Niederglatt

Hausarzt-Ehepaar verabschiedet sich nach 36 Jahren von seinem Traumjob

Ueli und Annemarie Reinhardt übergeben die beiden ihre Hausarztpraxis offiziell an ihre Tochter Nina Reinhardt, die sie gemeinsam mit einer anderen Hausärztin weiterführen wird.

Die Eltern von Nina Reinhardt (Mitte) sind froh, mit ihrer Tochter die perfekte Nachfolgerin für ihre Hausarztpraxis in Niederglatt gefunden zu haben. Annemarie und Ueli Reinhardt ziehen sich ganz zurück und kümmern sich stärker um Haus und Garten als das bisher möglich war.

Die Eltern von Nina Reinhardt (Mitte) sind froh, mit ihrer Tochter die perfekte Nachfolgerin für ihre Hausarztpraxis in Niederglatt gefunden zu haben. Annemarie und Ueli Reinhardt ziehen sich ganz zurück und kümmern sich stärker um Haus und Garten als das bisher möglich war. Bild: Paco Crrascosa

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Seit Ueli und Annemarie Reinhardt 1982 ihre Hausarztpraxis in Niederglatt gegründet hatten, arbeiteten sie nach dem Prinzip Jobsharing. «Meine Frau wollte ihren Beruf nicht aufgeben, und ich hatte das Bedürnfis, Zeit mit unseren drei Kindern zu verbringen», sagt Ueli Reinhardt. Die Zusammenarbeit in der gemeinsamen Praxis habe sich während all der Jahrer bestens bewährt.

Jetzt steht der grosse Wechsel bevor. Noch bis Ende dieser Woche empfangen die beiden ihre jeweiligen Patientinnen und Patienten. «Es ist ein spezielles Gefühl», sagt Annemarie Reinhardt. «Wie eine Sanduhr, die abläuft.» Sie und ihr Mann verabschieden sich mit einem Brief, der mit der Rechnung zusammen an die Patienten geschickt wird. Annemarie Reinhardt hat aber festgestellt, dass derzeit noch viele Leute in die Praxis kommen, die nicht krank sind. «Sie wollen einfach noch Adieu sagen.»

Tochter wollte nie Medizin studieren

Nina Reinhardt ist das mittlere der drei Kinder. Ursprünglich wollte sie gar nie Medizin studieren. Doch nach der Matur hat sie ihre Meinung geändert. «Ich habe in all den Jahren die Begeisterung meiner Eltern für ihren Beruf hautnah mitbekommen. Irgendwann ist der Funke auf mich übergesprungen», sagt sie. Schon während des Studiums ist ihr klar geworden, dass sie sich nicht auf eine Fachrichtung beschränken will. «Mir gefällt die Vielfalt in einer Hausarztpraxis. Und das Schöne sind die länger dauernden Beziehungen, die man zu den Patienten aufbauen kann.»

Vor drei Jahren ist sie als drittes Teammitglied bei den Eltern eingestiegen. Das ist für alle eine gute Lösung. «Das Aufhören fällt uns ein bisschen leichter, weil wir wissen, dass wir mit Nina und ihrer Kollegin eine sehr gute Nachfolge gefunden haben», sagt Ueli Reinhardt.

Mehrere Generationen der gleichen Familie begleitet

Für ihn sei nie etwas anderes als Hausarzt in Frage gekommen. «Am Anfang bestand die Klientel vor allem aus alten Leuten. Später sind deren Kinder zu uns gekommen und manchmal auch noch die Grosskinder. Wir haben zum Teil mehrere Generationen der gleichen Familie betreut.» Der enge Kontakt sei sehr wichtig für ihn. «Das macht eine Hausarztpraxis aus.» Eine Krankengeschichte über eine längere Zeit zu verfolgen, vertiefe das Verhältnis zwischen Arzt und Patient.

Genau das ist es, was auch Nina Reinhardt an ihrem Beruf fasziniert. «Während meiner praktischen Ausbildung war ich jeweils nur für ein halbes Jahr an einem Ort. Das fand ich schade, denn ch wusste nicht, wie es mit den Menschen, die ich behandelte, weiterging.» Das passt allerdings nicht für alle Leute. Ueli Reinhardt hat festgestellt, dass die Anonymität einer Permenance vermehrt der persönlichen Nachfrage in einer Hausarztpraxis vorgezogen wird.

Nina Reinhardt hat von klein auf mitbekommen, was berufliches Engagement bedeutet. «Meine Eltern waren rund um die Uhr verfügbar, was sehr geschätzt wurde.» Sie will auch an den Hausbesuchen festhalten. «Das sehe ich als wichtigen Teil meiner Aufgabe an», sagt sie. Dazu gehören weiterhin auch regelmässige Visiten im Altersheim in Niederglatt. Kontakte pflegen und Zuhören können sei ebenso wertvoll, wie ärztliche Behandlungen.

Privat und beruflich als Team funktioniert

Ueli und Annemarie Reinhardt haben sich während ihres Medizinstudiums kennengelernt. Als es um die berufliche Ausrichtung ging, war bald klar, dass sie eine gemeinsame Hausarztpraxis führen und sowohl Arbeit als auch Familienbetreuung teilen wollten. «Das hat sich in all den Jahren bewährt», sagt er. «Es war ein Traumjob, äusserst vielseitig und sehr interessant.» Immer wieder betont Reinhardt die Vorteile des persönlichen Kontakts. «Wenn jemand wegen Herzbeschwerden einen Termin vereinbart hat, zeigt er bei der Gelegenheit eben auch noch den eingewachsenen Zehennagel.»

Es sei für ihn unverständlich, weshalb so wenig junge Ärzte sich für eine Hausarztpraxis entscheiden. Reinhardt verschweigt nicht, dass der Einsatz sehr gross ist. «Das Engagement für unsere Patienten spielte natürlich auch ins Privatleben hinein. Dass unser Haus sehr nahe bei der Praxis liegt, erleichterte vieles.» Als Beispiel nennt der Arzt die Behandlung von Notfällen zu allen Tages- und Nachtzeiten. Er erinnert sich an eine Episode aus früheren Jahren als es nach Mitternacht an der Haustür klingelte. Auf seine Nachfrage, wer da sei, erklärte eine männliche Stimme: «Ich bins, der Kari. Ich kann nicht mehr brünzeln!» Der Mann hatte Probleme mit der Prostata, und Ueli Reinhardt behandelte ihn natürlich sofort.

3500 Krankenakten sind digitalisiert worden

Während der vergangenen drei Jahre, seit Nina Reinhardt in der Praxis mitarbeitet, sind sämtliche 3500 Krankenakten digitalisiert worden. «Das war sehr viel Aufwand, aber nötig», sagt sie. Ab 1. Oktober ist die Praxis für drei Wochen geschlossen. In dieser Zeit finden Renovationsarbeiten statt, so dass sie und ihre Kollegin gemeinsam in aufgefrischten Räumlichkeiten mit einem modernen Labor starten können.

Nina Reinhardts Eltern ziehen sich ganz aus dem Berufsleben zurück. Dafür haben sie mehr Zeit für Haus und Garten, fürs Tennisspielen und Lesen. «Ich werde mich intensiver mit meinem Hobby beschäftigen können», sagt Ueli Reinhardt. Er hat vor einigen Jahren begonnen, Holzskulpturen herzustellen. Das ist sehr aufwendig, angefangen beim Motorsagen über die Bearbeitung mit dem Meissel bis zum Feinschliff. «Da kann ich jetzt endlich auch für längere Zeit dranbleiben.»

Erstellt: 24.09.2018, 17:39 Uhr

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