Dielsdorf

Für einmal nicht Eminem und Rihanna, sondern Beethoven und Ravel

Die Schulleitung der Pestalozzi-Jugendstätte Burghof spricht von einem ­Experiment. Keiner der jungen Erwachsenen hört sonst ­klassische Musik. Doch der Auftritt des Aria-Quartetts kommt bei ihnen gut an.

Der Auftritt des Aria-Quartetts in der Autowerkstatt der Pestalozzi-Jugendstätte Burghof kommt beim jungen Publikum besser an als erwartet.

Der Auftritt des Aria-Quartetts in der Autowerkstatt der Pestalozzi-Jugendstätte Burghof kommt beim jungen Publikum besser an als erwartet. Bild: Balz Murer

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Sie seien schon eher «schwere Jungs», sagen die jungen Männer in der Pestalozzi-Jugendstätte Burghof in Dielsdorf über sich selber. Doch die Musik von Beethoven und Ravel lässt sie durchaus zahm werden. «Das Konzert war ganz okay», sagt einer von ­ihnen nach dem Auftritt des Aria-Quartetts, das in der Autowerkstatt des Burghofs spielte. Sonst höre er Hip-Hop. Der 19-Jährige macht eine Lehre im Bereich Betriebsunterhalt in der Pestalozzi-Jugendstätte. Sein Kollege, der die Lehre als Maler macht, ist eher der Typ, der an Elektro­partys geht.

Der Schulleiter des Burghofs, Schmuel Stokvis, will den Jugendlichen die Gelegenheit geben, sich eine Meinung über klassische Musik zu machen. «Zur Bildung gehört auch das Abbauen von Vorurteilen», sagt er. «Deshalb wagen wir dieses Experiment.» Auf die Idee, das Aria-Quartett einzuladen, sei er in Zürich in einer düsteren Bar gekommen bei einem Bier, sagt er in seiner Ansprache vor dem Konzert. Dann gibt er jedoch zu: «Es war ein Restaurant, und ich habe Kamillentee getrunken.»

Das Aria-Quartett tritt nicht nur international in Konzert­sälen auf. Es spielt regelmässig vor einem kleineren Publikum, etwa in Erziehungsanstalten. Die Autowerkstatt in Dielsdorf sei aber ungewohnt für sie, sagt Conradin Brotbek vom Aria-Quartett. Der Ort werde sie aber beflügeln, sagt er, bevor es losgeht, und verspricht: «Sie werden es hören.» Die zwei Damen spielen Violine, die beiden Herren Viola beziehungsweise Cello. Während zweier Sätze Beethovens ist es still. Das erstaunt Brotbek. «Ihr hört sehr gut zu», sagt er zum Publikum. «Das hätte ich nicht gedacht.» Er verspricht Jazzelemente in einem ersten schnellen Satz und einem zweiten lang­samen von Ravel.

Publikum ist erstaunlich still

Während des langsameren Satzes erlaubt sich ein Jugendlicher, demonstrativ laut zu gähnen. Dennoch sind sowohl Brotbek als auch Schulleiter Stokvis zufrieden. «Die Jungs sind sich nicht gewohnt, dass jemand auf der Bühne so viel von sich preisgibt», sagt Stockvis. Denn sie selber hätten meist die Haltung, dass man stets «krass» sein müsse.

Nach dem Konzert hört man zwar nicht direkt Lob, aber auch keine krassen Worte. «Ich bleibe beim Hip-Hop», sagt der Betriebsunterhalts-Lehrling. Eminem und Rihanna seien eher seine Welt. Auch unter den Betreuern finden sich keine Klassik-Fans. Diese hören meist Rock. Sein Favorit sei Deep Purple, sagt ein Lehrmeister. Doch das Konzert hat auch ihm gefallen. «Es war der Hammer, sehr emotional.» Die Jugendlichen im Burghof sind im Durchschnitt 19 Jahre alt. Sie sind dort, weil sie keine Lehrstelle gefunden haben, oder sind im offenen Vollzug, weil sie eine delinquente Vergangenheit haben.

Den nächsten Auftritt hat das ­Aria-Quartett am Sonntag um 17 Uhr in der Kirche St. Peter in Zürich.

Erstellt: 10.06.2016, 14:37 Uhr

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