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Einfrautheater lässt Erinnerungen wach werden

Mit dem Einfrautheaterstück «Rosen für Herrn Grimm» wählte die Kulturkommission Dänikon ein Stück über das Tabuthema Demenz. Schauspielerin Katja Baumann brach mit ihrer Darbietung nicht nur eine Lanze für Betroffene und ihre Angehörigen, sondern auch das Eis für die Diskussion danach.

Patient Herr Grimm und seine Pflegerin Frau Jöhri führen einen aufgeregten Wortwechsel. Zuletzt finden sie in der Theaterform eine gemeinsame Sprache.
Patient Herr Grimm und seine Pflegerin Frau Jöhri führen einen aufgeregten Wortwechsel. Zuletzt finden sie in der Theaterform eine gemeinsame Sprache.
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Wer sich am Samstag im Saal und früheren Schopf des Anna-Stüssi-Hauses einfand, kam mit unterschiedlichen Erwartungen. Eingeladen hatte die Kulturkommission zum Einfrautheater­stück «Rosen für Herrn Grimm», welches sich dem Thema Demenz annimmt. Protagonistin Johanna Jöhri vollzieht dabei eine Metamorphose von der ungeduldigen, «Dienst nach Vorschrift» amtenden Spitex-Frau zu einem verständnisvollen Gegenüber. In einer etwas verwahrlosten Stube scheint die Zeit vor hundert Jahren stillgestanden zu sein.

Ein Totentanz mit Folgen

In dieser besagten Stube erfüllt sie dem vergesslichen, hauptsächlich in der Erinnerung lebenden alten Mann seinen letzten Wunsch, noch einmal die Theaterrequisiten seines verstorbenen und ach so geliebten Bruders Jakob ins Leben zu rufen. Dass darunter auch der Tod in Form einer Totenkopfmaske steckt, und dieser durch den vollzogenen Totentanz lebendig wird, gehört zu den Pointen des Stücks. Denn diese für den alten Herrn Grimm so «schöne» Szene erlöst ihn zugleich von seiner Krankheit.

So entschläft der Patient, treffend gespielt von einer Puppe, in den Armen der Betreuerin. Nicht nur die alten Römer pflegten zu sagen, man möge dem Volk «Brot und Spiele» geben. Schauspielerin Katja Baumann, die das Stück «Rosen für Herrn Grimm» bereits über 120-mal aufgeführt hat und Mitorganisatorin des NordArt Theaterfestivals in Stein am Rhein ist, verfeinert diesen Ausdruck. Ihre Stücke seien «Vollkornbrot» und somit vollwertige Kost für das Publikum. Tatsächlich erreicht sie mithilfe dieses Einfrautheaterstücks, dass sich die Herzen der rund 50 Besucherinnen und Besucher öffnen.

Es gelingt ihr ferner, spontane Reaktionen aus den Zuschauerreihen wie «Ja, genau so isch es» zu entlocken. Theaterbesucherin Georgette Wullschleger aus Dänikon stimmt obigem Satz bei: «Als Kind erlebte ich hautnah, wie sich die Demenzkrankheit bei meiner Grossmutter ausbreitete. Wo sie Geschichten und Details von früher präzise wiedergeben konnte, versagte ihr Erinnerungsvermögen in ganz alltäglichen Situationen. Ich musste ihr jeweils ins Ohr flüstern, wer zu Besuch kam, da sie niemanden mehr erkannte – auch mich nicht.»

Die Diskussion ist eröffnet

Nach der rührenden «Erlösung» des von Erinnerungslücken geplagten, doch ansonsten schlagkräftigen Herrn Grimm kommt es zu einer Frage- und Diskussionsrunde. Katja Baumann erzählt von ihrem Traum, in welchem sie den berühmten Märchensammler Wilhelm Grimmin Form einer Puppe erkennt. «Er war recht grimmig und schien extrem vergesslich, da kam mir die Idee, dies mit einem Stück zu thematisieren», sagt die in Wien studierte Musicalschauspielerin mit Vorliebe für kleine Bühnenproduktionen.

Die Frage nach der Puppe

Die Frage, ob sie schon in einer Klinik für Demenzkranke gespielt habe, verneint sie: «Ich bin nicht sicher, ob ich diese Gratwanderung schaffen würde.» Es sei ihr «Lohn» genug, wenn dieser Abend eine neue mutige Form der Annäherung an diese Betroffenen hervorrufen würde. Dem fügt eine Zuschauerin hinzu, dass es nicht Mut, sondern nur Liebe brauche. Die Motivation, Herrn Grimm in Form einer sprechenden Puppe darzustellen, sieht Katja Baumann darin, dass Puppen viel authentischer seien als Schauspieler. Das Wechselspiel zwischen sprechender Puppe und ihrem eigenen Auftritt liege ihr.

«Dieses Theaterstück fiel un­ter den zahlreichen Bewerbungen, die wir erhalten, gleich auf», sagt Marlis Schüpbach, Präsi­dentin der Kulturkommission und sichtlich erfreut ob der in der Diskussion zutage getretenen ­Offenheit der Däniker. Wilhelm Grimm, die Puppe, verschwindet derweil in die Requisitenkiste – und wird beim Theater­publikum wohl noch lange nicht in Vergessenheit geraten.

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