Im Tschad

Frieren bei 30 Grad Celsius

Jeden Tag lernt Salome Zollinger im Tschad Neues und Fremdes kennen – so auch, dass das Leben hinter Hotelmauern anders und Kälte nicht gleich Kälte ist.

Inzwischen versteht Salome Zollinger, wenn ihre Schützlinge, bei für Schweizer Verhältnisse sommerlichen Temperaturen, frieren und sich warm anziehen.

Inzwischen versteht Salome Zollinger, wenn ihre Schützlinge, bei für Schweizer Verhältnisse sommerlichen Temperaturen, frieren und sich warm anziehen. Bild: pd

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Mitte November, Ende der kurzen Hitzesaison, gingen wir das erste Mal baden. Es war die letzte Gelegenheit, bevor es zu kalt sein würde. In der Stadt gibt es ein Hotel, in dem man für einen bestimmten Preis den Tag am Pool verbringen kann. Sobald die Eingangstore sich hinter uns geschlossen hatten, befanden wir uns in einer anderen Welt: Anstelle von bedeckten Köpfen und langen ­Röcken sahen wir kurze Hosen, Bikinis und Sonnenbrillen. In unserer farbigen, der Region angepassten Kleidung wurden wir belustigt beäugt. Die Gäste des Hotels ­waren haupt­sächlich Nicht-Afrikaner, Geschäftsleute, die nicht viel aus­ser­halb der Mauern des Hotels zu sehen bekamen.

So realisierte ich, dass man in N’Djamena leben kann, ­ohne ­dabei etwas von der tschadischen Realität zu spüren. In diesen wenigen Stunden, die wir am Rand des Swimmingpools verbrachten – mit überteuerten Cocktails und bequemen Liegestühlen – hätte auch ich leicht vergessen kön­nen, dass ich mich in einem der ärmsten Länder der Welt befinde. Die Gäste, die in solchen Hotels logieren, sehen nichts als dieses falsche Bild des Tschad. Umringt von Reichtum, nur durch eine Hotel­mauer von der Armut abgetrennt, fühlte ich mich ziemlich unbehaglich. Und doch tat es mir gut, einen Tag frei von Zwängen zu verbringen.

Unterdessen hat auch im Tschad der Winter Einzug gehalten. Wobei hier die Definition des Wortes Winter von derjenigen in der Schweiz abweicht. Bei 25 Grad Celsius am Morgen und 30 Grad am Mittag tragen un­sere Schulkinder Jacken, Mützen, Schal und Hands­chuhe. Die Fenster der Schulzimmer müssen geschlos­sen bleiben, denn die Schü­ler und Lehrer haben kalt. Selbst der Gottesdienst beginnt später, weil die Leute nicht mehr so schnell aus ihren warmen ­Betten steigen wollen. Zunächst konnte ich dar­über nur lachend den Kopf schütteln und ­habe Fotos der verschneiten Schweizer Alpen gezeigt.

Hätte ich doch lieber geschwiegen. Heute schlafe auch ich unter zwei Decken, mit langer Pyjamahosen und Socken – und friere nachts immer noch. Am Morgen trage ich Leggins unter meinem ­Jupe und eine Strickjacke. Meine Füsse sind den ganzen Tag eis­kalt und auch duschen ist kein Vergnügen. Noch vor einem Monat hätte ich mir selber «den Vogel gezeigt», als der Schweiss mir nonstop den Rücken runterlief und ich selber nicht daran glaubte, bald zu frieren. Aber man muss dieses Wetter hier im Tschad wirk­lich erst am eigenen Leib erleben, um zu verstehen. Die Luftfeuchtigkeit ist so tief, dass es einem viel kälter scheint, als dass es tatsächlich ist. Doch ich beklage mich nicht über diese kalten Tage und Monate, denn ich werde sie sicher bald sehr vermissen.

Nicht mehr vergessen werde ich meinen 19. Geburtstag in Afrika. Nach einem fast vierstündigen Gottesdienst erwartete mich ein Geburtstagsfest ganz nach schweizerischer Art. Die Teammitglieder hatten alles so arrangiert, dass ich mich beinahe wie an einem verschneiten zweiten Advents­sonn­tag in der Schweiz wähnte: Kerzen wurden angezündet, Zimt­tee gekocht, Lebkuchen und Ananas­torte gebacken. Es war an meinem Geburtstag sogar das erste Mal rich­tig kalt hier, und die Sonne bekam ­ man kein einziges Mal zu Gesicht. Mein Zwillingsbruder dürfte in der Schweiz wohl einen nicht allzu anderen Geburtstag erlebt haben. ()

Erstellt: 18.12.2015, 10:45 Uhr

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