Hüttikon

Eine Diagnose verändert zwei Leben

Jürg Anliker ist von einer speziellen Form derDemenz betroffen. Seit drei Jahren kann der 58-Jährige nicht mehr arbeiten. Der gelernte Koch war Gastronomieunternehmer und zuletzt als Lebensmittelinspektor unterwegs. Jetzt sind seine Tage mit Gruppentreffen und Ausflügen ausgefüllt. Seine Frau Brigitte kümmert sich trotz Berufstätigkeit um ihren Mann.

Trotz seiner Demenzerkrankung kommt Jürg Anliker mit Unterstützung seiner Frau noch gut allein zurecht.

Trotz seiner Demenzerkrankung kommt Jürg Anliker mit Unterstützung seiner Frau noch gut allein zurecht. Bild: bag

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eher zufällig hat ein Arzt vor drei Jahren bei Jürg Anliker aus Hüttikon eine frontotemporale Demenz (FTD) und Alzheimer festgestellt. Die Ursachen für diese degenerative Krankheit sind nicht geklärt. Sie äussert sich auf verschiedene Arten, bei Jürg Anliker zum Beispiel mit Veränderungen bei der Sprache. «Mir war nicht bewusst, dass mein Mann eine ernsthafte Erkrankung haben könnte, als er angefangen hatte, Sätze zu verdrehen», sagt Brigitte Anliker. «Die Diagnose kam deshalb total überraschend.» Sie hat das Leben des Ehepaares stark verändert.

Reisen bedeutet sehr viel

Die beiden lernten sich in der Hotelfachschule kennen. Später führten sie in verschiedenen Bergregionen Gastronomiebetriebe, was sehr wenig Freizeit bedeutete. «In der Zwischensaison haben wir dafür öfter längere Reisen in alle Welt unternommen», sagt Brigitte Anliker. Auf Reisen gehen sie auch heute noch. Oft fahren sie mit dem Zug, aber auch organisierte Bus- und Schifffahrten sind möglich. Noch findet sich Jürg Anliker allein zurecht, wenn er mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist. Seinen Beruf als Lebensmittelinspektor musste er jedoch aufgeben.

«Mir war nicht bewusst, dass  mein Mann eine ernsthafte Erkrankung haben könnte, als er angefangen hatte, Sätze zu verdrehen.»Brigitte Anliker

Von Dienstag bis Donnerstag hat seine Frau für ihn ein Aktivitätenprogramm zusammengestellt. «In der Regel arbeite ich an diesen Tagen», erklärt sie. Oder sie geniesst einen freien Tag. Das 60-Prozent-Pensum in der Lebensmittelabteilung von Globus in Zürich ist sehr wichtig für sie. «Dort habe ich mein eigenes Umfeld mit den Arbeitskolleginnen. Der Beruf bringt Abwechslung und einen Unterbruch in die doch recht anspruchsvolle Betreuungsarbeit.» Sie müsse schauen, dass sie selber gesund bleibe und Kraft für ihre spezielle Situation mit dem Ehepartner schöpfen könne. «Ich bin gern in der Natur und gehe spazieren, das ist für mich sehr wichtig.» Bei gemeinsamen Ausflügen achtet sie darauf, dass sie gewisse Strecken zu Fuss zurücklegen. «Bewegung tut uns beiden gut.»

Hilfsbereit trotz Krankheit

Brigitte Anliker bezeichnet ihren Mann als «liebenswerten Menschen, der sehr hilfsbereit ist». Das kommt sehr gut zum Ausdruck, wenn er am regelmässigen Treffen im Altersheim in Regensdorf älteren Menschen beim Gang zur Toilette hilft oder nach dem Mittagessen den Tisch abräumt. Er gehe zwar nicht besonders gern dorthin, weil er dort vorwiegend mit alten Leute zusammen komme, weiss seine Frau. In der Regel erkranken eher ältere Menschen an Demenz und Alzheimer. Die frontotemporale Demenz tritt jedoch bei Menschen zwischen 45 und 60 Jahren auf. Dann stehen die betreuenden und pflegenden Angehörigen oft noch im Erwerbsleben. Diese Doppelbelastung bringt auch Brigitte Anliker manchmal an ihre Grenzen. Deshalb schätzt sie die Zusammenkünfte mit anderen Betroffenen. «Der Austausch mit Angehörigen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, ist sehr hilfreich.»

Das Thema «Berufstätigkeit und Betreuung Angehöriger» steht im Zentrum einer Impulsveranstaltung, die am Montag, 30. Oktober stattfindet.

Am Dienstag besucht Jürg Anliker jeweils seine 96-jährige Mutter, die im Altersheim in Kilchberg wohnt. «Dort komme ich gut hin, esse mit ihr Zmittag und unterhalte mich mir ihr», erklärt er. Am Mittwoch steht Logopädie in Zürich auf dem Programm. Den Weg dorthin findet er ohne Begleitung. Anschliessen ist er im Waidspital anzutreffen, wo sich jüngere und ältere demente Frauen und Männer treffen. Sie hören Musik, singen und tanzen und erhalten ein Mittagessen. Regelmässig eine Mahlzeit einzunehmen ist wichtig, weiss Brigitte Anliker. «Kochen ist eine sehr komplexe Angelegenheit. Deshalb kann er das auch zu Hause nur noch selber machen, wenn ich dabei bin.» Allerdings gelinge dem ehemaligen Koch der Risotto immer noch gut.

Unerklärliches Verhalten

So hilfsbereit und umgänglich ihr Mann in der Regel sei, käme es gelegentlich auch zu unkontrollierbaren Szenen. Es kann passieren, dass Jürg Anliker mit Gegenständen um sich wirft, wenn er sich hilflos fühlt. Bisher sind das aber äusserst seltene Vorkommnisse. An gewisse gesellschaftliche Normen hält er sich nicht mehr. «Er duzt zum Beispiel alle oder füllt nur das eigene Glas.» Es gibt von der Alzheimer Vereinigung spezielle Kärtchen mit Informationen über die Krankheit, die sie jenen abgeben kann, die sich am Verhalten ihre Mannes stören.

Brigitte Anliker hat sich an vieles gewöhnt und freut sich über das, was noch möglich ist. Sie geniesst auch die gemeinsamen Ausflüge. Damit ihr dafür genügend Zeit und Energie bleibt, leistet sie sich vom Assistenzbeitrag eine Haushalthilfe. Da Jürg Anliker zu 100 Prozent arbeitsunfähig ist, erhält er eine volle IV-Rente und Hilflosenentschädigung. Was sie manchmal vermisst, sind die Gespräche mit ihrem Mann. Sie lebten zwar zusammen, und doch sei sie allein. «Aber wir kennen uns schon sehr lange, und nächstes Jahr feiern wir unseren 30. Hochzeitstag.» Für dieses Jubiläum ist bereits eine Reise geplant. Jürg Anliker weiss auch genau wohin. «Eine Schifffahrt durch Frankreich», gibt er Auskunft. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 11.10.2017, 18:21 Uhr

Tag für betreuende und pflegende Angehörige

Am Montag, 30. Oktober, findet in Zürich zum dritten Mal der nationale «Tag für pflegende und betreuende Angehörige» statt. 140 000 Personen in der Schweiz im Erwerbsalter betreuen und pflegen regelmässig Angehörige. An der Impulsveranstaltung steht die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Betreuungsarbeit im Fokus. Sie will aber auch den Dialog fördern zwischen Angestellten, Arbeitgebern und der öffentlichen Hand. Thematisiert werden auch Erfolgsmodelle und Stolpersteine.
Die Veranstaltung richtet sich an Angehörige, Fachpersonen aus dem Sozialbereich, Arbeitgeber, Gewerkschaften, Mitarbeitende von Bund, Kantonen und Gemeinden. Es werden Referate gehalten, Erlebnisberichte sind zu hören und eine Podiumsdiskussion findet statt mit Kommentaren aus verschiedenen Perspektiven. Infos und Anmeldung auf www.angehoerige-pflegen.ch/workcare für den Anlass vom Montag, 30. Oktober, 17 bis 19 Uhr im Careum Autditorium, Pestalozzistrasse 11, Zürich. (bag)

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

The Take Die besten Weihnachtsfilme

Bergün Eine Zeitreise in die Vergangenheit inklusive

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben