Regensberg

«Ich wünsche den jungen Frauen viel mehr Wagemut»

Die Schweizer Schriftstellerin Susanna Schwager hat im Zürcher Unterland eine neue Heimat gefunden. Nicht nur der schönen Natur Sorge zu tragen, ist ihr ein besonderes Anliegen, sondern auch den jungen Frauen. In ihrem neuesten Buch lässt sie diese zu Wort kommen.

In den Gesprächen mit jungen Frauen stellte Autorin Susanna Schwager fest, dass auf diesen heute mehr Druck lastet als auf jungen Männern.

In den Gesprächen mit jungen Frauen stellte Autorin Susanna Schwager fest, dass auf diesen heute mehr Druck lastet als auf jungen Männern. Bild: Leo Wyden

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Seit einem halben Jahr wohnen Sie im beschaulichen Regensberg. Was hat Sie als Stadtmensch aufs Land gezogen?
Ich habe ein halbes Jahrhundert in der Stadt Zürich gewohnt. Es war Zeit für einen Wechsel – weg von der Überreizung und Schnelllebigkeit. Regensberg war Zufall oder Fügung. Mein Vater hat im wunderbaren Hirzelhaus seit einem Jahr eine neue Heimat gefunden. Ich nenne es bewusst Hirzelhaus, denn «Heim» klingt für meine Ohren so antiquiert und zu negativ für solch einen besonderen Ort. Ich besuchte meinen Vater oft, und wir spazierten langsam durch die schöne Landschaft und sind dabei so viel Freundlichkeit begegnet. Das erste, was ich wahrgenommen habe, waren zwei gute Geister – sozusagen die Türhüter am Dorfeingang. Hansueli, der beim Brunnen sass und uns immer anstrahlte, und Mustafa von der tollen Dorfbeiz «Kurt» mit seinem total herzlichen Lachen. Ich fühlte mich wie in Italien.

Was gefällt Ihnen am Land-
leben, am Zürcher Unterland?
Der grosse Himmel und die selten schöne Natur. Zu der man notabene extrem Sorge tragen muss. Heute beim Spazieren habe ich ohne Übertreibung drei Rehen, einem Hasen, vier Störchen, unzähligen Milanen und fröhlichen Kindern zugeschaut. Das ist Meditation pur. Was stumpf rotiert, ist auf Distanz. Die Gegend um Regensberg hat alles, was gute Energie gibt. Ich mag die Gemächlichkeit und die Bezogenheit hier, auch die Sorgfalt und Kreativität in vielen kleinen Dingen. Die Türen sind offen, und in den Häusern wohnen Menschen, die sich begegnen, im Guten und sicher auch im Mühsamen. Fantastisch sind auch die Hofläden mit den taufrischen Angeboten. Ich habe hier buchstäblich das volle Leben gefunden. Echte Lebensqualität.

In Ihrem neuesten Buch «Das halbe Leben – Junge Frauen erzählen», geben die Frauen sehr viel Persönliches preis. Drei wollten dann den Text nicht freigeben. Wie wichtig ist Ihnen Ihre eigene Privatsphäre?
In Zeiten von unberechenbaren Netzen tun wir sehr gut daran, sorgfältig damit zu sein, was wir öffentlich preisgeben. Ich bin häufig öffentlich, setze mich an Lesungen und Veranstaltungen den Leuten und ihren Fragen aus, gebe oft Interviews. Um Kraft zu tanken und arbeiten zu können brauche ich Ruhe. Die fröhliche Einsiedelei im kleinen Städtchen ist ideal.

Sie haben selber eine 23jährige Tochter. Haben Sie durch dieGespräche mit den jungen Frauen ein anderes Verständnis zur Lebenssituation der heutigen Frauengeneration bekommen?
Ich glaube ja. Ich habe viel Kontakt mit jungen Menschen, aber diese intensive Auseinandersetzung mit der jungen Generation nach den Büchern mit alten Menschen hat mich sehr nachdenklich gemacht. Ich habe das Gefühl, es geht den jungen Frauen nicht gut.

«Vielleicht mache ich eine Art Volksliteratur, mein Schreiben soll nah an den Menschen sein, an ihrem Denken, Sprechen, Leben und Fühlen.»

Susanna Schwager,
Schweizer Autorin

Wie meinen Sie das?
Im Gegensatz zu den jungen Männern registriere ich bei den Frauen mehr Druck, Unentschlossenheit, auch eine seltsame Mutlosigkeit oder Angst. Erstaunlich viele haben etwas Selbstzerstörerisches. Ich glaube, die Bilder, welche die jungen Frauen von sich haben, sind oft nicht ihre eigenen, sondern mehr denn je gesteuert von männlichen Idealvorstellungen und Vorgaben. Die Wirkung der allgegenwärtigen Musik- und übrigens auch der Pornoindustrie auf die Jungen wird total unterschätzt. Sie macht Frauen zu hohlen Objekten. Das sage ich als ziemlich unverklemmtes Kind der Siebzigerjahre. Auch die Perfektheit, die Frauen mit ihrem Leben und ihrem Körper meinen erfüllen zu müssen, ist ungesund. Für mich sind die jungen Frauen der Anfang allen Lebens. Sie tragen unsere Zukunft in sich! Es kann uns absolut nicht egal sein, wenn es ihnen nicht gut geht. Wir alle sind gefordert.

Was glauben Sie, können junge Frauen aus Ihrem neuen Buch mitnehmen?
Vielleicht, ihrer ureigenen Stärke und Schönheit zu vertrauen. Ihrer Eigenheit und Innerlichkeit, statt der Selfie-Oberflächlichkeit. Nicht alles ständig zu hinterfragen, sondern es einfach mal gut sein zu lassen. Machen, vorwärts gehen. Die jungen Frauen sind nämlich grossartig, sie müssen es nur selber merken. Die Rapperin Steff la Cheffe oder die Boxweltmeisterin Aniya Seki beschreiben im Buch wunderbar, wie man den Fokus auf den Mut legen kann, statt auf die Angst. Ich wünsche den jungen Frauen viel mehr Wagemut – übrigens auch für echte und ureigene Träume. Und dass sie sich gegenseitig darin unterstützen, darauf zuzugehen. Auch wenn es mühsam ist und oft bedeutet Umwege zu gehen.

Sie haben lange Jahre als Lektorin und Redaktorin gearbeitet, sich also immer schon mit Sprache befasst. Aber erst mit über 40 Jahren Ihr erstes Buch, «Fleisch und Blut», geschrieben. Weshalb hat es so lange gedauert?
Ich hatte nicht das Bedürfnis. Beim Diogenes Verlag war ich umgeben von fantastischen Autoren und Schriftstellerinnen wie Urs Widmer, Friedrich Dürrenmatt, Patricia Highsmith. Da brauchte es mich nicht auch noch. Erst über den Umweg in die Fremde, in Mexiko, wo ich mit meiner Familie mehrere Jahre lebte, fand ich meine eigene Sprache und meine Inhalte. Die Initialzündung waren die unglaublichen Erzählungen meines 90jährigen Grossvaters Hans Meister nach der Rückkehr. Er kam mir vor wie ein alter Indianer, voller Rätsel. Und ich merkte, dass ich über die alten Indianer Mexikos mehr wusste als über die eigenen.

Ihre Bücher haben einen Boom an sogenannter «O-Ton-Literatur» ausgelöst. Welche Herausforderungen bedeutete es für Sie, die aufgenommenen Gespräche zu Papier zu bringen?
Ich sehe mich vielleicht ein wenig wie die Brüder Grimm. Ich sammle Gedanken und Geschichten bei den Leuten und bringe sie in eine Form. Vielleicht mache ich eine Art Volksliteratur, mein Schreiben soll nah an den Menschen sein, an ihrem Denken, Sprechen, Leben und Fühlen. Daraus ergibt sich eine grosse Verantwortung. Weil ich Erzähltes in meiner Interpretation verschriftliche, es sozusagen in Stein meissle und in die Zukunft gebe. Die Verantwortung liegt in der Wahrhaftigkeit.

Erreicht man mit dieser Sprache die Leser besser?
Ich habe offenbar einen Nerv getroffen. Meine Bücher kommen leicht daher, aber sie sind eine tiefe Auseinandersetzung mit einer Begegnung, mit den Wörtern, die mir geschenkt werden. Ich suche in den Geschichten und Gedanken gewöhnlicher Menschen etwas, das zeitlos ist und mich oder uns alle angeht. Was kann man als Schreibende mehr wollen, als dass Junge wie Alte, Männer wie Frauen die Bücher mögen. Dass ein Metzger aus dem Muotathal mir an einer Lesung verrät, er habe vor «Fleisch und Blut» noch nie ein Buch gelesen, macht mich glücklich. Und wenn mir Peter Zumthor, der Stararchitekt und Pritzker-Preisträger, schreibt, dass meine Bücher ihm gut tun, ist das schon sehr schön.

Haben Sie bereits ein nächstes Buchprojekt im Auge?
O ja, gleich mehrere. Wie könnte ich anders. Dieser Ort verströmt Kraft.

Wann darf das Zürcher Unterland mit einer Lesung rechnen?
Ich tingle mit meiner Freundin Nadja Zela, der schönsten Blues-stimme der Schweiz, bald ein bisschen durchs Land. Nadja Zela ist eine fantastische Musikerin und Singer/Songwriterin, und das gemeinsame Programm macht uns grosse Freude. In Dielsdorf habe ich schon mehrmals gelesen, das ist aber schon eine Weile her. Vielleicht ergibt sich ja ein «Heimspiel». Das wäre natürlich etwas Besonderes.

Erstellt: 16.08.2017, 14:30 Uhr

ZUR PERSON

Susanna Schwager ist eine bekannte Schweizer Schriftstellerin. Mit ihrem Erstlingswerk «Fleisch und Blut - Das Leben des Metzgers Hans Meister» fasste sie die Erinnerungen ihres Grossvaters in eine eigene Sprache und landete damit gleich ihren ersten Bestseller. Die Werke «Die Frau des Metzgers» und «Ida – Eine Liebesgeschichte» vervollständigten die Familientrilogie. Schwager erhielt dafür 2011 den Preis der Schillerstiftung. Ihr Buch «Das volle Leben – Frauen über 80 erzählen» stand rund ein Jahr auf der Top-Ten-Liste. Vor kurzem veröffentlichte sie den vierten und letzten Band ihres Langzeitprojekts mit Lebensent-würfen: «Das halbe Leben – Junge Frauen erzählen». Susanna Schwager begann ihre
Karriere als Lektorin im Dio-
genes Verlag, nach einem
längeren Aufenthalt in Mexiko arbeitete sie als Redaktorin bei der alten «Weltwoche». Über ein halbes Jahrhundert lebte sie in ihrer Geburtsstadt Zürich. Seit Anfang Jahr wohnt die 58-Jährige nun in Regensberg.jhu
www.susannaschwager.ch, www.nadjazela.com

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