Weiach

Die verunsicherte Regionalkonferenz

Vor kurzem stieg Nördlich Lägern überraschend wieder ins Rennen um ein Atommülllager. An der Vollversammlung nahmen die Experten des Bundes Stellung. Laut dem Präsidenten der Regionalkonferenz ist nun eine Phase mit vielen Befürchtungen in Gang.

Diese Gegend in der Nähe von Niederweningen ist seit kurzem wieder im Rennen für ein Atommüll-Endlager.

Diese Gegend in der Nähe von Niederweningen ist seit kurzem wieder im Rennen für ein Atommüll-Endlager. Bild: Keystone

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Das Abschlussfoto der Regionalkonferenz-Mitglieder war an der Vollversammlung vom Februar schon im Kasten. «Wir sind damals davon ausgegangen, dass wir bald auf Stand-by schalten können», sagte Präsident Hanspeter Lienhart an der Versammlung von vergangenem Donnerstagabend in Weiach, «Sie sehen im heutigen Programm, dass es auch anders kommen könnte, als wir meinten.»

Dachten viele im Februar noch, Nördlich Lägern sei aus dem Rennen um ein Atommülllager, intervenierte das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi): Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) hatte im Januar die Region Nördlich Lägern zurückgestellt und dem Bundesrat Zürich Nordost im Weinland und Jura Ost im Aargau für die nähere Betrachtung empfohlen. Im September fand aber das Ensi, die Nagra müsse Unterlagen zu Nördlich Lägern nachliefern. «Dies verunsichert natürlich, mir ging es da wie allen anderen in der Regionalkonferenz. Wir stecken jetzt in einer Phase mit vielen Fragen und vielen Befürchtungen», sagte Lienhart.

Wieso die Nagra nicht tiefer bohren will als nötig

Zur Zurückstellung von Nördlich Lägern nahm Piet Zuidema, Leiter Technik und Wissenschaft bei der Nagra, Stellung. Anhand von Modellen und Rechnungen sei die Nagra zum Vorschlag gekommen, die Tiefenlage zu begrenzen. So müsste im Unterland das Lager in 900 Metern Tiefe erstellt werden, um genügend Platz zu haben. Im Weinland hingegen liesse sich der Bau in 700 Metern Tiefe bewerkstelligen. «Grosse Tiefen können zu Störungen des Steines führen. Aus meiner Sicht und im Sinne der Sicherheit sollte man Barrierenelemente nicht zerstören, wenn dies nicht nötig ist», sagte Zuidema. «Wenn man muss, kann man in solch grosse Tiefen gehen. Wenn man aber nicht muss, sollte man nicht.» Die Nagra sehe keine Notwendigkeit für solche Tiefen. Die Differenz zu Zürich Nordost sei signifikant.

Vollständigkeit laut Ensi nicht gewährleistet

Michael Wieser, Leiter des Bereichs Entsorgung beim Ensi, erklärte: «Wir haben sehr hohe Anforderungen. Unser Ziel ist es, mit der Nachforderung Mehrwert in einem heiklen Punkt zu gewinnen.» Man könne nicht einfach sagen, die Nagra habe Untersuchungen angestellt, diese werden schon gut sein. Das Ensi wolle die entsprechenden Berichte sehen. Ein Lager in grosser Tiefe könne auch Vorteile haben, es sei nicht so schnell von einer Oberflächenerosion bedroht. Als Nachteile könne ein Bauingenieur zum Beispiel vorbringen, dass in grösserer Tiefe mehr Beton und Stahl nötig ist. Dadurch entsteht mehr Korrosion, wodurch wiederum die Gasbildung begünstigt wird.

«Es geht uns um die Frage, ob die Tiefe ein eindeutiger Nachteil für Nördlich Lägern ist.» Nachliefern muss die Nagra unter anderem naturwissenschaftlich-technische Grundlagen wie felsmechanische Kennwerte – also zum Beispiel, wie viel Druck der Opalinuston aushält, bis er sich verformt. Gefragt sind auch Informationen und Modelle zur Gefährdungsbildung, Bautechnik und zur Langzeitsicherheit. «Wir wollen mehr sehen von der Nagra», sagte Wieser. Der Bericht sei zwar 15 000 Seiten lang, das Ensi müsse dennoch auf Vollständigkeit bestehen. «Wenn wir weitere Lücken im Bericht der Nagra finden, fordern wir die entsprechenden Informationen ein», antwortete er auf eine Frage.

Mit dem eigenen Prüfprozess ist das Ensi laut Wieser schon relativ weit fortgeschritten. Das Ensi lege den Vorschlag der Nagra auf die Seite und prüfe von Grund auf und im Detail. Kantonsvertreter Thomas Flüeler sagte, dass die Standortkantone Expertenberichte zu den Themen Bautechnik, Felsmechanik, Seismik und Erosion in Auftrag gegeben hätten. Diese sollen auf Ende Jahr hin fertiggestellt sein. Sie werden am 5. Februar im Ausschuss der Kantone besprochen.

Bundesratsentscheid verschiebt sich um ein Jahr

Stefan Jordi vom Bundesamt für Ener­gie­ betonte, dass die Transparenz einer der wichtigsten Grundsätze im Prozess sei. Deshalb sei man mit der Nachforderung des Ensi auch sofort an die Öffentlichkeit gegangen. Der Schritt wurde mit Bundesrätin Doris Leuthard abgesprochen. Laut Jordi verschiebt sich der Bundesratsentscheid zum Standort wegen der Nachforderung von 2017 auf 2018. Genau lasse sich der Termin aber noch nicht nennen. Wenn das Ensi die Vorschläge der Nagra nicht bestätigen sollte und Nördlich Lägern im Rennen bliebe, wäre die intensive Mitarbeit der Regionalkonferenz wieder gefragt.

Bis zum Entscheid aber heisst es laut Lienhart: «Wir werden am Ball bleiben, ohne uns zu stark aufzudrängen.» Auf die Frage, weshalb die Mitglieder der Regionalkonferenz trotz der mehrfach betonten Verunsicherung aufgrund der Ensi-Nachforderung so ruhig bleiben, antwortete der Präsident: «Es ist besser, still zu sein, wenn man verunsichert ist.» Vertrauen in den Prozess hat die Konferenz mit wenigen Ausnahmen aber weiterhin, wie eine entsprechende Abstimmung zeigte.

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Erstellt: 23.10.2015, 21:27 Uhr

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