Eglisau

Erzählnacht zeigt literarisches Schaffen aus dem Volk

An der Erzählnacht in Eglisau kamen am Freitagabend gut zwei Dutzend Gäste in den Genuss eigener oder geliehener literarischer Perlen. Acht Protagonisten präsentierten sie ihnen im Zehn-Minuten-Takt.

Autor Stefan Roduner las dem Publikum eine Kostprobe aus seinem Krimi «Holder Engel» vor.

Autor Stefan Roduner las dem Publikum eine Kostprobe aus seinem Krimi «Holder Engel» vor. Bild: Francisco Carrascosa

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Stuhl auf der improvisierten Bühne ist mit Samt so rot wie Herzblut bespannt. Gerade eben sass Silvia Hagedorn, die 90-jährige Mutter des Organisators zehn Minuten lang auf diesem Sitzmöbel. Von hier aus nahm sie das Publikum mit auf eine waghalsige Tour über den Aletschgletscher. Jetzt ist der Oberglatter Stefan Roduner an der Reihe. Im Schein einer Leselampe schlägt er seinen Krimi «Holder Engel» auf. Bei der Erzählnacht Eglisau sind die Akteuere nicht nur physikalisch unter den uralten Balken aus dem Jahre 1280 mit ihrer Zuhörerschaft auf gleicher Ebene. Vielmehr verbinden sie auch die Geschichten und Gedanken, teils aus dem Leben, teils aus der Phantasie, aber immer mit viel Herz und Leidenschaft vorgetragen.

Gruseliges und Grusiges

Doch zurück auf die Bühne. Hier stellt Roduner gerade seine Mimik auf Krimimodus: «Er war in seinen Wagen gestiegen und hatte wie in Trance den kurzen Weg von Bülach bis nach Rümlang unter die Räder genommen. Plötzlich war, wie aus dem Nichts, eine Frau vor ihm aufgetaucht. Sie war ihm direkt vor die Motorhaube gerannt. Das Bild, als die Frau mit dem Gesicht gegen die Windschutzscheibe schlug, brachte er nicht mehr aus dem Kopf», liest er aus seinem Krimi vor. Das Publikum erschaudert. Nach fünf Minuten ist Schluss mit der Kostprobe.

Die restliche Zeit füllt Roduner mit Gedichten aus seiner eigenen Feder. «Es ist ein bisschen grusig. Aber wir sind ja hier in Eglisau, deshalb glaube ich, das kann ich bringen», sagt er und berichtet dann von Anton, der seiner Anne zuliebe die Badewanne zum Whirlpool umfunktioniert. «Anton liebt es grüne Bohnen zu essen», verrät der Autor die Wirkungsweise. Dem Publikum gefällts. Mit dem Applaus ist es dann allerdings so eine Sache. Die Klappstühle im Rittersaal stehen so eng beieinander, dass man beim Klatschen die Ellenbogen nah an den Körper nehmen muss.

Derbes und Liebliches

Im Verlauf des Abends trägt Schauspieler Heini Hophan aus Opfikon derbe Gedichte des Francois Villon, einem französischen Dichter des 15. Jahrhunderts vor. Dem Publikum scheint besonders das Loblieb auf die Frauen von Paris zu gefallen. Darin schwärmt Villon von deren Kussqualitäten: «Schöne Frauen gibt es überall auf der weit und breiten Erdenwelt, ob am Tiber oder Senegal, im Palast und im Zigeunerzelt», rezitiert Hophan auswendig mit seiner Bariton-Stimme und schliesst mit den Worten: «Küsst keine so süss, wie die Frauen von Eglisau». Eigentlich müsste es Paris heissen, doch die hiesige Zuhörerschaft nimmt die eigenmächtige Textkorrektur des 52-Jährigen schmunzelnd in Kauf.

Journalistin Nadine Gerber aus Oberhasli beschreibt eine Liebesszene, die sogar die Herren im Publikum andächtig lauschen lässt. Maya Jansen aus Eglisau spielt mit Hilfe einer handgemachten Puppe und ihrem Ehemann Marcellino ein Gedicht Erich Kästners. Dieter «Didier» Karl trägt Autobiographisches eines Schaffhauser Arbeiterbuben vor und Monica Wegmann aus Wil liest ihre Geschichte «Licht aus dem Fenster».

Inspiriert auf den Heimweg

Den Schlusspunkt des Abends setzt mit leiser Stimme Hausherr Ueli Wagner. Unter anderem fabuliert er: «Die Tamariske flüstert: Oh Hibiskus. Gib mir doch einen Hibis«kuss».»

Am Ende der Veranstaltung gehen die Menschen angeregt plaudernd hinaus ins nächliche Städtchen. Die 9-jährige Unity Quartu aus Wil fühlt sich inspiriert und könnte sich gut vorstellen, selbst einmal aktiv Teil dieser Erzählnacht zu sein. Und Ulrich Bosshard aus Rafz, seit Jahren ein Stammgast dieser Veranstaltung, bringt das Geheimnis der Erzählnacht auf den Punkt. Er sagt: «Ich schätze immer wieder diese Schöpferkraft aus dem Volk».

Erstellt: 20.01.2019, 15:58 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.