Neerach / Regensberg

«Neeri-Chläuse» marschierten gegen die Armut

Am 6. Dezember ziehen die Fünft- und Sechstklässler der Neeracher Primarschule als Chläuse verkleidet nach Regensberg. Vor 100 Jahren nahm dieser alte Brauch seinen damals traurigen Anfang.

Die Neeracher Chläuse mit ihren Leiterwägeli auf dem Weg nach Regensberg. Das Foto entstand um das Jahr 1962.

Die Neeracher Chläuse mit ihren Leiterwägeli auf dem Weg nach Regensberg. Das Foto entstand um das Jahr 1962. Bild: pd

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Zurzeit sind die Neeracher Schülerinnen und Schüler noch damit beschäftigt, für das Neeri-Chlausen Geschenke in Form von Lebensmitteln und Geld zu sammeln. Zu diesem Zweck haben die Kinder fleissig Gebrauchs- und Dekorationsartikel gebastelt, die sie unter anderem auch am Sonntag, 2. Dezember, am Weihnachtsmarkt verkaufen. Die Sechstklässler sind zudem im Dorf auf «Betteltour» gegangen.

Am Donnerstag, 6. Dezember, werden knapp 50 Schülerinnen und Schüler in ihren schwarzen Pelerinen und weissen Rauschebärten die mit den Geschenken beladenen Leiterwagen nach Dielsdorf und hinauf nach Regensberg ziehen und stossen. Die gesammelten Gaben übergeben sie den Kindern der Stiftung Schloss Regensberg.

Es ist dies der 101. Chlausenzug der Neeracher Kinder und dieser steht unter dem Motto «Kinderträume damals – heute». Ein sinnstiftender Leitspruch, denn die Gegensätze von anno 1918 und 2018 könnten nicht grösser sein. Das Neeri-Chlausen, das sicherlich zu den ältesten Zürcher Schulbräuchen gehört, entstand nämlich in einer Zeit voller Leid und Not.

Krieg und Krankheit

Mitte November 1918 ging der Erste Weltkrieg zu Ende. Es herrschte damals auch hierzulande grosse Armut, und viele Menschen hungerten und litten unter der bitteren Kälte. Darüber hinaus wütete die Spanische Grippe, die in Europa Millionen und in der Schweiz tausende von Toten forderte.

Die grassiernde Seuche zwang die Stiftung Schloss Regensberg, die damals noch Erziehungsanstalt hiess, ihre Schülerinnen und Schüler in Quarantäne zu setzen. Die Kinder, Zöglinge genannt, mussten als Folge dieser seuchenhygienischen Massnahme in Regensberg bleiben und durften über Weihnachten nicht zu ihren Familien nach Hause. Weihnachtsgeschenke konnten sie in dieser Situation auch nicht erwarten.

Solidarische Lehrerin

Im «Wehntaler Bote», einem Vor-Vorgänger des «Zürcher Unterländers», wurde in der Rubrik Weihnachtswünsche um Geschenke und Gaben für die armen Regensberger Schlosskinder gebeten. Die Neeracher Primarlehrerin, Fräulein Anna Langhart, las den Bericht in der Postille und organisierte umgehend eine Spendenaktion. Mit ihren Schülerinnen und Schülern sammelte sie im Dorf allerlei Esswaren, die sie anschliessend nach Regensberg «auf die Burg» brachten.

Ein langer Zug

Die Wohltätigkeitsaktion wiederholte sich danach jährlich. Jeweils um den St. Nikolaustag zogen die Neeracher Schulbuben – die Mädchen durften in den Anfangsjahren noch nicht mitlaufen – mit ihren Leiterwägeli, beladen mit Nüssen, Äpfeln, Kartoffeln und anderem Gemüse, zum Städtchen oben an der Lägern. Mit der Zeit hat es sich eingebürgert, dass jeweils die Fünft- und Sechstklässler als Neeri-Chläuse fungieren. Und so ist es heute noch.

Am kommenden 6. Dezember wiederholt sich der Marsch gen Regensberg zum 101. Mal. Aufgrund des 100-Jahr-Jubiläums des Brauchs fällt das Neeri-Chlausen diesmal etwas grösser aus als üblich. Zwar sind von der Schülerschaft wiederum nur die knapp 50 Fünft- und Sechstklässler dabei – die Wanderung auf den Berg ist recht streng –, aber der Begleittross dürfte grösser sein als sonst. So wird die Primarschulpflege geschlossen mitlaufen, aber auch einige Lehrerinnen und Lehrer sowie Klassenassistenten. «Möglicherweise werden auch Vertreter des Gemeinderats dabei sein», sagt Daniela Sayers, Mitglied der Schulpflege.

Lehrerin Anna Langhart mit ihren Schülerinnen und Schülern im Jahr 1918.

Doch damit nicht genug: Die Organisatoren des diesjährigen Neeri-Chlausens laden die Bevölkerung von Regensberg, Riedt und Neerach ein, die Chläuse auf dem Wohltätigkeitsmarsch zu begleiten. Zudem sind auch alle ehemaligen Neeri-Chläuse willkommen. Die Geladenen können sich über die Website der Primarschule Neerach anmelden.

Die Einladungen, die in diesen Tagen in allen Haushaltungen der drei Ortschaften eintreffen, tragen das frischgebackene Signet der Neeracher Chläuse – ein Chlaus in schwarzer Kutte, mit weissem Bart im Gesicht und schwerem Sack auf dem Rücken. «Wir sind um eine Anmeldung froh, damit wir eine Ahnung haben, wieviele Erwachsene dabei sein werden», sagt Sayers. «Es wäre schön, wenn es 100 wären, aber so viele werden es wohl nicht sein.» Dafür sind es aber 100 Luftballons, die die Neeracher und Regensberger Kinder mit einer Wunschkarte in den Himmel steigen lassen werden.

Geld fürs Therapiepferd

In Regensberg übergeben die Chläuse die Geschenke an die rund 50 Kinder der Stiftung. Jedes erhält ein mit dem persönlichen Namen und dem neuen Signet verziertes Säckchen. Auch werden grosse, von den Schülern vierzierte Lebkuchen verteilt. «Als symbolisches Heizmaterial bringen wir auch zwei Säcke Holzkohle mit, die wir dieses Jahr im eigenen Kohlemeiler produziert haben», sagt Sayers.

Wiederum finden in der Stiftung diverse Spiele mit Rangverkündigung statt. Die Sechstklässler können mit den Regensbergern in ihren Gruppenräumen zu Mittag essen, die Fünftklässler werden im Speisesaal verpflegt und der Begleittross löffelt seine Suppe in der Turnhalle.

Das von den Neeracher Schülerinnen und Schülern gesammelte Geld wird für den Unterhalt des Therapiepferds der Stiftung eingesetzt. Dieses heisst Hazel und wurde im Jahr 2010 gekauft – ebenfalls mit Geldspenden, die die Neeracher Schüler zusammengetragen hatten. Hazels Vorgängerin Luna war am 7. Oktober 2009 von einer unbekannten Täterschaft erstochen worden.

Kässeli auch an der GV

Wie die Neeracher Schulpflegerin Daniela Sayers erklärt, besteht weiterhin die Möglichkeit, den Anlass mit einer Spende zu bereichern. Nachdem am Wochenende ein Kässeli in den Abstimmungslokalen bereit stand, kann auch am Weihnachtsmarkt und in der Bibliothek, ja sogar an der Neeracher Gemeindeversammlung vom Montag, 3. Dezember, ein Obolus für das Neeri-Chlausen entrichtet werden.

Erstellt: 27.11.2018, 15:04 Uhr

Das Signet der Neeracher Chläuse – extra zum Jubiläum kreiert.

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