Regensdorf

Mit einem Theaterstück der Schweizer Asylpolitik auf der Spur

Das Zürcher Experi Theater hat mit «Zuflucht» ein Stück geschaffen, das dem Publikum wortwörtlich den Spiegel vorhält.

«Zuflucht» ist ein Stück, das oft im Dunkeln spielt. Am 22. Mai kommt das Experi Theater nach Regensdorf.

«Zuflucht» ist ein Stück, das oft im Dunkeln spielt. Am 22. Mai kommt das Experi Theater nach Regensdorf. Bild: PD

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Den Inhalt von «Zuflucht» zu beschreiben, würde dem Stück Gewalt antun. Denn aus der eineinhalbstündigen Performance der Gruppe Experi Theater geht das Publikum mit mehr Fragen heraus, als es hereinkommt – und diesen Fragen sollte man sich stellen. Was bedeutet Demokratie, humanitäre Tradition, nationale Identität? Was ist «Europa»? Wie hängen all diese Begriffe mit jenen Menschen zusammen, die hier Zuflucht suchen? Und mit dem Bett auf der Bühne, das so sehr an einen Bunker erinnert?

«Kunst orientiert sich hierzulande sehr stark an der Macht der Konventionen.» Source

Es liesse sich wohl etwas darüber sagen, welche Bilder die Performance heraufbeschwört: ein Sarg, rot gefärbtes Wasser, geschnittene Haare, Schauspielerinnen und Schauspieler, die stumm und in graue Gewänder gekleidet durchs Publikum wandeln wie Geister. Ein Spiegel, in dem sich das Publikum selber erkennt, oder vielleicht auch nicht. «Zuflucht» spricht in verworrenen Bildern, die vielfältig interpretierbar sind. Das einzige, was sich mit Bestimmtheit über die Performance sagen lässt, ist: Sie ist unkonventionell.

Experimentelle Plattform

Selbst die wenigen Normen, an die sich das Stück hält (Eintrittspreis, Spielbeginn um 20 Uhr, Bar ab 19 Uhr, das Auf- und Abschliessen des Gebäudes) würde der Regisseur Pakkiyanathan Vijayashanthan lieber abgeschafft sehen. Aber: «In der Schweiz hat experimentelles Theater einen schweren Stand», sagt er, «Kunst orientiert sich hierzulande sehr stark an der Macht der Konventionen.» Vijayashanthan hat das Experi Theater im Jahr 2013 gegründet. Die Idee dahinter sei es, «eine experimentelle Plattform zu erschaffen, um über politische Diskurse nachzudenken, die in der Öffentlichkeit nicht sichtbar sind.»

«Das Thema ist wie ein Magnet. Letztlich geht es um uns alle, darum, wie wir mit Macht umgehen – und wie wir sie bekämpfen.»Source

Ausgangspunkt der neusten Produktion seien die Widersprüche der Asylpolitik in der Schweiz – eine Sphäre, die die Theatergruppe mit dokumentarischem Anspruch aufgearbeitet hat: An der Recherche haben Expertinnen und Experten aus den Bereichen Migrationswissenschaft, Jura und Journalismus mitgewirkt. An der Dramaturgie hat sich nicht nur «Breitbild»-Rapper Andri Perl beteiligt, sondern auch die Doktorandin Marie Drath, Aktivistin beim Bündnis «Wo Unrecht zu Recht wird». Das Aktionsbündnis protestierte im vergangenen Sommer unter anderem in der Stadt Bülach gegen die Zwangsmassnahmen (der «ZU» berichtete).

Drath kennt also die Asylpolitik des Kantons Zürich nicht nur aus medialer oder rechtlicher Perspektive, sondern auch aus jener der Geflüchteten selber; sie hat die Bunker besucht, Rechtsarbeit geleistet und Aktionen mitgestaltet. Auch die Einführung der beschleunigten Verfahren im Asylprozess sowie die Herabsetzung finanzieller Unterstützung für Menschen mit F-Status haben sie beschäftigt. Wem steht Rechtsbeistand zu, bei wem werden sie beschnitten? «An der Asylgesetzrevision fand ich vor allem bemerkenswert, dass nicht entlang der politischen Linie von Links und Rechts debattiert wurde. Auf beiden Seiten gab es Ja- und Nein-Stimmen», sagt sie. Auch diese Stimmen hallen im Stück wieder.

Über den Umgang mit Macht

So vielschichtig wird die Welt des Schweizer Asylwesens in «Zuflucht» dann auch dargestellt: Die Schauspielerinnen und Schauspieler tragen nicht nur Texte von Hannah Arendt («Wir Flüchtlinge») und Franz Kafka («Vor dem Gesetz») vor, sondern auch Briefe von Geflüchteten, in denen sie ihren Unmut an das Migrationsamt ausdrücken: «Migrationsamt, mit deinem Blabla hast du mir acht Jahre meines Lebens gestohlen.» Und doch: Die Themen, die das Stück darstellt, würden über das Thema Asyl hinausgehen, sagt Regisseur Vijayashanthan: «Das Thema ist wie ein Magnet. Letztlich geht es um uns alle, darum, wie wir mit Macht umgehen – und wie wir sie bekämpfen.»

Das Experi Theater führt seine «Zuflucht» am Mittwochabend, 22. Mai, im Aglophon an der Althardstrasse 70A in Regensdorf auf. Beginn ist um 20 Uhr, Abendkasse und Bar ab 19 Uhr. Reservationen über reservation@experitheater.ch oder die Nummer 076 252 17 38., Regissseur

Erstellt: 02.05.2019, 15:56 Uhr

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