Niederhasli

Für die einen «ein Verbrechen», für die anderen ein Erfolgsmodell

Ein «wirres Konstrukt» sei das Lernmodell an der Sekundarschule Seehalde, kritisiert eine Gruppe von Eltern. Der Schulleiter verteidigt das selbst organisierte Lernen.

Das Lernmodell an der Sekundarschule Seehalde in Niederhasli bleibt umstritten.

Das Lernmodell an der Sekundarschule Seehalde in Niederhasli bleibt umstritten. Bild: Archiv ZU

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Der Lehrer schreibt mit Kreide etwas an die Wandtafel und die Schüler bringen es mit ihren Füllern zu Papier. So sieht Schule hierzulande schon lange nicht mehr aus. Die Lernformen sind mittlerweile vielfältig. Ein Schulmodell, welches im Niederhasler Sekundarschulhaus Seehalde besonders intensiv praktiziert wird, sorgt aber weiterhin für rote Köpfe bei einem Teil der Elternschaft.

Das Modell selbst organisiertes Lernen (SOL) (siehe Kasten) kommt an der Seehalde bereits seit drei Jahren zur Anwendung. Für Schulleiter Gregory Turkawka ist es ein Erfolgskonzept, für einen Teil der Eltern weiterhin ein rotes Tuch. In einem anonymen Schreiben an die Medien bringen die unzufriedenen Eltern, 25 an der Zahl sollen es sein, zahlreiche Kritikpunkte an.

Streitpunkt Chemieunterricht

Eine Mutter schildert, wie ihr Sohn abgestuft wurde und heute praktisch so gut wie die ganze Woche während des Schulunterrichts am Computer spiele, ohne dass irgendjemand vonseiten der Schule den Jungen zum Arbeiten und Lernen motivieren würde.

«Wenn der Schüler abgstuft wurde, dann ist das auf mangelhafte Leistungen zurückzuführen», sagt Schulleiter Turkawka. Sollte er tatsächlich während der Schulzeit am Computer spielen, würde das mit Sicherheit auffallen und korrigiert.

Die Eltern kritisieren in ihrem Schreiben weiter, dass in der dritten Klasse kein Chemie- und Physikunterricht stattfinde, obwohl dies der Lehrplan so vorsehe. Auch diesen Vorwurf weist der Schulleiter zurück. In den ersten eineinhalb Jahren würden Biologie und Chemie unterrichtet und im zweiten Jahr Mechanik. «Im dritten Jahr machen wir dann eine von der Berufswahl abhängige Vertiefung», sagt Turkawka. Wer zum Beispiel Automechaniker werden möchte, würde in diesem Bereich vertieft weiterarbeiten. Jemand mit dem Berufsziel Physiotherapeut würde sich vermehrt der Biologie widmen.

Zwischenzeitliche Einbussen

Die Eltern führen weiter an, dass Noten absichtlich zu hoch angesetzt würden, was Turkawka ebenfalls zurückweist. Direkt nach der Einführung des neuen Schulmodells habe es wegen der Umstellung zwischenzeitlich Leistungseinbussen bei Schülern gegeben, erklärt er. Deshalb habe man bei diesen Schülern Anpassungen bei den Noten vorgenommen. Mittlerweile sei dies aber nicht mehr der Fall.

Der Frust bei der Elterngruppe sitzt aber noch tiefer. So schreiben sie, die Schulleitung sei nicht bereit, über die Kritik zu sprechen, würde Lehrern Maulkörbe verpassen und Schüler dazu instrumentalisieren, nur positiv über das Schulsystem zu sprechen. Besorgte Eltern würden bewusst ins Leere laufen gelassen. Turkawka weist diese Vorwürfe pauschal als «Blödsinn» zurück. Er sei alles andere als kritikscheu. Zudem verweist er auf die Möglichkeit zur Mitwirkung im Elternrat. Diese würden die unzufriedenen Eltern aber nicht wahrnehmen.

Für diese aber ist das selbst organisierte Lernen ein «wirres geistiges Konstrukt» des Schulleiters, der sein Experiment an ahnungslosen Schülern durchführe. Was hier geschehe, sei ein Verbrechen an ganzen Schülergenerationen.

Turkawka wiederum beruft sich auf das gute Abschneiden der Seehalde-Schüler in den Stellwerk-Tests, die in allen Schulen kantonsweit durchgeführt werden. «Unsere Sek-B-Schüler schneiden seit der Einführung des Modells um bis zu 15 Prozent besser ab in diesen Tests.» Zutreffend sei aber, dass die Schüler eine gewisse Anpassungszeit brauchten, wenn sie ins neue System wechselten.

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Erstellt: 04.11.2015, 19:57 Uhr

Selbst organisiertes Lernen (SOL)

Wie an anderen Sekunderschulen führt das Schulhaus Seehalde die Abteilungen A und B. Neu werden die Schüler jedoch nicht mehr in einer fixen Klasse, sondern in alters- oder in leistungsdurchmischten Gruppen geführt. Je nach Fach oder Kurs ist der Schüler in einer anderen Gruppe.
Statt einer Hauptklasse gibt es eine Homebase, die aus Schülern unterschiedlichen Alters, jedoch derselben Stufe besteht. Während gewisser Phasen können die Schüler bestimmen, wor­an sie arbeiten. Unterstützt werden sie vom Lerncoach. Die Schüler können periodisch zwischen verschiedenen Kursen in den Fächern wählen. Bewertet werden sie anhand von Punkten, die sie an Fachprüfungen und mittels des Festhaltens und Erreichens gestellter Aufgaben und Ziele sammeln können. Die Endpunktzahl ergibt eine Note. (red)

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