Niederhasli

Das Kopftuch ist ab sofort Pflicht

Der Flug ist gebucht, die Impfungen sind gemacht, die Visa in Ordnung. Die 18-jährige Salome Zollinger ist bereit für die Reise in den Tschad, wo sie während neun Monaten für ein Hilfsprojekt arbeitet.

Salome Zollinger aus Niederhasli wird während ihres Freiwilligeneinsatzes im Tschad die nächsten neun Monate vor allem Tücher, lange Kleider und weite Hosen tragen.

Salome Zollinger aus Niederhasli wird während ihres Freiwilligeneinsatzes im Tschad die nächsten neun Monate vor allem Tücher, lange Kleider und weite Hosen tragen. Bild: Sibylle Meier

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Nach zwölf Jahren Schule wollte Salome Zollinger aus Niederhasli etwas ganz anderes machen. In der zweitletzten Gymiklasse hatte sie bereits überlegt, wie sie die Zeit nach der Matur gestalten wollte, bevor sie das Bachelorstudium Physiotherapie in Angriff nimmt. «Es sollte etwas mit Sprachen zu tun haben. Ich will mein Französisch verbessern», sagt die junge Frau.

Ein Vortrag, den eine Frau an der Schule hielt, die in einem Kinderheim auf Sizilien gearbeitet hatte, animierte Salome Zollinger zu ihrem Vorhaben. Auf der Suche nach einem geeigneten Einsatz stiess sie auf die Non-Profit-Organisation Schweizer Allianz-Mission (SAM), die Kurzzeitpraktika unter anderem im Tschad organisiert. «Es war mein Wunsch, in ein afrikanisches Land zu gehen, wo Französisch gesprochen wird.» Allerdings ist es auch ein Land, das vom Islam geprägt ist und wo Arabisch die Umgangssprache ist. Doch Salome Zollinger ist bereit, sich kulturell anzupassen. Zehn Stunden pro Woche wird sie deshalb dort einen Arabischunterricht besuchen. Und sie hat kein Problem damit, ihre blonden Haare mit einem Kopftuch zu bedecken, sobald sie die Anlage des Projektteams, bestehend aus mehreren Familien aus verschiedenen europäischen Ländern, knapp ausserhalb der Hauptstadt N’Djamena verlässt. «Aus Respekt vor den Traditionen in diesem Land werde ich auch entsprechende Kleidung tragen. Sie bietet zudem einer jungen weissen Frau auch einen gewissen Schutz.»

Von ihrer Tante, die vor etlichen Jahren drei Monate in Afrika gelebt hat, kann sie lange Kleider, weite Hosen und Schals aus bunt gemusterten Stoffen übernehmen. «Enge Jeans, Shorts und Trägertops sind natürlich tabu.» Das Gleiche gilt für Piercings und Tattoos.

Die Anpassung hat Grenzen

Obwohl Salome Zollinger gewillt ist, die Gepflogenheiten ihres Gastlandes zu respektieren, verleugnet sie sich nicht selbst. «Ich habe ein Tattoo am Nacken, das eine ganz besondere Bedeutung für mich hat. Es drückt die Verbundenheit zu meinem Zwillingsbruder aus. Ich werde es nicht entfernen.» Wenn sie das Kopftuch trägt, ist es nicht sichtbar, und falls nötig, deckt sie es mit einem Pflaster ab. «Die afrikanischen Kleider ziehe ich erst am Ort selber an. Ich werde in meinen normalen Sachen reisen.»

Anfang September ist es so weit. Die kommenden drei Wochen verbringt sie in Montreux, um ihre Französischkenntnisse zu verbessern. Die Organisation nimmt immer zwei Personen pro Praktikum. Eine 28-jährige Lehrerin aus der welschen Schweiz wird zusammen mit Salome Zollinger dort sein. Sie haben sich bereits getroffen und verstehen sich gut. «Das Projektteam, das seit vielen Jahren im Tschad tätig ist, hat eine Schule aufgebaut. Meine Kollegin kommt dort zum Einsatz, und ich kann sie unter anderem als Klassenassistentin unterstützen.» Sie freue sich auf diese Aufgabe, da sie Kinder sehr gern habe. Doch auch für Handwerk- liches ist ihre Mitarbeit gefragt. «Meine Motivation ist das Helfen und der christliche Glaube», sagt die 18-Jährige. «Ich packe einfach mit an, wo es nötig ist.»

Von Krisengebiet umgeben

Im Tschad selber herrscht zwar kein Krieg, aber in Nigeria, einem angrenzenden Staat, ist die islamistisch-terroristische Gruppierung Boko Haram aktiv, und es kommt immer wieder zu blutigen Zwischenfällen. Salome Zollinger hat jedoch keine Angst. «Die Familien vor Ort gehen keine Risiken ein. Sobald es gefährlich wird, reisen wir aus. Die Schweizer Botschaft würde uns im Fall einer Eskalation rechtzeitig warnen.» Im Tschad wird es die zukünftige Projekthelferin nicht so komfortabel haben wie bei ihrer Familie zu Hause in Niederhasli. Das stört sie aber nicht im Geringsten. «Es gibt sanitäre Einrichtungen. Allerdings sind die Hygieneprodukte sehr teuer.» Sie wird deshalb so viel wie möglich mitnehmen.

Dass an ihrem Aufenthaltsort für die nächsten neun Monate die Mode und wie man daherkommt keine Rolle spielt, passt ihr ganz gut. Auf moderne Kommunikation dagegen muss Salome Zollinger nicht verzichten. «In der Anlage wird Solarstrom produziert. Ich kann also mein Handy und einen kleinen Laptop mitnehmen.» Sie hat nämlich im Sinn, Angehörige und Freunde mit einem Newsletter über ihre Erlebnisse auf dem Laufenden zu halten. Und ihre Sponsoren. «Ich verdiene dort nichts. Während meines Aufenthalts im Tschad muss ich aber die Lebensunterhaltskosten selber bestreiten.» Im Verwandtenkreis und auch ausserhalb hat sie jedoch wohlwollende Personen gefunden, die von ihrem Vorhaben begeistert sind und die junge Frau finanziell unterstützen.

Nur noch wenige Wochen bleiben bis zum Abflug. Ein bisschen nervös ist Salome Zollinger schon, aber Angst verspürt sie nicht. Sie sagt: «Ich freue mich sehr und bin gespannt, was mich alles erwartet. Bestimmt lerne ich mich selber besser kennen und finde vielleicht heraus, wie ich mein weiteres Leben gestalten will.» Ob ihr Berufsziel Physiotherapeutin dann noch aktuell ist, wird sich zeigen. ()

Erstellt: 04.08.2015, 16:56 Uhr

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