Regensdorf

«Die Kirche muss wieder streiten lernen»

Zum 500. Jahrestag der Reformation hat die reformierte Kirche zu einem theologischen Streitgespräch eingeladen. Diskutiert wurden aktuelle Fragen der Kirche.

Ein Denkmal für den Reformator Martin Luther. Er soll der Überlieferung nach am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel der Kirche an die Tür einer Kirche angeschlagen haben.

Ein Denkmal für den Reformator Martin Luther. Er soll der Überlieferung nach am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel der Kirche an die Tür einer Kirche angeschlagen haben. Bild: Keystone

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Mit Streitgesprächen wurde in der reformierten Kirche zu Luthers und Zwinglis Zeiten die neue Lehre verbreitet. Das Streitgespräch am Dienstag in der Regensdorfer Kirche, die sogenannte Furttaler Disputation, knüpfte an diese alte Tradition an. Es diskutierten fünf Pfarrpersonen, eine Politikerin, ein Sozialmanager und ein Buchautor und Agnostiker über vier umstrittene Themen in den heutigen reformierten Kirchen. «Ihr dürft euch beissen, aber ohne euch aufzufressen», riet der Moderator Ralph Kunz, Theologieprofessor an der Universität Zürich.

Ganz so bissig waren die Streitgespräche aber nicht. Dem Buchautor und Historiker Kai Michel stand der Regensberger Pfarrer Martin Bieler am Rednerpult gegenüber. Michel sieht die Bibel nicht als Wort Gottes, sondern als Tagebuch der Menschheit. «Wer die Bibel so liest, wird die Menschen besser verstehen», ist er überzeugt. Als Tagebuch der Menschheit gehe die Bibel alle an. Für Bieler hingegen ist die Bibel klar das Wort Gottes und Teil seiner Offenbarung.

«Sie ist das bleibende Medium, mit dem Gott zu uns spricht.» Michel sieht das anders: «Die Bibel hat sich von den Menschen entfernt, weil sie vor 1500 Jahren stehen geblieben ist.» Nach den Kurzreferaten von Michel und Bieler konnte das Publikum mitreden. «Jedes Gerät hat eine Gebrauchsanweisung. Die Bibel ist unsere Gebrauchsanweisung», sagte ein Votant.

Klares Profil für die Kirche gefordert

Wie bei den Disputationen vor 500 Jahren konnte das Publikum nach den Voten über die beiden Standpunkte abstimmen. 46 Zuhörende sehen eher wie Michel die Bibel als Tagebuch der Menschheit, während 51 für Bieler und die Bibel als Gottes Wort stimmten.

Braucht die Kirche ein Glaubensbekenntnis? Über diese Frage stritten der Pfarrer des Zürcher Fraumünsters Niklaus Peter und der Regensdorfer Pfarrer Adrian Beyeler. Peter ist überzeugt, dass Bekenntnisse in einer Kirche von unglaublicher Bedeutung sind. Die reformierte Kirche sei als Kirche ohne ein Glaubensbekenntnis ein Spezialfall. Als im 19. Jahrhundert das Bekenntnis aufgehoben wurde, sei das ein Freiheitsgewinn gewesen. «Heute ist es ein Schaden. Wir sind eine Kirche ohne klares Profil.»

Peter will nicht, dass jeder Pfarrer einen Bekenntnistext wählen kann, er will einen einzigen Text für alle. «Sonst ist jeder Pfarrer ein kleines Päpstli und macht, was er will.» Laut Peter braucht es mehr Verbindlichkeit in der Kirche. «Wir sind zu ‹wischiwaschi›.» Beyeler hingegen wehrt sich gegen eine neue Pflicht, ein Glaubensbekenntnis im Gottesdienst zu sprechen. «Ich finde, wir Reformierten haben genügend fixe Elemente im Gottesdienst.»

Für Beyeler ist klar: Es gibt Nötigeres als ein Bekenntnis. «Wir brauchen neue Formen des christlichen Unterrichts, ein Lehrplan des christlichen Glaubens», fordert er. Die Meinungen im Publikum waren geteilt: 51 Personen fanden, die Kirche sei ohne Bekenntnis keine Kirche, während 52 ein solches nicht nötig finden.

Deutliches Jazu politischem Auftrag

Deutlicher fiel das Abstimmungsresultat beim Wortwechsel zwischen der Politikerin Barbara Steinemann und der Seelsorgerin Claudia Graf aus. Auf die Frage: Hat die Kirche den Auftrag, politisch zu sein?, stimmten 86 Personen Ja, während nur 10 Nein sagten. Klar gegen ein politisches Engagement der Kirche ist dieRegensdorfer SVP-Nationalrätin Barbara Steinemann. Die Kirche mische sich immer mehr in die Politik ein, kritisiert sie. «Solange sich die Kirche aus Steuergeldern finanziert, soll sie sich aus der Politik raushalten.»

Doch irgendwie werde die Kirche von Kritik verschont, beobachtet Steine­mann. «Ein Grund könnte sein, dass die Kirche keinen Einfluss mehr auf die Menschen und auf die Politik hat», mutmasst sie. Für die Spitalseelsorgerin Claudia Graf muss die Kirche das soziale Gewissen des Staates sein. «Im Alltag droht sich immer wieder das Recht des Stärkeren durchzusetzen.» Jeder habe Angst, zu kurz zu kommen. Darum müsse sich die Kirche für die Schwachen einsetzen, ist Graf überzeugt.

Die Säuglingstaufe bleibt beliebt

Eine deutliche Meinung vertrat das Publikum auch zum Thema Taufe. 74 Voten gab es für die Säuglings- und Kindertaufe, während 11 Personen die Erwachsenentaufe bevorzugten. «Das eine schliesst das andere nicht aus. Darüber zu streiten, ist überflüssig», fand ein Votant. Die meisten stimmten aber der Aussage zu: Mit der Taufe von Kleinkindern beginnt der Glaubensweg.

Keines der vier Themen ist an der Furttaler Disputation abschliessend diskutiert worden. Das sei gut so, betonte der Moderator Ralph Kunz. «Die Kirche muss wieder lernen, zu streiten.» Denn die Kunst des Disputs sei ihr im Laufe der Jahrhunderte abhandengekommen.

Erstellt: 02.11.2017, 10:13 Uhr

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