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Streit um SchweineställeWenn es im Dorf so stinkt, dass Leute wegziehen

Wo viele Schweine leben, riecht es. Darum hat die Gemeinde Hohenrain im Kanton Luzern einen Schnüffler losgeschickt. Jetzt fürchten Bauern die Schliessung ihrer Ställe.

Herumstreifen und schnüffeln – Herr Mattmann im Weiler Ferren bei der Arbeit.
Herumstreifen und schnüffeln – Herr Mattmann im Weiler Ferren bei der Arbeit.
Foto: Andrea Zahler

Der Wind kommt von Südwesten. Mit ihm der Geruch. Schweine, ziemlich sicher. Herr Mattmann, Lieblingsduft Rotwein, drückt sein Handy, stoppt die Zeit. 1 Minute und 45 Sekunden vergehen, dann verzieht sich der Geruch. Schweine, definitiv. «Geruch von Landwirtschaft», notiert Herr Mattmann.

Herr Mattmann ist auf einer Begehung. Herr Mattmann ist Schnüffler. Er streift durch Ferren bei Hohenrain LU und riecht und bewertet, wie es so stinkt. «Riechen ist anstrengend», sagt er, «ich muss aufpassen, dass ich mich nicht verkrampfe.»

In Ferren leben Menschen und Schweine nahe beieinander. Das belastet vor allem die Menschen.
In Ferren leben Menschen und Schweine nahe beieinander. Das belastet vor allem die Menschen.
Foto: Andrea Zahler

Die Menschen in Ferren haben ein Problem. Sie leben mitten im Schweinegürtel. So sagen sie diesem Teil des Kantons, in dem mehr Schweine leben als Menschen. Wo viele Schweine leben, da stinkt es. Alltägliche Dinge wie Grillieren, Wäscheaufhängen und Lüften werden zur Wutprobe. Manche macht es so putzteufelhässig, dass sie wegziehen. Auch darum hat die Gemeinde Hohenrain mit ihren 100 Bauernbetrieben bei der Berner Firma KBP eine Geruchsstudie in Auftrag gegeben. Herr Mattmann und sieben andere Schnüffler sind jetzt in Hohenrain unterwegs.

Herr Mattmann darf nicht beeinflusst werden, er muss neutral bleiben, die Studie darf nicht gefährdet werden. Schnüffeln ist eine heikle Sache.

Herr Mattmann ist 60 und frühpensioniert. Früher war er Weinverkäufer, nach der Prüfung als Weinsensoriker habe man ihm bei der Diplomverleihung ein «sensationelles Ergebnis» beschieden. Nun ist die Nase noch Durchschnitt. «Das Alter», sagt Mattmann. «Die Nase nimmt im Alter ab.»

Für Weinverkäufer ist das ein Problem. Für Schnüffler hingegen ist eine durchschnittlich sensible Nase genau richtig, sogar Pflicht. Herr Mattmann stoppt stets fünf Minuten und riecht, dann zieht er weiter zum nächsten Schnüffelpunkt. Während sechs Monaten macht er das. Am Morgen. Am Abend. In der Nacht. Bei Sonnenlicht und Saukälte. Man soll wissen, wann es stinkt. Und weil man das wissen will, soll niemand wissen, wie Herr Mattmann mit wahrem Namen heisst und wie er aussieht. Herr Mattmann darf nicht beeinflusst werden, er muss neutral bleiben, die Studie darf nicht gefährdet werden. Schnüffeln ist eine heikle Sache.

Die Nase von Herrn Mattmann.
Die Nase von Herrn Mattmann.
Foto: Andrea Zahler
Erst Zeit stoppen und riechen …
Erst Zeit stoppen und riechen …
Foto: Andrea Zahler
… dann notieren. Von Belang ist nur der Geruch von Landwirtschaft. Andere Gerüche soll Herr Mattmann nicht notieren.
… dann notieren. Von Belang ist nur der Geruch von Landwirtschaft. Andere Gerüche soll Herr Mattmann nicht notieren.
Foto: Andrea Zahler

Die Regeln des Bundesamts für Umwelt sind klar: Wenn es in der Wohnzone mehr als 10 Prozent aller Stunden pro Jahr stinkt, müssen Massnahmen zur Minderung der Gerüche getroffen werden. Stinken heisst: Eine durchschnittliche Nase, wie jene von Herrn Mattmann, erkennt den Geruch eindeutig und über längere Zeit.

Die Gemeinde Hohenrain hat erst ihre Einwohner gebeten, einen sogenannten Stinkkalender zu führen und darin einzutragen, wann und von woher es stinkt. Weil die Angelegenheit so emotional, konfliktbeladen und subjektiv ist, braucht es zusätzlich neutrale Schnüffler, die nicht in der Gemeinde wohnen. Leute wie Herrn Mattmann.

Geruchsbeschwerden haben laut der Firma KBP in der Schweiz zugenommen. Das hat mehrere Gründe. Erstens rückten die Wohngebiete näher an die Landwirtschaft. Zweitens wurden Schweineställe grösser. Drittens fordert die Tierwohlbewegung Ställe mit Auslauf, die meist wiederum mehr stinken. Viertens hat die Toleranz abgenommen. Statt dass die Leute miteinander reden, schicken sie ihre Anwälte vor. Die Bauern setzen meist auf den Grundsatz «Wir waren zuerst da». Nur ist der vor Gericht nichts wert. Es zählen nur der Mindestabstand zwischen Stall und Wohnhaus – und der Geruch. Und gegen den kann man meist wenig machen.

Eukalyptusöl gegen den Gestank

In Hohenrain haben sie einiges versucht. Bauern haben Luftwäscher bei den Ställen installiert, den Sprinkleranlagen Eukalyptusöl beigemischt oder der Gülle spezielle Zusätze beigefügt. Genützt hat es wenig, der Gestank blieb, immer wieder melden sich erzürnte Anwohner bei der Gemeindeverwaltung. Oft im Sommer. Meist bei Westwind.

Herr Mattmann spaziert gerade zum nächsten Posten, als ihn Herr Fässler, Lieblingsduft frisch gesägtes Holz, anspricht: «Ich will Ihre Arbeit nicht runtertun, aber sie kommen immer, wenn es nicht stinkt.» Herr Fässler ist ein freundlicher Mann, der kurz darauf zu Kaffee und Kuchen einlädt, aber ohne Namensnennung erzählen will. Ihm stinkt es zu viel. Jahrelang hat der Anwohner dagegen gekämpft. Vergebens.

Nicht schön. Gäselig. Penetrant. Es ist schwierig, den Duft von Schweinegülle zu beschreiben.

Herr Fässler hat ein ambivalentes Verhältnis zu Gerüchen. Wenn er frisches Brot riecht, dann fühlt er sich um Jahrzehnte jünger. Die Erinnerungen tragen ihn zurück in die Schulzeit, als er auf dem Schulweg beim Bäcker vorbeiging. Wenn es aber nach Schweinegülle stinkt, dann zieht sich etwas in ihm zusammen. Drei Schweinebauern leben im Weiler Ferren. Es gebe Momente, sagt Herr Fässler, da sei es grässlich. Bei der Bise etwa, wenn der Geruch den Hang hinunterziehe und zum Gestank werde. Oder wenn die Bauern den Stall mit Wasser rausputzen, meist morgens, einmal wöchentlich. «Wie am Karfreitag», ruft er. Der Tag, der Gestank hat sich im Hirn eingebrannt. Dann gebe es nur eins: Fenster schliessen. Gäselig und penetrant rieche es. «Diese Gerüche sind nicht schädlich, und ich bin auch nicht heikel in der Nase, doch es ist nicht schön», sagt Herr Fässler.

Nicht schön. Gäselig. Penetrant. Es ist schwierig, den Duft von Schweinegülle zu beschreiben. Der Mensch tut sich überhaupt schwer, Gerüchen Worte zu geben. Es ist einfach, die erste Liebe zu beschreiben, viel schwerer fällt einem das bei ihrem Parfüm. Hat man aber dieses einmal in der Nase, dann sind die schwarzen Haare und braunen Augen sofort wieder da. Mit gutem Grund. Der Geruch geht direkt ins Hirn. Sprichwörtlich. Gerüche gelangen als einzige Sinneseindrücke ungefiltert zur Amygdala, dem Gefühlszentrum des Gehirns, und zum Hippocampus, der unsere Erlebnisse verarbeitet. Wenn nun Herr Fässler fast täglich Schweinegeruch einatmet, ist das eine hochemotionale Sache.

Hochemotional, auch für die Bauern

Hochemotional ist es auch für die Bauern. Sie fühlen sich von den Schnüfflern bedroht. Stellt sich heraus, dass es zu stark stinkt, gilt das Verursacherprinzip. Der Bauer muss die Störquelle sanieren. Herr Mattmann erzählt, wie er auf seinen Begehungen manchmal böse Blicke erhalte. Keine Beschimpfungen, nur Blicke. «Doch diese sind ziemlich eindeutig», sagt er. Im Sinn von: hau ab!

Herr Mattmann kommt auch am Schweinestall von Urs Isenegger, Lieblingsduft Schokolade, vorbei. Isenegger hat mit den 18 von der Studie betroffenen Bauern eine Interessensgemeinschaft gegründet, er ist deren Präsident. Isenegger hat in seinem Stall einen Luftwäscher eingebaut. Eine Zeit lang hielt er seine Zuchtschweine mit Auslauf, bald einmal verzichtete er wieder daraufes stank zu stark. «Wenn der Geruch stark stört, muss man etwas ändern», sagt er.

Auch sie leben in Ferren. Doch Kühe hinterlassen einen angenehmeren Geruch als Schweine.
Auch sie leben in Ferren. Doch Kühe hinterlassen einen angenehmeren Geruch als Schweine.
Foto: Andrea Zahler

Gleichwohl kann Isenegger die Aufregung der Anwohner nicht so recht nachvollziehen. Wer aufs Land ziehe, wisse um die Gerüche, zahle dafür auch etwas weniger Miete. Der Geruch ist quasi im Preis enthalten. Von seinen sieben Mietern, die neben seinem Hof wohnen, habe noch keiner reklamiert. Es gibt jedoch auch Hausbesitzer, die schon hier wohnten, als die Schweineställe noch kleiner oder gar nicht da waren. Das weiss auch Isenegger, er sagt dazu: «Wir Bauern haben unsere Ställe alle mit den nötigen Abständen gebaut. Wir haben nichts falsch gemacht.»

Isenegger will die Geruchstudie erst einmal abwarten, doch er stellt schon jetzt grundsätzliche Fragen. «Was heisst stinken? Auch ein Acker kann stark riechen», sagt er. Zudem frage er sich, ob die Schnüffler den Geruch von Schweine- und Kuhbetrieben unterscheiden können, geschweige von Sauzucht und Saumast. «Ich kann das mit meiner Erfahrung, aber sie?» Diese Frage sei unter Umständen bei der Bewertung entscheidend.

Die Gemeindeverwaltung als Ventil

Es ist eine vertrackte Sache. Gemeinderat Fredy Winiger, Lieblingsduft Rosen, befindet sich seit Jahren im Schraubstock von Bauern und Anwohner. Der 60-Jährige ist zuständig für das Dossier Geruch, er selbst war lange Schweinemäster und muss heute mit den Bauern eine Lösung finden. Manche dieser Bauern haben Winiger von ihrem Unmut in Kenntnis gesetzt. «Schafseckel» war da noch anständig. Winiger will das nicht überbewerten, mit der Gelassenheit eines jahrelangen Gemeindepolitikers spricht er von «ordentlichem Gegenwind».

Mittlerweile habe man sich ausgesprochen. Doch auf die Gemeinde kommen schwierige Entscheide zu. Im schlimmsten Fall muss sie gar die Schliessung eines Betriebs verordnen. «Eine heikle Geschichte. Wir versuchen das mit diesem Geruchsprojekt zu umgehen», sagt Winiger. Zusammen mit dem Luzerner Bauernverband stellte man beim Bundesamt für Landwirtschaft den Antrag, dass sich der Bund bei den Sanierungskosten beteilige.

Im Herbst werden Ergebnisse vorliegen. Herr Mattmann, der Schnüffler, ist auf den Sommer gespannt, dann soll es besonders bestialisch riechen. Anwohner Herr Fässler glaubt nicht mehr an eine Wendung zum Guten, er hat aufgegeben zu kämpfen. «Ich will kein Magengeschwür», sagt er.

Aber Herr Fässler weiss auch, dass das sehr subjektiv ist. Sein Enkel besucht ihn regelmässig. Dieser verbindet den Geruch von Schweinegülle mit etwas Positivem, mit etwas Schönem und Lieblichem. Wenn er Schweinegülle riecht, kommen ihm die Grosseltern in den Sinn.

24 Kommentare
    Christian Frei

    Das Dorf hat eigentlich ganz andere Probleme als den Schweinegestank, respektive die nicht tierfreundliche Tierhaltung..

    Von pädophilen Netzwerken, die sich seit Jahrzehnten im Heilpädagogischen Zentrum und an den Dorfkindern bedienen bis zu betrügerischen Gemeinderatspräsidenten...