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«Wir versuchen den Kindern mitzugeben, was sie von zu Hause nicht bekommen»

Salome Zollinger hat sich entschieden, während neun Monaten ein Hilfsprojekt im Tschad zu unterstützen. Immer wieder wird sie mit ungewohnten Situationen konfrontiert. Die Niederhaslerin nimmt es mit Humor.

Nicht nur schulisches Wissen will Salome Zollinger den Kindern mitgeben, sondern auch Wertschätzung, Respekt und Anerkennung.
Nicht nur schulisches Wissen will Salome Zollinger den Kindern mitgeben, sondern auch Wertschätzung, Respekt und Anerkennung.
pd

Lärm ist das, was man mit einer afrikanischen Schule verbindet. 35 Kinder in einer Klasse sind extrem wenig für hiesige Verhältnisse, aber es geht drunter und drüber. Es fehlt ihnen an Respekt gegenüber Mensch und Material. Sie nehmen alles in den Mund, stecken es sich in die Nase oder werfen es achtlos auf den Boden. Sie benehmen sich respektlos ihren Mitschülern gegenüber. Sie können aber nichts dafür, niemand bringt es ihnen bei, denn die elterliche Erziehung setzt ganz andere Prioritäten. In der Schule versuchen wir, den Kindern das mitzugeben, was sie von zu Hause nicht bekommen: Wertschätzung, Respekt und Anerkennung.

Die Niveauunterschiede innerhalb einer Klasse sind enorm hoch. Gefälschte Geburtsdaten sind ein Grund dafür. Es gibt mehrere Geschwisterpaare in derselben Klasse, die sicher drei Jahre auseinander sind. Bei schwachen Leistungen wird oft ein Mangel an Intelligenz als Grund angegeben. Ich behaupte, das Gegenteil ist der Fall. Die Kinder hier haben ein viel stärker entwickeltes Gedächtnis als wir. Deshalb werden im Unterricht oft Methoden angewendet, welche diesem Umstand entgegenkommen. Langfristige Erfolge werden dadurch aber ausgeschlossen. Zuhören und Auswendiglernen steht im Mittelpunkt. Worum es bei einer Aufgabe geht und was etwas bedeutet, wird vernachlässigt. Wir versuchen, mit neuen Ideen die Lehrerschaft auf andere Unterrichtswege zu führen, um bessere schulische Leistungen zu erreichen. Unter der Leitung des Schuldirektors arbeiten ein junger Tschader und ich in der kleinen Bibliothek auf unserer Station. Die Bücher reichen von Mathematik über Physik und Chemie bis hin zu Bibeln auf Arabisch. Es gibt Werke der französischen Weltliteratur und Comics auf Englisch. Die Bibliothek dient als Anlaufstelle für alle Schüler aus den umliegenden Colleges und Lyceen. Im Umkreis von vielen Kilometern gibt es nichts Vergleichbares, weshalb diese Bibliothek auf unserer Station gegründet wurde.

Ich habe noch nie?in meinem Leben Menschen kennen gelernt, die so offen und freundlich sind. Die Hälfte von ihnen ist muslimisch. Jedes Mal, wenn ich durch das Dorf gehe, werde ich von allen Seiten begrüsst. Meine kläglichen Arabischkenntnisse ignorierend, wollen sie mit mir ins Gespräch kommen. Gerne würde ich öfter die Einladung meiner Nachbarin zum Essen annehmen, wenn sie mir etwas anderes anböte als geröstete Insekten und fettiges Schaffleisch.

Die Begegnungen sind vielfältig: Wächter erzählten mir von ihrer Vergangenheit, mit zwei tschadischen Männern redete ich über die Grundlagen des Glaubens, es sind mit Händen und Füssen Gespräche mit meiner muslimischen Sprachlehrerin. Und dann erklärt mir der einheimische Pastor, dass ich mich unhöflicher nicht hätte ausdrücken können… Durch diese Begegnungen erweitert sich mein Horizont und eine unbekannte Welt tut sich Stück für Stück auf.

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