Regensdorf

Das solidarisch andere Bauern

In ihrem neuen Buch porträtiert Bettina Dyttrich ein Dutzend solidarische Landwirtschaftsprojekte in der Schweiz. Am Mittwochabend las sie in der Baracke vor gut 50 Gästen daraus vor – und schilderte auch, war­um das Furttal in Sachen Soli-Bauern eine Pionierrolle einnimmt.

Die «Spatenbrigade» von Ortoloco, einer selbstverwalteten Gemüsekooperative in Dietikon, legte auf den Feldern jeweils selber Hand an und wird im Buch «Gemeinsam auf dem Acker: Solidarische Landwirtschaft in der Schweiz» von Bettina Dyttrich porträtiert.

Die «Spatenbrigade» von Ortoloco, einer selbstverwalteten Gemüsekooperative in Dietikon, legte auf den Feldern jeweils selber Hand an und wird im Buch «Gemeinsam auf dem Acker: Solidarische Landwirtschaft in der Schweiz» von Bettina Dyttrich porträtiert. Bild: Giorgio Hösli

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Zweihundert Menschen stehen auf einem Feld, einige davon sind als Fenchel, Lauch und Rübe verkleidet. Es ist eine seltsame, aber fröhliche Szene, die sich dort abspielt: Statt mit der Maschine pflügen die Männer und Frauen von Hand und lachen dabei. Es ist die «Spatenbrigade» von Ortoloco, einer selbstverwalteten Gemüsekooperative in Dietikon, die sich an diesem Tag trifft, und sie weiss, dass sie mit dem Pflug schneller wäre, doch um Tempo geht es ihr nicht, sondern um die Frage, wie sie das Bauern besser, ökologischer und schöner machen kann.

Ein Dutzend Porträts von Solidarischen

Mit diesem Einstieg begann Bettina Dyttrich am Mittwochabend die Lesung aus ihrem neuen Buch «Gemeinsam auf dem Acker: Solidarische Landwirtschaft in der Schweiz». Um sie herum – in der Baracke gleich neben der Gemeindeverwaltung Regensdorf – scharten sich rund 50 Zuhörerinnen und Zuhörer, Süssmost oder Tee trinkend, während draussen der Regen auf matschigen Kiesboden prasselte. Dyttrich, die seit Jahren in der «Wochenzeitung» (WOZ) über landwirtschaftliche Themen schreibt, stellt auf 228 Seiten verschiedene Gruppen, Kollektive und Einzelpersonen vor, die sich dem solidarischen Bauern verschrieben haben. 170 Farbfotos von Giorgio Hösli begleiten die Porträts.

Dass sie dieses Buch schrieb, habe viel mit dem Vergnügen und der tollen Stimmung zu tun, die sie bei Ortoloco und anderen Projekten erlebt habe. «Ich bin sonst ein eher pessimistischer Mensch und schreibe deshalb umso lieber optimistische Geschichten.»

Gerade die Landwirtschaft sei sonst ein sehr ernstes Thema: Die Bauern arbeiten sehr viel und fühlen sich unter Druck gesetzt. In der solidarischen Landwirtschaft fand sie einen Gegenpol. So machte sie sich daran, diese Menschen zu porträtieren: zu erzählen, woher sie kommen, wo sie sich politisiert haben, war­um sie sich für selbstverwaltete Organisationen starkmachen und dass sie Dinge lernen, die sie nicht in der Familie oder Schule beigebracht bekommen haben: mit der Sense zu mähen, den Boden von Hand zu bearbeiten, basisdemokratisch zu entscheiden.

Die Wurzel liegt im Furttal

Die Männer und Frauen hinterfragen den Markt, fordern für einen Liter Biomilch einen Franken statt die 70 Rappen, die sie heuer erhalten. Und zwei von ihnen gehen lieber aufs Feld arbeiten statt in die Paarberatung, wenn ihre Beziehung kriselt.

Mancher ihrer Gäste wusste bereits davon, doch andere staunten nicht schlecht, als Dyttrich erzählte, dass das Furttal in Sachen solidarischer Landwirtschaft einst eine Pionierstellung einnahm. Die Rede ist vom Brüeder-hof in Dällikon, der heute von ­Simon und Martina Knoepfel betrieben wird. 1983 begann dort eine Genossenschaft namens Topinambur, direkt mit Konsumenten zusammenzuarbeiten und Gemüseabos zu vertreiben – als eines der ersten Projekte dieser Art in der Schweiz. «Topinambur war inspiriert von den Jardins de Cocagne in Genf, der ersten Gemüsegenossenschaft Europas», erzählte sie. Später trug ein Amerikaner, der in Dällikon mitgearbeitet hatte, die Idee in die USA, wo sie sich ausbreiten konnte und zurück nach Europa gelangte.

Nach der Lesung blieb Zeit für eine Fragerunde, wo auch diskutiert wurde, inwiefern so ein Projekt heute etwa in Regensdorf Chancen hätte. Der Dietiker Milchbauer Fabian Brandenberger, der genau ab heute, 9. Januar, Milchprodukte-Abos vertreibt und zwischen Dietikon und Oerlikon anbietet (mehr Information unter Basimil.ch), wusste allerdings, wie schwer das ist. «Das Bauern ist die schönste Arbeit, die es gibt, aber wenn man nicht in der Mainstream-Landwirtschaft sein will, hat man finanziell kaum eine Chance.»

Vielleicht gab der verregnete Abend in der Baracke aber einen Input, dass Landwirtschaft doch auch anders aussehen kann. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 08.01.2016, 22:44 Uhr

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