Steinmaur

Gotteshaus im Spannungsfeldzwischen Tradition und Moderne

Die Geschichte der reformierten Kirche Steinmaur reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück und ist umfangreich dokumentiert. Die Relikte der Vergangenheit sind rar, doch sehenswert – entsprachen die zahlreichen Anpassungen Innen und Aussen stets den Anforderungen der Zeit.

Von den Anfängen ihrer Existenz erzählt die reformierte Kirche Steinmaur nur noch wenig – zahlreiche Renovationen, Verlängerungen, An- und Umbauten, welche sie über die Jahrhunderte erfahren hat, prägen das Erscheinungsbild des weiss verputzten gotischen Baus.

Die Geschichte der Kirchgemeinde Steinmaur – vom Einzug des Christentums ins Zürcher Unterland bis zur umfassenden Gesamtrenovation des Gotteshauses 1952 – hat der Lehrer und Lokalhistoriker Heinrich Hedinger gemeinsam mit dem damaligen Ortspfarrer Jakob Hitz in einer 50-seitigen Festschrift aufbereitet und als Verfasser der «Ortsgeschichte von Steinmaur» 1968 ergänzt.

Auf diese Informationsfülle greift Diakon Peter Knecht bei gelegentlichen Führungen zurück. «So viel weiss ich als Zugezogener natürlich nicht», räumt er ein. Nach jeweils 13 Jahren im Dienst der Kirche in Bassersdorf und Basel ist er seit 2007 in Steinmaur tätig.

Zum Turmbau verurteilt

Hinweise auf einen Steinmaurer Geistlichen reichen bis 1175 zurück, 99 Jahre später wird erstmals ein Gotteshaus urkundlich erwähnt. 1275 ist die Kirche im «liber decimationis» aufgeführt, jenem zur Einziehung des päpstlichen Kreuzzugszehnts angelegten Amtsbuch, welches einen Überblick über die damaligen Pfarreien und Klöster des Bistums Konstanz vermittelt.

Mit dem Pfarrersgehalt von 36 Mark konnte man sich damals zwei Pferde kaufen

Daraus ersichtlich ist auch das ungewöhnlich hohe Gehalt des Pfarrers, mit 36 Mark hätte er mehr als zwei Pferde kaufen können. 1370 werden im Register kirchlicher Einkünfte Neerach, Bachs, Stadel und Windlach als Filialen genannt.

1442 erwarb das Spital Baden den Kirchensatz und bestimmte vermutlich den heiligen Vincenz zum Kirchenpatron. Ein langjähriger Rechtsstreit von Gemeinde und Priester gegen das Spital um eine notwendige Kirchenrenovation wurde 1470 am bischöflichen Gericht Konstanz entschieden.

Demnach wurde das Spital dazu verpflichtet, den Chor und Turm ohne Kosten der Gemeinde zu errichten, letztere lieferte Holz, Stein, Kalk und weiteres Baumaterial. So wuchtig, wie er damals gestaltet wurde, steht der Turm – längst mit Storchennest und Zürcher Fahne auf dem First – noch heute da.

Orgel auf Wanderschaft

Über eine Treppe im Vorraum erreicht man die 1952 verbreiterte Empore, auf der seither die Orgel der Firma Kuhn aus dem Jahre 1928 steht. «Zuvor war sie im eigens dafür vergrösserten Chor untergebracht, der im Rahmen der Renovation redimensioniert und mit einem Glasfenster des Kunstmalers Paul Eichenberger geschmückt wurde», weiss Knecht.

Die ältesten verbauten Hölzer wurden im Winter 1485/86 gefällt

Die vorherige, 1873 erworbene Orgel aus dem Jahr 1761 war auf einer kleinen Seitenempore an der Nordwand installiert, die man abgebrochen hat. Quer über den von Fledermäusen behausten Dachboden gelangt man zum steilen Aufstieg in die Glockenstube.

Oberhalb der Gegengewichte finden sich die ältesten verbauten Hölzer: Gemäss chronolgischer Untersuchung wurden sie im Winterhalbjahr 1485/86 gefällt, ein Neubau des Turmdachstuhls ist auf 1755 datiert.

Verkündeten zuvor drei im 18. Jahrhundert umgegossene Glocken Freud und Leid, wurde am 29. Januar 1923 ein neues vierstimmiges Geläut der Firma Egger in Staad mit einem Gesamtgewicht von 3700 Kilogramm von Schulkindern in den Turm hinaufgezogen.

Abbruch und Neubau

Kurz darauf wurde die Turmuhr mit vier statt zwei Ziffernblättern versehen und die spätbarocke Sonnenuhr über dem einstigen, ehemals gemauerten Haupteingang an der Südseite mit einer Malerei vom Lehrer Hans Schaad verschönt.

Grabtafeln von Pfarrherren erinnern daran, dass der ummauerte Kirchhof ehedem als Gemeindefriedhof diente. Die älteste des Pfarrers Johann Jakob Steiner (1607-1661) an der Nordfassade fand sich 1952 bei Ausgrabungen im Chor.

Schloss sich südlich der Kirche einst das Pfarrhaus an, wurde es nach dem Abbruch 1857 auf der anderen Strassenseite neu gebaut. «Bis man den Verlauf der Hauptstrasse 1951 änderte, führte eine Treppe hinauf zum Westportal», weiss der Diakon und zeigt ein altes Konfirmandenfoto zum Beleg.

Seither gelangt man über Stufen links und rechts hinab zum Trottoir. Eine Rollstuhlzufahrt sei geplant, bis dahin helfe ein Treppenlift.

Psalm als Wandtattoo

Durch hohe Spitzbogenfenster gelangt Licht ins Kirchenschiff, in das getönte Glas sind runde Gemeindescheiben von 1857 eingelassen. Zwei reich geschnitzte Kirchenörter von 1814 bezeugen das von begüterten Familien genutzte Recht, Sitzplätze käuflich zu erwerben.

Heute dient der Taufstein als Rednerpult

Ein Wandspruch ist oberhalb der geschnitzten Kanzel in ein Medaillon gefasst. «Die altdeutsche Schrift können junge Leute kaum mehr lesen», bedauert der 63-jährige Diakon. Zeitgemäss hingegen kommt das Jahresmotto als Wandtattoo daher.

Der Taufstein von 1821 ist ein Geschenk des damaligen Pfarrers Johann Zimmermann, wie die Inschrift verrät. Das alte Becken wurde, damit es nicht später als Springbrunnen oder Blumenträger missbraucht würde, darunter versenkt.

«Heute dient der Taufstein mehr als Rednerpult, 2012 wurde er mobil gemacht und kann etwa bei Aufführungen oder musikalischen Anlässen zur Seite geschoben werden», berichtet Knecht. «An modernen Gottesdiensten spielt hier vorne eine Band.»

Martina Kleinsorg

(Zürcher Unterländer)

Erstellt: 25.04.2018, 15:28 Uhr

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