Hüttikon

Ein Haus, wie es kein zweites mehr im Kanton Zürich gibt

Einst entsprach es dem ländlichen Standard, längst ist es eine Sehenswürdigkeit: Das letzte erhaltene Zürcher Strohdachhaus von 1683 war Bauernhaus, Schule und Jugendherberge - als Begegnungsstätte für die Bevölkerung gewährt es heute Einblick in seine Vergangenheit.

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Ein seltener Zeuge vergangener Zeit – das Strohdachhaus in Hüttikon ist das letzte im Kanton Zürich. «Das Spezielle an dem Haus ist, dass es überhaupt noch da ist», meint Philippe Jakob, ehemaliger Aktuar des Vereins Forum Hüttikon. Noch 1812 waren 16 der 23 Häuser des Dorfes vollständig mit Stroh gedeckt.

Bis ins 19. Jahrhundert war dies die übliche Bedachungsart ländlicher Bauten im Mittelland: Kostengünstig aus eigenem Rohstoff hergestellt, kühlte es im Sommer und hielt im Winter warm. Aufgrund der Brandgefahr wurden neue Strohdächer verboten, bestehende nach und nach vom Ziegel verdrängt. Statt mit Stroh wird inzwischen mit Schilf eingedeckt. «Das heutige Getreide eignet sich nicht», weiss Jakob. «Die Züchtungen haben einen zu kurzen Halm, zudem wird es maschinell gedroschen.»

32 Kinder in der Stube

Um 1683, so ergab die dendrochronologische Altersbestimmung, wurde das Haus nach aargauischem Vorbild gebaut. Als Vielzweckbauernhaus mit Wohnteil, Tenn und Stall unter einem Dach zeigt es den Übergang von der bislang im Furttal üblichen Bohlenständerbauweise zum neuzeitlicheren Fachwerkbau auf. Von der Bauherrenfamilie Markwalder wechselte es später in den Besitz der Familie Güller. 1823 kaufte die Gemeinde einen Hausteil ab und nutzte die grosse Stube rund 50 Jahre für den Schulunterricht – bis zu 32 Kinder waren auf viermal sechs Meter zusammengepfercht. 1874 erlangte Jakob Stadtmann das Eigentum.

Der Kanton Zürich erwarb das Haus 1940 für 11 000 Franken von dessen Erben, um einen gravierenden Umbau zu verhindern und richtete das bereits 1929 unter Schutz gestellte Gebäude für einige Jahrzehnte als Jugendherberge ein. Nach dreijähriger, von der Kantonalen Denkmalpflege beaufsichtigter sanfter Renovierung verantwortet das neugegründete Forum Hüttikon seit 1988 den Betrieb des museal erhaltenen Baudenkmals als kulturellen Begegnungsort für die Bevölkerung.

Unten Funken, oben Rauch

Für eine 40-seitige Broschüre anlässlich der Wiedereinweihung hatte Philippe Jakob zahlreiche Dokumente gesammelt und studiert, Aufnahmen auf Glasplatten aus den 1920er und 30er Jahren sorgsam rekonstruiert. Michèle Sohre, seit acht Jahren Vereinspräsidentin, betont: «Es macht Freude, für einen so schönen Ort Sorge zu tragen. Am liebsten zöge ich selber hier ein.» In der Rauchküche im Erdgeschoss wölbt sich eine imposante Chämihütte über dem Platz der einstigen Feuerstelle.

Das vom Russ geschwärzte lehmbestrichene Weidengeflecht verhinderte, dass Funken in das Obergeschoss drangen. Der aufsteigende Rauch, in dem man Wurst und Schinken räucherte, verflüchtigte sich abgekühlt durch zwei Löcher in den offenstehenden Dachstock. «Dort imprägnierte er Holz und Stroh und vernichtete Ungeziefer», bestätigt der Chronist. «Mit Rauch hielt das Strohdach bis zu 80 Jahre.» In den beiden Stuben stehen grosse grüne Kachelöfen. Der ältere trägt im Kranz die Inschrift: «Jacob Bachofen Hafner ab Regensperg 1779», im Sandsteinfuss des anderen ist die Jahreszahl 1795 eingehauen. Ihre Funktion büssten beide 1979 mit dem Einbau einer Elektroheizung ein.

30 Zentimeter halten stand

In zwei ehemalige Schlafkammern im Obergeschoss zogen Spiel- und Krabbelgruppe ein, der dritte Raum wird gern für Trauungen genutzt. «Das graue Fachwerk verströmt eine besondere Atmosphäre», findet Sohre. Durch eine Tür im Erdgeschoss gelangt man ins Tenn, welches mit einem neuen Tor versehen wurde. Die hölzernen Futterklappen sind original erhalten, ebenso der steinerne Futtertrog im Stall. Eine Treppe führt hinauf in den eindrucksvollen Dachraum, über eine Brücke gelangt man zum Boden über dem Wohnteil hinüber. «Mit der Seilhaspel am Dachfirst zog man die Garben zur Bühne hoch», erklärt Jakob. Die Untersicht auf das steile Dach gibt den Blick auf die rund 30 Zentimeter dicke, 2014 erneuerte Schilfschicht frei. «Selbst bei starken Regen dringen höchstens ein paar Tropfen hindurch.»

Zweierlei Löcher im Holz

Auf dem Weg zum Gewölbekeller, welcher über einen aus Feldsteinen gemauerten Kellerhals zu erreichen ist, weist Jakob auf Urinlöcher in der hölzernen Aussenwand der Knechtkammer hin. «Durch diese erleichterten sich Tagelöhner während der Nacht.» Bemerkenswert seien auch sechs paarweise gebohrte Löcher in der Stirnfläche einer eichenen Längsschwelle, eines noch verschlossen von einem abgebrochenen Pflock. In diesen Verpflockungen versteckte man einst Haare, Zettel oder andere Reliquien, um Unheil abzuwehren.

Das Strohdachhaus kann von jedermann gemietet werden, das Forum Hüttikon organisiert dort Veranstaltungen wie die bekannte Ostereierausstellung. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 06.02.2018, 14:46 Uhr

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