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Sie verwandeln den Wald in Kunst

Eine Woche lang schufen zwölf Studentinnen der interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik unter der Anleitung der Bopplisserin Ingrid Walser Kunstwerke aus Steinen, Zweigen, Moos, Holz oder Kohle. Entstanden ist Erstaunliches.

Sonja Weibel aus Jonschwil erschuf eine Feenstadt aus Rinde, Moos, Ästen, Zweigen, Blättern und Steinen.
Sonja Weibel aus Jonschwil erschuf eine Feenstadt aus Rinde, Moos, Ästen, Zweigen, Blättern und Steinen.
Sibylle Meier

Hier lugt eine verzauberte, ­kleine Feenstadt, erbaut aus Zweigen, Blättern, Baumrinden und Steinen, aus dem Gebüsch hervor, dort hängt eine Art Traum­fänger, geflochten aus ­Ästen, zwischen zwei Bäumen. Auf dem feuchten Waldboden ist die Schweizer Landkarte mit Moos ausgelegt. Eierschalen mit lachenden Gesichtern schauen aus dieser glücklichen Mini-Schweiz hervor. Daneben führt ein Miniatur-Erlebnispfad. Wer barfuss darüber läuft, spürt Kies, Gras, Tannenzweige und -zapfen unter seinen Fusssohlen.

Von den Bäumen schauen einem wilde Gesichter entgegen, gemalt aus weisser Naturfarbe und dem Russ der Feuerstelle bei der Lichtung. Und überall tauchen kleinere und grössere Mandalas auf. Manche sind sehr robust und urchig gestaltet, mit viel Holz und senkrechten Pfählen. Andere sind farbig und verspielt.

Sanfter Umgang mit Natur

Eine Woche lang hat die Bopp­lisser Grafikerin und Künstlerin Ingrid Walser zusammen mit zwölf Studen­tinnen der Hochschule für Heilpädagogik (HfH) den zwischen Höngg und Regensdorf gelegene Grünwald neu gestal­tet. Sie alle werden einmal mit Kindern mit Sprach- oder Bewe­gungsstörungen arbeiten. Die angehenden Therapeutinnen in Psychomotorik und Logopädie und Gebärdendolmetscherinnen gingen dabei sehr behutsam vor. In die Natur wurde nicht ein­gegriffen. Sie arbeiteten nur mit totem Material. Ob Asche, Äste, Beeren, Dornen oder Gras, alles verwandelten sie in Kunst.

Über 40 Mückenstiche

Unter ihnen war auch Rahel, eine 23-jährige Psychomotorik-Studentin. Sie hat ein Mandala aus Zapfen, Zweigen, Ästchen, Kohle, Moos und Efeu erschaffen. In der Mitte prangt ein Schneckenhäuschen mit einer Feder. «Ich habe einfach drauflos­gearbei­tet und nicht viel überlegt», gesteht die Studentin. Die Projektwoche in der Natur habe ihr sehr gefallen. «Es ist erstaunlich, wie viel man erschaffen kann mit dem, was die Natur hergibt. Da muss man gar nicht viel Materialien im Gepäck mitschleppen.» Und noch etwas hat die junge Frau erstaunt: wie körperlich anstren­gend die Ar­beit war. Nach dem ersten Tag war sie erschöpft wie andere auch. Am zweiten Tag liess Walser daher ihre Kurs­teilnehmerinnen Mandalas aus Kalkfarbe auf die Bäume malen, um etwas zu regenerieren.

Eine Herausforderung war auch das Wetter. Wegen des vielen Regens erlebten die Studentinnen eine regelrechte Mückenplage. «Manche hatten über 40 Stiche. Doch alle blieben tapfer und kamen am nächsten Tag wieder», erzählt die Bopplisserin.

Weg von der Digitalisierung

Den Kurs in Naturkunst durch­zuführen, war für die Künstlerin und Lehrbeauftragte, die selber gerne mit Naturmaterialien arbeitet, eine Herzensangelegenheit. Vor zwei Jahren reichte sie daher das Projekt bei der HfH ein. Und es wurde genehmigt. «Wir ­leben in einer hoch technisierten Welt. Ich kenne Fünfjährige, die prima auf dem Tablet malen ­können, aber eine Zeichnung mit Stiften kriegen sie nicht hin.»

Mit dem Kurs im Wald möchte sie der Digitalisierung und permanenten Reizüberflutung etwas entgegensetzen. Denn: «Durch die Digitalisierung verlieren die Menschen ihre Intuition und das Gefühl für sich selber», ist Walser überzeugt. Die Arbeit in der Natur ermögliche hingegen sinn­liche und ästhetische Erfahrungen. Es gehe dabei um Entschleunigung, um die Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit und mit dem Loslassen-Können. Denn niemand weiss, ob das Kunstwerk das nächste Gewitter überdauert oder einem hungrigen Reh zum Opfer fällt. «Mein Ziel ist es, Erwachsene zu ani­mieren, wieder mehr mit den Kindern in den Wald zu gehen.»

Bereits konnten die Kunst­werke jedoch einige Spazier­gänger begeistern. «Eine Gruppe aus Müttern und Kindern war ganz aus dem Häuschen», freut sich die Bopplisserin. Wer die Werke in Natura betrachten möchte, geht am besten in den nächsten Tagen im Grünwald ­vorbei bei der Grillstelle an der Kreuzung Huberwiesenstrasse/Bergholzweg.

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