Otelfingen

Den Täter zu spielen, ist schwierig

Die Schüler der Sek Unteres Furttal schrecken vor den komplexen Themen des Theaterstücks «Was keiner wagt» nicht zurück. Im Gegenteil.

Die Sekundarschülerinnen und -schüler proben ihren Auftritt vom 23. Juni im Kurtheater Baden. Die Jungenspielen dabei die schwierige Rolle, die Mädchen «anzumachen».

Die Sekundarschülerinnen und -schüler proben ihren Auftritt vom 23. Juni im Kurtheater Baden. Die Jungenspielen dabei die schwierige Rolle, die Mädchen «anzumachen». Bild: Madeleine Schoder

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Die Frauen tanzen, die Männer pöbeln – eine Szene, die nicht alltäglich ist, wenn Jugendliche im Ausgang sind. Und doch, es kommt vor. Die Schülerinnen und Schüler der Sekundarschule Unteres Furttal proben für ihren Auftritt im Kurtheater Baden. Das Stück behandelt den Fall Tugçe Albayrak. Die türkischstämmige Studentin wurde 2014 in Offenbach am Main von einem Jugendlichen getötet.Im Singsaal war am vergangenen Freitag die Spannung zu spüren, die zwischen den Geschlechtern herrscht, wenn der emanzipierte Umgang miteinander nicht funktioniert. 21 Schüler übten für das Theaterstück «Was keiner wagt». Die 15- und 16-Jährigen haben sich für das Freifach bei Lehrer Achim Lück entschieden. Während dreier Monate erarbeiteten sie das Stück. Die Themen Jugendgewalt, Zivilcourage und Organspende sind ihnen nicht zu schwer. «Uns motiviert es, dass eine wahre Geschichte dahinter steht», sagt Lea Schmid. Die Schülerin findet es gut, dass auch schwierige Themen in der Schule aufgegriffen werden.

Schauspiel stehtim Vordergrund

«Ich mach Party», singt die deutsche Rapperin Kitty Kat. «Ich bin ein braves Mädchen, aber nicht heute Nacht», klingt es aus den Boxen im Singsaal. Die jungen Frauen tanzen, die Jungs stehen hinter ihnen und wissen nicht genau, wie sie wen bedrängen sollen. Regisseur Kamil Krej?í ruft ihnen zu: «Macht sie an!» Und Theaterpädagogin Brigitte Schmidlin fordert die Frauen auf: «Das muss wild wirken!»

Den Jungen fällt es schwerer als den Mädchen, mit ihrer Rolle klarzukommen. In erster Linie deshalb, weil sie Täter darstellen. Weil sie jene Männer verkörpern, die Frauen als Freiwild betrachten, wenn diese leicht bekleidet sind oder freizügig tanzen. «Ich finde es schwierig, etwas zu spielen, für dessen Gegenteil ich einstehe», sagt Oliver Gross. «Zum Beispiel schlage ich niemanden.» Seinem Klassenkameraden, Corsin Butti, geht es genauso: «Ich muss jemanden spielen, der Mobbing betreibt, mache das aber im echten Leben nie.»

Die Jugendlichen werden «gepusht»

Lehrer Achim Lück hat das Drehbuch geschrieben. Er ist zufrieden mit dem schauspielerischen Können seiner Schüler. Doch auch er bestätigt, dass die Jungen mehr Mühe haben als die Mädchen, ihre Rollen anzunehmen. Die ungehemmte Art des Tanzens und die Musik hätten die Mädchen eingebracht. «Die Jungs mussten nachziehen.» Die Schüler haben gemerkt, dass es zum Schauspielen gehört, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. «Am Anfang haben wir Kasperli gespielt. Jetzt kennt jeder seine Rolle», sagt Lück.

Dass sie von den Regisseuren Schmidlin und Krej?í gedrillt werden, macht den Sekschülern nichts aus. Im Gegenteil, sie sind zufrieden mit dem Schauspiel-Unterricht. «Es tut uns gut, dass sie uns pushen», sagt Oliver Gross. Das Paar spricht Papa beziehungsweise Mama Moll in den Hörspielen und bringt eine umfangreiche schauspielerische Erfahrung mit. So hat Kamil Krej?í etwa bei James-Bond-Filmen mitgespielt.

Familie des Opfersmiteinbezogen

Das Problem, dass Männer in nicht emanzipierter Weise Frauen begegnen, zeigt sich am Fall Tu?çe Albayrak. Die 23-jährige Lehramtsstudentin wurde von einem 18-Jährigen niedergeschlagen, der zuvor mit mehreren Mittätern zwei Frauen belästigte, denen Albayrak helfen wollte. Als der Täter verhaftet wurde, meldeten sich einige seiner Kollegen zu Wort und zeigten sich mit ihm solidarisch: Tu?çe Albayrak bekam die Prügel, weil sie sich in Männerangelegenheiten eingemischt habe, war auf Facebook zu lesen.

Achim Lück steht in Kontakt mit der Familie des Opfers. «Aus Rücksicht habe ich diese miteinbezogen und einige Einzelheiten abgeändert.» Der Lehrer hat bereits mit vier Klassen Theaterstücke aufgeführt, jedes Mal mit schwierigen Themen wie dem Holocaust oder Verdingkindern und administrativ Versorgten. Um zu beantworten, weshalb er das tut, zitiert er den österreichischen Kabarettisten Josef Hader: «Auf der Bühne wird man für vieles belohnt, wofür man im richtigen Leben bestraft würde.»

Grosses Publikum motiviert Schüler

Auch dem Thema Organspende kommt im Theaterstück eine Bedeutung zu, da Albayrak einen Organspendeausweis besass. «Die Schüler diskutierten die Frage, ob man ja oder nein ankreuzen oder die Entscheidung den Hinterbliebenen überlassen soll», sagt Achim Lück. Und noch ein weiterer Aspekt, der gesellschaftskritisch betrachtet werden kann, fliesst in die Aufarbeitung: Nachdem der Täter von den Medien als Serbe bezeichnet wurde, entbrannte in Deutschland ein Streit um Religionszugehörigkeit.

Die Schüler aus dem unteren Furttal freuen sich auf ihren Auftritt in Baden. Sie stehen mit sieben professionellen Schauspielern auf der Bühne. 350 Tickets sind bereits verkauft und mit weiteren 100 Verkäufen rechnet Lück. «Je näher der Auftritt kommt und umso grösser das Publikum wird, desto mehr motiviert das die Schüler.» Tatsächlich, Fabienne Bonetti und Sira Fleischli lassen sich kein Lampenfieber anmerken: «Wir freuen uns, wenn sich möglichst viele Leute mit dem Thema befassen.»

Erstellt: 16.06.2016, 16:49 Uhr

Agenda

Am 23. Juni um 20 Uhr führen die Schüler das gut einstündige Schauspiel im Kurtheater Baden auf. Das Drehbuch des Stücks «Was keiner wagt» hat ihr Lehrer Achim Lück geschrieben. Regie führen Brigitte Schmidlin und Kamil Krej?í. Es sind nur noch wenige Tickets verfügbar.

Tickets unter: www.kurtheater.ch, Menüpunkt «Spielplan».

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