrengt in den etwas verwilderten Garten neben dem Kornfeld. «Hier leben die Tierchen im Larvenstadium», erklärt Brunner. «Wird der Garten aufgehoben, verschwinden ziemlich sicher auch die Leuchtkäfer.» Ganz unberechtigt ist die Sorge nicht: Albert Huber, der hier seit vielen Jahren Beeren und Gemüse anbaut, ist bereits 95 Jahre alt. Der Bauer, der das ganze Stück Land gepachtet hat, würde die Parzelle gerne zu seinem Acker schlagen. «Wegen dieser blöden Ecke ist es zurzeit schwierig, mit der Maschine durchzukommen», sagt der Landwirt, der nicht mit Namen genannt sein möchte. Vom nächtlichen Blinken auf seinem Acker hat er bis zum Telefon des ZU nichts gewusst. Eigentümerin des Grundstücks ist die Wohnbaugenossenschaft Milchbuck, welche in Niederhasli bereits zahlreiche Wohnungen anbietet. Sie hat es im Hinblick auf eine bevorstehende Umwandlung in eine Wohn- und Gewerbezone erworben. Konkrete Pläne gebe es aber noch nicht, sagt Geschäftsführer Thomas Moor.

«Wird der Garten aufgehoben, verschwinden hier ziemlich sicher auch die Leuchtkäfer.Helena Brunner, Entdeckerin der Leuchtkäfer in Niederhasli»

Inzwischen blinkt es laufend im Garten, über dem Kornfeld und bei den Bahngeleisen. Die Italienischen Leuchtkäfer befinden sich auf dem Hochzeitsflug. Doch so romantisch das aussehen mag: Es ist zugleich ihr Todesflug. Die zweite Lebensphase dieser faszinierenden Insekten dauert höchstens drei Wochen. Haben sie sich zuvor gefrässig über alle Arten von Schnecken hergemacht, so fasten sie in dieser Zeit. Kurz nach der Befruchtung legt das Weibchen 50 bis 100 Eier ab. Das Schlüpfen seiner Nachkommen wird es bereits nicht mehr erleben.

Erstellt: 21.06.2019, 17:11 Uhr

Tier des Jahres

In diesen lauen Sommernächten fliegen sie wieder. Sobald es eindunkelt, spielt sich an manchen Orten ein wahres Schauspiel ab: Glühwürmchen setzen zu ihrem Hochzeitsflug an und bezaubern mit ihren Lichtspuren so manche Schaulustige. Sie sind zwar nicht so akut vom Aussterben bedroht wie andere Insekten. Doch weil sie ein Sympathieträger sind, hat sie die Umweltorganisation Pro Natura stellvertretend für die Insektenwelt zum Tier des Jahres 2019 erkoren.

Im Unterland sind sie zum Beispiel im Neeracher Ried, in Regensberg, Boppelsen und Sünikon, in Embrach und Rorbas sowie am Haslisee zu sehen. Weltweit gibt es über 2000 verschiedene Arten, die meisten davon in den Tropen und Subtropen. In der Schweiz sind 4 davon bekannt: Auf der Alpennordseite ist das rund 1,5 Zentimeter lange Grosse Glühwürmchen am stärksten verbreitet. Dagegen findet sich der etwa halb so grosse Kleine Leuchtkäfer – ein Bewohner der Auenwälder - vor allem im Tessin und in der Nordschweiz. In grosser Zahl tritt es zum Beispiel auf dem Schaffhauser Waldfriedhof auf. Der Kurzflügel-Leuchtkäfer hingegen lebt meist unterirdisch und leuchtet nur schwach. Beim Italienische Leuchtkäfer messen beide Geschlechter 5 bis 8 Millimeter; die Larven können aber deutlich über 1 Zentimeter gross werden.

Die umgangssprachliche Bezeichnung Glühwürmchen ist doppelt irreführend: Es handelt sich weder um Würmer, noch glühen sie, sondern um Käfer, die durch eine chemische Reaktion am Hinterleib ein kaltes Licht produzieren. Je nach Art leuchten nur die Weibchen oder beide Geschlechter. Mit dem Licht locken sie Partner an.

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