Unterland Kurios

Ein schützenswertes Loch im Boden

In den Wäldern östlich von Weiach befindet sich ein Loch ­ im Boden, welches als Kulturgut gilt. Der Grund: ­ Das Loch ist Teil eines Refugiums, über dessen Herkunft ­ in den letzten 150 Jahren verschiedenste Theorien kursieren.

Das Loch im Weiacher Wald hat viele Historiker beschäftigt.

Das Loch im Weiacher Wald hat viele Historiker beschäftigt. Bild: Sibylle Meier

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War­um wird ein Loch ­ im Wald, etwa einen Meter breit und vielleicht dreissig bis vierzig Zenti­meter tief, als Kulturgut von kan­tonaler Bedeutung angesehen? Was ist so besonders toll an die­ser Vertiefung östlich von Weiach ­ auf dem Wörndel, einem Hügel, der von den Einheimischen auch «Leuenchopf» genannt wird?

Das Loch im Wald ist den ­Weiachern schon lange bekannt. ­Ulrich Brandenberger – er ist der Her­aus­geber des Blogs Weiacher­geschichten.blogspot.ch –, hat sich in den Ausgaben 76 und ­ 77 schon vor Jahren eingehend mit dem Thema befasst und ­ die wesentlichen Informationen dazu zusammengetragen. Seine Recherchen haben Erstaunliches ergeben. Das Loch auf dem Wörndel ist nämlich Teil eines Refugiums, einer von Menschen erbauten Anlage aus Wällen und Graben. Dieser Befestigung haben sich in den letzten 150 Jahren zahlreiche Historiker und Archäologen gewidmet. Und dabei ­haben sie verschiedene Theorien ent­wickelt, wer denn nun tat­säch­lich auf dem Wörndel zum Werkzeug gegriffen hat, um sich zu verschanzen. Und vor allem wann.

Refugium ist eine Fluchtburg

Als einer der Ersten beschäf­tigte sich Ferdinand Keller im 19. Jahrhundert mit dem Refugium. Keller war sehr wohlhabend und konnte sich ganz der Suche und Beschreibung von Altertümern widmen. Er begründete die Pfahlbautheorie und eta­blier­te sich in der Schweiz als Autorität. Seine Theorien wurden dar­um lange Zeit kaum angezweifelt.

Im Jahre 1869 schrieb Keller ­ die Weiacher Bauten den Helvetiern zu. Dabei berief er sich just auf einen Römer, auf Julius ­Cäsar nämlich. Denn dieser hatte in ­seinem Werk «De bello Gallico» (Über den Gallischen Krieg) ­die Stra­tegie keltischer Stämme beschrie­ben. Über die Helvetier berich­tete Cäsar: «Das ist es, war­um die Helvetier mannhafter sind als die übrigen Kelten, weil sie sich fast tagtäglich mit den am rechten Rheinufer wohnenden Germanen herumschlagen, bald bei Verteidigung des eigenen Gebiets, bald bei Einfällen in das Gebiet der Germanen.» Für Keller war daher klar, dass es sich bei dem Refugium um eine Fluchtburg handeln musste, welche die Helvetier nutzen konnten, wenn sie sich bei Geplänkeln mit den Nachbarn auf der ande­ren Seite des Flusses wieder einmal übernommen hatten.

Kellers Einschätzung prägte wäh­rend Jahrzehnten die Interpretation der Bauten auf dem Wörn­del. Zu seiner Zeit passte ­seine Interpretation gut in die Identitätsstiftung des noch jungen Bundesstaates. Die zähen Helvetier und ihre wehrhaften Anlagen, mit denen sie sich auch gegen grössere Feinde zur Wehr setzten – das war eine dankbare Interpretation der eigenen Vergangenheit.

Theorie von Helvetiern wahrscheinlich falsch

1934 aber wurde eine zweite Theorie aufgestellt. Ein Mitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Urgeschichte fand einen Feuersteinsplitter und ging daher davon aus, dass die Bauten aus der Jungsteinzeit stammen könnten. Wenig später gesellte sich noch eine dritte Theorie dazu: Die Bauten könn­ten aus dem Mittelalter stammen, ­dar­auf würden die Überreste ­ eines gemauerten Turms deuten, die 1935 bei Grabarbeiten gefunden worden sein sollen.

Heute geht man davon aus, ­ dass die alte Theorie von den Helvetiern wahrscheinlich falsch ist. Patrick Nagy, Fachbereichsleiter der Kantonsarchäologie Zürich, wagte 2003 aufgrund von Begehungen der Anlage eine Datierung auf die prähistorische Zeit. Ob tatsächlich auch Turmfundamente aus dem Mittelalter vorhanden sind, kann Nagy ohne Grabung ­ vor Ort allerdings nicht sagen. Auch der genaue Zweck des ­Lochs ist noch nicht geklärt. Möglich ist, dass es Eingang zu einem Gang war oder dass es zur Wasserversorgung gedient hat.

Loch ist nur ein C-Objekt

Und wie wird das Loch nun ­geschützt? Müsste im Kriegsfall eine Horde Zivilschützer abkommandiert werden, die sich schützend um das Loch herum positioniert? Oder würde es in seiner Ganzheit ausgegraben werden und zu seiner Sicherheit an einen geheimen Ort gebracht? Weder noch, sagt Hans Schüpbach, stellvertretender Chef des Kultur­güterschutzes. Tatsächlich ist ­ die grösste Schutzmassnahme, ­ die zurzeit greift, nämlich die, dass das Loch und der Rest der Anlage nicht ausgegraben werden und weiterhin von der Erde geschützt werden.

«Man sollte sich keine allzu grossen Illusionen machen und nicht davon ausgehen, dass ein solches Objekt im Notfall – etwa im Kriegsfall, bei einem Brand oder bei Erdbeben – erhalten wird», hält Schüpbach fest. Der Grund: Das Loch hat den falschen Buchstaben. Der Kultur­güterschutz unterscheidet drei Kategorien von Objekten: A-Objekte sind von natio­naler Bedeutung, B-Objekte von kantonaler Bedeutung und C-Objekte von loka­ler Bedeutung. Nur A-Ob­jekte werden im Notfall aktiv geschützt. Das Loch im Weiacher Wald wäre also bei einer Katastrophe salopp formuliert weiterhin auf sich ­alleine gestellt. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 22.07.2015, 20:03 Uhr

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In der Sommerserie «Unterland Kurios» geht die ZU-Redaktion Kuriositäten aus der Region auf den Grund.

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