Bezirksgericht Dielsdorf

«Ein Richter ist keine Maschine»

Andreas Bleuler war in den vergangenen 26 Jahren als Richter am Bezirksgericht Dielsdorf tätig. Nun wird er pensioniert. Im Interview erzählt der 67-Jährige von den spektakulärsten Fällen und erklärt, wie er Lügnern auf die Schliche kam.

Andreas Bleuler wird an seinem letzten Arbeitstag von seinem Kollegen im Bentley abgeholt.

Andreas Bleuler wird an seinem letzten Arbeitstag von seinem Kollegen im Bentley abgeholt. Bild: Leo Wyden

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Herr Bleuler, was macht einen guten Richter aus?
Er muss den Leuten zuhören können.

Konnten Sie das?
Ich denke schon. Ich bekam dafür immer wieder positive Rückmeldungen von den Prozessparteien.

Störte es Sie nicht, einem Lügner zuzuhören?
Den «Lügner» schlechthin gibt es nicht. Die Menschen erzählen meist die Wahrheit. Nur dort, wo es kritisch wird, lügen sie. Wenn ich vermutet habe, dass jemand nicht die Wahrheit sagt, habe ich ihn reden lassen und viele Fragen gestellt.

Wie geht Ihnen ein Lügner auf den Leim?
Es gibt eine ganze Wissenschaft, die sich damit befasst. Es geht um Wahrheitskriterien und Lügensignale. Wenn eine Person ständig begründet, wieso sie etwas erzählt und warum etwas wichtig ist, dann kann etwas nicht stimmen. Auch wenn jemand auf eine Frage eine Gegenfrage stellt, statt zu antworten, ist das ein Lügensignal. Manchmal erwischt man einen Lügner auch, wenn er mehrere Monate später eine andere Version der Geschichte auftischt. Etwas, das erfunden ist, kann man eben nicht komplett mit jedem Detail im Kopf behalten und es beliebig oft wiedergeben. Beispiel für ein Wahrheitskriterium ist eine strukturierte und detaillierte Schilderung eines Vorfalls.

Richter sind Respektpersonen. Mussten Sie jeweils in eine Art Rolle schlüpfen, wenn Sie den Gerichtssaal betreten haben?
Nein. Ich habe schnell gelernt, dass man am meisten erreicht, wenn man sich selbst ist. Die Leute spüren, wenn man Ihnen ein Theater vorspielt. Eine gewisse Autorität ist sicher vorhanden, nur schon von der Position her und weil es eben vor Gericht ist. Mit zunehmendem Alter ist es immer einfacher geworden, weil die Parteien dann häufiger – am Schluss fast immer – jünger waren als ich. Dann kommt der Altersbonus der Weisheit dazu.

Vergewaltigungen, Morde, Kinderpornografie: Bei einigen Fällen dürfte es schwer sein, die eigenen Emotionen aus dem Spiel zu lassen. Wie haben Sie das in den all den Jahren gemacht?
Manchmal war das schon nicht einfach. Gerade zu Beginn, als ich noch jünger war. Aber eigentlich ist es mir immer recht gut gelungen ruhig zu bleiben. Obwohl ich privat eher schnell einmal ausrufe. Das könnten alle Mitarbeiter und mein Umfeld bestätigen. Schliesslich ist ein Richter auch keine Maschine, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut.

Am 14. Juni haben Sie Ihren letzten Arbeitstag gehabt. Was war das letzte Urteil, das Sie gefällt haben?
Ich hatte zum Schluss zwei einfache Verhandlungen. Am morgen war es eine Scheidung, bei der sich die beiden Parteien bereits weitgehend geeinigt haben und danach kam noch einen Straffall, ein sogenanntes abgekürztes Verfahren. Dabei musste das Gericht lediglich überprüfen, ob das, worauf sich der Staatsanwalt mit dem Beschuldigten geeinigt hat, angemessen ist. Konkret ging es um ein Verkehrsdelikt. Der Beschuldigte war massiv zu schnell gefahren.

Sie waren 26 Jahre Richter am Bezirksgericht Dielsdorf. Das ist eine lange Zeit. Sind Sie froh, dass es vorbei ist?
Ja schon. Das ganze Umfeld hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert und vieles hat mir am Schluss nicht mehr gefallen. Ein Beispiel dafür ist die neueste Entwicklung im Kindesrecht, wo der Richter zum Rechenakrobat verkommt, wenn es um den für ein Kind geschuldeten Unterhalt geht. Das wird so kompliziert, dass die Parteien gar nicht mehr verstehen, was das Gericht gerechnet hat. Was ich vermissen werde, ist der Kontakt zu den Leuten. Das war immer etwas schönes und befriedigendes. Ich denke, dass sich etwa 80 bis 90 Prozent der Betroffenen sogar bedankt haben, wenn sie das Gericht verlassen haben. Diese Wertschätzung wird mir fehlen.

«Ein Richter ist keine Maschine. Ich rege mich schnell fürchterlich auf. Sie müssten mal mit mir Autofahren.»

Wurden Sie nie bedroht?
Nein. Irgendwie ist dort dem Gericht gegenüber immer noch ein gewisser Respekt vorhanden.

Inwiefern hat sich Ihr Beruf während Ihrer Amtszeit verändert?
Im allgemeinen ist es komplizierter und ineffizienter geworden. Die Bürokratie ist immer weiter fortgeschritten. Anstelle der 26 kantonalen Prozessordnungen wurden eidgenössische Ordnungen eingeführt. Das sorgte bei mir für viel Verdruss.

Warum?
Der Gedanke, einheitliche Prozessordnungen einzuführen, ist ja löblich, aber warum nimmt man dann die Prozessordnung des Kantons, dessen Justiz nun wirklich nicht effizient gearbeitet hat, Bern, zum Vorbild. Für die Berner mag es ja gut gewesen sein, die konnten im alten Trott weiterfahren, für die Zürcher war es eher mühsam und ist es noch.

Gab es Fälle, bei denen Sie sich bis heute unsicher sind, ob Sie richtig entschieden haben?
Eigentlich nicht. Im Strafprozess gilt ja der Grundsatz «in dubios pro reo», das heisst wenn man bei einem Sachverhalt nicht sicher ist, muss man freisprechen. Manchmal ist es aber vorgekommen, dass ich im Nachhinein erfuhr, dass etwas anders abgelaufen ist, als das, wovon ich beim Entscheid ausgegangen bin.

Erinnern Sie sich an einen solchen Fall?
Den krassesten Fall habe ich noch als Staatsanwalt erlebt: Die Polizei brachte einen Ladendieb zu mir. Er war geständig, sodass ich den Fall sofort mittels Strafbefehl erledigen konnte. Er sass danach im Gefängnis, ich glaube für einen Monat. Später erfuhr ich, dass er unschuldig war und sein Bruder den Diebstahl begangen hatte. Er hatte die falschen Personalien angegeben und für seinen Bruder dann auch die Strafe abgesessen.

Gibt es einen Fall, der Ihnen besonders in Erinnerung bleiben wird?
Es gab immer wieder Fälle, die einen besonders forderten. Der aktuellste, der mir in den Sinn kommt, wurde vor etwa zwei Jahren verhandelt. Dabei ging es um einen Kosovaren, der im grossen Stil geleaste Autos verkauft und illegal Kredite vergeben hat. Das Gericht, dessen Vorsitzender ich war, sprach eine Freiheitsstrafe von achteinhalb Jahren aus. Bei der Verhandlung waren viele Leute anwesend und es gab ein grosses Polizeiaufgebot. Der Beschuldigte war nämlich bereits im Kosovo in diesem, sagen wir einmal «Business», gewesen. In der Schweiz hat er dann im gleichen Stil weitergemacht, bis er aufgeflogen ist.

Würden Sie sich rückblickend als harter oder zuvorkommender Richter beschreiben?
Ob man als «hart» oder «weich» wahrgenommen wird, hängt immer vom Standpunkt ab. Bin ich dem Verteidiger gefolgt, fand das der Staatsanwalt «weich». Folgte ich dem Staatsanwalt, fand das der Beschuldigte «hart». Beides ist vorgekommen, sodass ich manchmal hart und manchmal weich war. Wobei man das «ich» relativieren muss: Ein Richter ist ja nie alleine. Amtet er als Einzelrichter, ist noch der Gerichtsschreiber dabei, der eine beratende Stimme hat, amtet er im Kollegium, entscheiden drei Richter nach dem Mehrheitsprinzip.

Was steht bei Ihnen nun als nächstes an?
«Nichts». Ich will erst mal etwas zurücklehnen und es geniessen, keine Pendenzen mehr zu haben und keine Verantwortung mehr tragen zu müssen.

Mögen Sie Krimis?
Nein, das ist in meinen Augen Unsinn, was da geboten wird. Ich rege mich jeweils eher auf. In solchen Geschichten werden die Täter meist als absolute Bösewichte mit raffiniertem Plan dargestellt. Das stimmt nicht mit dem realen Leben überein. Bei vielen Straffällen ist es einfach dumm gelaufen. Ausser Sport und James Bond schaue ich sowieso nicht viel im Fernsehen. Nicht viel muss man aber relativieren: Mittlerweile kommt ja fast jeden Abend ein Fussballspiel und dann läuft der Fernseher natürlich. Und von den Bond-Filmen habe ich bereits jeden mindestens fünfmal gesehen.

Erstellt: 27.06.2019, 13:33 Uhr

Andreas Bleuler

Zur Person

Andreas Bleuler hat fast seine ganze juristische Karriere in Dielsdorf absolviert. Angefangen hat er im Dezember 1981 als Auditor und Gerichtsschreiber am Bezirksgericht Dielsdorf, bevor er im Juni 1987 in Zürich eine Stelle als Bezirksanwalt (heute Staatsanwalt) angetreten hat.

Nach vier Jahren in Zürich wechselte der heute 67-Jährige für zweieinhalb Jahre nach Bülach, wo er ebenfalls als Bezirksanwalt arbeitete bis er dann im September 1993 in Dielsdorf seine Stelle als Bezirksrichter angetreten hat. Dieser Tätigkeit ging er bis heute nach. In dieser Zeit hat er nach eigener Schätzung etwa 2000 Scheidungsfälle und etwa 700 Straffälle und ebenso viele Forderungsprozesse verhandelt. Am 30. Juni wird Andreas Bleuler pensioniert. (fzw)

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