Oberglatt

Wirbel um zerstörtes Storchennest

Wegen einer Baumfällung verlor ein Storchenpaar in der Brutzeit seinen Horst. Das Unverständnis darüber ist gross. Der Eigentümer rechtfertigt sein Vorgehen mit Sicherheitsgründen.

Der Storchenbaum, der hier in Oberglatt stand, wurde gefällt. Ein Storchenpaar verlor dadurch in der Brutzeit ihren Horst.

Der Storchenbaum, der hier in Oberglatt stand, wurde gefällt. Ein Storchenpaar verlor dadurch in der Brutzeit ihren Horst. Bild: Sibylle Meier

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«Ein Kran fuhr vor, auf dem eine Person mit einer Säge stand», schildert Regine Schmutz das Geschehen, das sie vergangenen Mittwochmorgen vor dem Fenster ihres Schlafzimmers in Oberglatt beobachtete. Es habe keine halbe Stunde gedauert und die Pappel, auf der ein Storchennest war, sei weg gewesen. «Die Störche haben während der Fällung sogar noch versucht, den Baum anzufliegen. Es war furchtbar», erzählt sie. Auch zwei Tage danach ist sie noch sehr aufgewühlt. Sie und ihr Mann Kurt Schmutz haben eine ganz besondere Beziehung zu den Tieren: Seit etwa drei Jahren beobachten sie die Vögel und haben unzählige Fotos und Videos von ihnen gemacht.

Entsetzte Vogelfreunde

Das Ehepaar ist mit seiner Bestürzung bei weitem nicht allein: Die Gemeindeverwaltung, der lokale Naturschutzverein sowie die Redaktion des «Zürcher Unterländer» erhielten zahlreiche Anrufe und Zuschriften von entsetzten Vogelfreunden.

Besonders der Zeitpunkt der Holzarbeit stösst auf Unverständnis: «Brutal, dass das Nest genau erst jetzt gekillt wurde, als es wieder bewohnt war», kommentiert Hans Flütsch aus Oberglatt. «Am Morgen konnte ich vom Bahnhof her die beiden Störche noch im Nest beobachten, am Abend suchte ich vergebens den Baum, auf dem sie wohnten», schreibt Leserin Daniela Bea Illi, ebenfalls aus Oberglatt. «Ich bin wütend, gerne würde ich den beiden Asyl anbieten, leider fehlt mir die Baumkrone dafür», heisst es weiter.

Asyl bietet den Vögeln nun Familie Henggi, die auf dem Grundstück gleich neben dem gefällten Baum wohnt. Monika Henggi liess gestern Nachmittag einen zehn Meter hohen Baumstamm mit einer Plattform, die sich zum Nestbau eignet, auf ihrem Grundstück einbetonieren. «Es stimmte mich so traurig, als ich die Störche auf dem Leitungsmasten sah, deswegen musste ich etwas unternehmen.» Ob die Tiere diese Saison dort ihr neues Nest einrichten, werde sich noch zeigen.

Fällung für die Sicherheit

Doch wie kam es überhaupt dazu, dass die Brutstelle der beliebten Vögel so jäh zerstört wurde? Der Eigentümer des Grundstücks, auf dem die Pappel stand, möchte namentlich nicht genannt werden. Er gibt aber den Grund für die Fällung an: «Der Baum war morsch und musste weg. Ich habe das also aus sicherheitstechnischen Gründen machen lassen.» Wäre der Baum auf den Veloweg oder die Kantonsstrasse gefallen, wären die Konsequenzen sicherlich schlimmer gewesen, als sie es jetzt mit dem zerstörten Nest seien, gibt er zu Bedenken.

Durch eine Entfernung des Baums im Winter hätte verhindert werden können, dass die Störche ihren Brutplatz verlieren, da sie zu diesem Zeitpunkt noch im Süden weilten. «Ich habe im Januar den Kontakt zu einem Unternehmen aufgenommen, um die Baumfällung zu veranlassen. Doch ich wurde von ihnen immer wieder vertröstet», sagt der Eigentümer. Schliesslich habe er eine andere Firma engagiert, die den Auftrag am vergangenen Mittwoch ausführte.

Rechtliche Abklärung

Die Gemeinde Oberglatt gibt aktuell keine Auskunft zum «Storchenbaum»: «Wir erhalten derzeit diverse Anfragen dazu, entsprechende Abklärungen laufen, auch mit weiteren Amtsstellen», teilt Gemeindeschreiberin Sandra Markovic mit. Auch beim Naturschutzverein Oberglatt möchte man zurzeit keine Angaben zum Vorfall machen, die bedauerliche Angelegenheit sei Sache der Behörden.

Die kantonale Naturschutzorganisation BirdLife Zürich ist ebenfalls mit der Fällung in Oberglatt beschäftigt: «Das Ganze ist sehr unschön gelaufen, weil bekannt war, dass die Störche schon wieder dort sind und ihr Nest eingerichtet haben. Zumal die Notwendigkeit einer Baumfällung offenbar seit Monaten bekannt war und der Eingriff im dümmsten Moment in Auftrag gegeben wurde. Falls zu diesem Zeitpunkt bereits Eier im Nest waren, wäre die Aktion klar rechtswidrig. Aber das lässt sich nun im Nachhinein kaum mehr nachprüfen», sagt Mathias Villiger, Bereichsleiter Naturschutz. In der nahe gelegenen Storchensiedlung Steinmaur sind allerdings bereits Eier in den Nestern gefunden worden, was die Vermutung nahelegt, dass es auch in Oberglatt der Fall war.

Grundsätzlich empfehlen Umweltverbände des Kantons Zürich, dass alle im Voraus planbaren Holzarbeiten bis Ende Februar zu erledigen sind. Spätestens bis Mitte März müssen aber alle Fällungen abgeschlossen sein. Diese Zeit sei eigentlich für Unplanbares wie Sturmholz gedacht. Wie es rechtlich genau aussieht, wenn durch die Holzarbeit ein Storchennest ohne Eier zerstört werde, werde nun abgeklärt. «So weit ich weiss, gibt es keinen vergleichbaren Präzedenzfall», sagt Villiger.

Erstellt: 16.03.2018, 19:31 Uhr

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