Dielsdorf

«Über Suizidgedanken zu sprechen, ist für beide Seiten entlastend»

Wie reagieren, wenn der Partner nur noch schwermütig herumsitzt oder sich vom Fernsehansager bedroht fühlt? Psychische Erkrankungen sind für die ganze Familie sehr belastend. Einige Empfehlungen gibt IPW-Chefarzt Urs Hepp.

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Wenn ein Mensch psychisch erkrankt, leidet meist nicht nur er selbst, sondern sein ganzen Umfeld. Besonders Partner und Partnerinnen sind sehr direkt mit der schwierigen Situation konfrontiert. Je nach Krankheitsbild ziehen sich Betroffene zurück oder verhalten sich auffällig. Häufig sind sie nur noch beschränkt in der Lage, ihren gewohnten Beitrag zum Funktionieren des Alltags und Familienlebens zu leisten. Ein erfahrender Psychiater erklärt, wie nahe Angehörige am besten mit psychisch kranken Menschen umgehen können.

Zu den häufigsten psychischen Krankheiten gehören Depressionen. Wie kann man mit einem Partner umgehen, der nur noch niedergeschlagen und antriebslos herumsitzt?
Urs Hepp: Zuerst einmal ist es wichtig, das Verhalten nicht persönlich zu nehmen. Wenn man den Eindruck hat, es liege an mangelnder Liebe, und dem depressiven Partner vorwirft, er sei zu wenig aufmerksam, kommt es zu Konflikten. Es ist nicht so, dass Depressive nicht wollen, sondern sie können nicht. Dies sollte man sich vor Augen halten.

Soll man versuchen, sie zu Unternehmungen zu motivieren?
Bei einer leichtern Form macht das Sinn. Zum Beispiel kann man vorschlagen, zusammen joggen zu gehen. Bewegung und Licht haben bei Depressionen eine positive Wirkung.

Ist das nicht eine schwierige Rolle, die man da einnimmt?
Es ist in der Tat eine Gratwanderung: Drängt man den depressiven Partner zu stark, wird er ärgerlich reagieren und sich noch stärker zurückziehen. Überhaupt muss man aufpassen, dass man Krankheit und Beziehung nicht zu stark vermischt. Oft spitzen sich bestehende Konflikte und Rollen in solchen Situationen noch zu. Am Schluss ist nicht mehr klar, was zuerst war: Die Krankheit oder die Beziehungsprobleme.

Depressive Gefühle haben die meisten schon ansatzweise erlebt und verstehen sie ein wenig. Schwieriger nachzuvollziehen sind Halluzinationen oder Verfolgungswahn.
Meist entwickelt sich eine psychotische Erkrankung langsam. Wenn der Partner das erste Mal erzählt, der Chef sei gegen ihn und er werde an der Arbeit gemobbt, denkt man vielleicht noch, das könnte stimmen. Später glaubt er, die Tagesschausprecherin schaue ihn böse an. Dann ist es eindeutig, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Wie soll man auf so etwas Absurdes reagieren?
Es ist meist sinnlos, psychotischen Menschen ihre Wahrnehmung auszureden. Denn sie erleben die Bedrohung als real. Statt zu diskutieren, setzt man besser bei ihren gesunden Seiten an und versucht, diese zu stärken. Viele sind noch erreichbar, wenn man ihnen einen ganz konkreten Auftrag erteilt– etwa den Abwasch zu erledigen.

Psychischen Krankheiten gehen oft mit Suizidalität einher. Wie können Angehörige mit dem belastenden Thema umgehen?
Wenn man befürchtet, der Partner könnte sich etwas antun, soll man sich nicht scheuen, ihn darauf anzusprechen. Viele haben Angst, dass sie den anderen damit erst auf die Idee bringen. Doch Suizidgedanken sind so verbreitet, dass man sie bei Menschen in einer Krise fast voraussetzen kann. Meist ist es für beide Seiten entlastend, darüber zu reden.

Es kann aber auch Angst auslösen. Was muss man unternehmen, wenn der Betroffene in so einem Gespräch oder auch spontan tatsächlich Suizidgedanken äussert?
Die meisten meinen es ernst, wenn sie darüber sprechen. Deshalb sollte man sie auch ernst nehmen. Angehörige sind aber mit diesem schwierigen Thema überfordert. Es braucht professionelle Hilfe. Der Hausarzt ist fürs erste eine gute Anlaufstelle.

Wie soll man sich gegenüber dem Bekanntenkreis verhalten, wenn ein Familienmitglied psychisch erkrankt ist?
Es ist meist besser, sich Freunden und Bekannten anzuvertrauen statt sich zurückzuziehen. Sonst ist man ganz allein mit den vielen Problemen, die da zusammenkommen. Ausserdem können Freunde dann besser einordnen, wieso sich der Betroffene plötzlich anders verhält. Und sie können nur Hilfe anbieten, wenn sie informiert sind.

Psychische Krankheiten sind mit Scham verbunden. Das macht es schwierig, darüber zu sprechen.
Die meisten Menschen sind heutzutage relativ gut informiert. Psychische Krankheiten kommen so häufig vor, dass viele auch selber oder in ihrem nahen Umfeld Erfahrungen damit gemacht haben. Noch vor wenigen Jahren hat man kaum darüber gesprochen.

Heute bekennen sich auch Promis offen zu ihren psychischen Problemen. Ob Lady Gaga, Beyoncé, Brad Pitt oder Elton John – fast alle scheinen schon unter Depressionen, Drogensucht oder Essstörungen gelitten zu haben. Hilft es, wenn Medien die Geschichten aufgreifen?
Ja. Die Berichterstattung hat stark dazu beigetragen, psychische Krankheiten zu enttabuisieren. Die Bevölkerung weiss heute viel mehr darüber. Somit fällt es auch Betroffenen leichter, darüber zu sprechen und Hilfe zu holen. In diesem Bereich haben wir wirklich viel erreicht. Allerdings sind nicht alle Medienbeiträge gleichermassen wertvoll.

Welche Art halten Sie für problematisch?
Kontraproduktiv ist zum Beispiel, wenn wegen eines Einzelfalls der Eindruck entsteht, dass alle Schizophrenen gefährlich sind. Auch Berichte über Suizide sind heikel. Man sollte die Tat nicht heroisieren, sondern die Tragik dahinter aufzeigen.

Wie soll man Kinder einbeziehen, wenn Eltern oder nahe Angehörige erkrankt sind?
Kinder leiden enorm, wenn ein Elternteil depressiv, suchtkrank oder psychotisch ist. Besonders schwierig ist es für sie, wenn sie das sonderbare Verhalten nicht einordnen können. Sie suchen den Fehler dann meist bei sich. Zum Beispiel glauben sie, ihre schlechte Schulnote oder ihr freches Verhalten sei der Grund. Deshalb ist es wichtig, sie altersgerecht aufzuklären.

Wie erklärt man einem Mädchen oder Knaben im Vorschulalter eine psychische Krankheit?
Am bestens in ganz einfachen Worten: Die Mutter ist traurig, der Vater hat ein Durcheinander im Kopf. Meist braucht es gar keine langen Ausführungen. Wichtig ist die Botschaft, dass das Kind nicht schuld daran ist. Hilfreich sind Bilderbücher, die das Thema mit einer Geschichte erklären.

Gibt es professionelle Hilfe für Kinder?
Leider noch zu wenig. Das Thema liegt mir persönlich sehr am Herzen. In der Klinik Königsfelden im Aargau, wo ich früher Chefarzt war, habe ich eine Fachstelle für Kinder psychisch kranker Eltern aufgebaut. Dies habe ich in der IPW auch vor. Das Problem ist die Finanzierung. Die Krankenkassen übernehmen ja nur die Behandlung der Direktbetroffenen. Für ihre Kinder fühlen sie sich nicht zuständig.

Vortrag: Urs Hepp ist ärztlicher Direktor der Integrierten Psychiatrie Winterthur - Zürcher Unterland. Am Mittwoch, 19 Uhr, spricht er zum Thema im Gesundheitszentrum Dielsdorf (Breitestrasse 11). Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 26.09.2017, 10:10 Uhr

Urs Hepp, Chefarzt ipw. (Bild: zvg)

Hilfe für Angehörige

In akuten Notsituationen: Das Beratungstelefon Dargebotene Hand ist rund um die Uhr bedient (143).

VASK (Vereinigung der Angehörigen von Schizophrenie- und Psychischkranken). Die Organisation bietet ein Beratungstelefon sowie Angehörigengruppen an (www.vaskzuerich.ch).

Schweizerische Stiftung Pro Mente Sana (www.promentesana.ch).

Koordinations- und Beratungsstelle der ipw in Glattbrugg. Tel. 052 264 39 24.

Für Kinder: Winterthurer Präventions- und Versorgungsprojekt für Kinder psychisch kranker Eltern (wikip). Umfangreiche Informationen auf www.iks-ies.ch.

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