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Promis im US-WahlkampfDrei Zigis für Kanye

Es haben sich viele Prominente in die US-Wahlen eingemischt – und nun ihre Reaktionen zum aktuellen Stand veröffentlicht. Die Vorsicht ist regelrecht spürbar, nur Kanye West weiss genau, wie er mit dieser Wahl umgehen möchte.

Rapper Kanye West beantwortet Fragen während eines Gottesdienstes zu seiner unabhängigen Präsidentschaftskandidatur (17. November 2019).
Rapper Kanye West beantwortet Fragen während eines Gottesdienstes zu seiner unabhängigen Präsidentschaftskandidatur (17. November 2019).
Foto: Michael Wyke (Keystone)

Zum Beispiel LeBron James, mit dem sich Donald Trump noch am Tag vor der Wahl angelegt hatte. Er lästerte bei der Veranstaltung im Bundesstaat Pennsylvania über die vermeintlich schlechten Einschaltquoten der Basketballliga NBA, seine eigenen dagegen seien die höchsten der Geschichte. Das Publikum johlte, und dann brüllte es über den afroamerikanischen Promi aus dem Nachbarbundesstaat Ohio: «LeBron James sucks!» Auf gut Deutsch: LeBron James ist Scheisse! Trump beruhigte die Leute nicht, er badete in den Rufen der Leute: «Was für ein Publikum!»

James, der gerade mit den Los Angeles Lakers den Titel gewonnen hat, steht symbolisch für eine ganze Reihe von Prominenten, die sich in gesellschaftliche und politische Belange einmischen, und die nun auch diese Wahl kommentieren, deren Ausgang noch immer nicht feststeht. Seine Initiative «More Than A Vote» zeigte, dass gerade in urbanen Gegenden wichtiger Bundesstaaten wie Pennsylvania, Michigan, Wisconsin und Georgia so viele Afroamerikaner gewählt hatten wie nie zuvor. Er kommentierte diese Zahlen mit Emojis für Applaus und nach oben gestreckten Fäusten. Zur Wahl selbst sagte er nichts, er weiss als Sportler: nur nicht zu früh freuen.

Es hatten sich diesmal so viele Promis wie nie zuvor zu dieser Wahl geäussert, was eine Abkehr von der Regel Michael Jordans darstellte, James’ Vorgänger als prägender NBA-Akteur; der sagte einst: «Republikaner kaufen auch Schuhe.» Dwayne «The Rock» Johnson, der davor eigenen Angaben zufolge bereits für beide politischen Seiten gestimmt hatte, gab eine Empfehlung für Biden ab, Lady Gaga und Alicia Keys traten gemeinsam mit Vizepräsidentschaftskandidatin Kamala Harris auf. Bruce Springsteen, dem man nun wirklich nicht vorwerfen kann, linksliberal zu sein, machte Wahlkampf gegen Trump: Er veröffentlichte mit Autor Don Winslow ein rührendes Video zu «Streets of Philadelphia», wie der Amtsinhaber den Bundesstaat Pennsylvania zerstört habe und keinesfalls noch einmal gewinnen dürfe.

Prominente Unterstützer Trumps

In Trumps Ecke: der Musiker 50 Cent, der vor den Steuerplänen Bidens warnte und damit für das witzige Meme sorgte, dass Biden dem Rapper den Künstlernamen 20 Cent verpassen wolle. Schauspielerin Kirstie Alley warnte vor der Wahl davor, dass Trumps Herausforderer die Mittelschicht zerstören werde – am Wahlabend schrieb sie auf Twitter, dass sie zuversichtlich sei, dass Trump gewinnen werde.

Das tat auch der Schauspieler Stephen Baldwin, dessen Bruder Alec in der Satiresendung «Saturday Night Live» als Trump-Parodie auftritt; er tanzte zum Lied «Donald Trump is Your President» bei Instagram, Kollege Kevin Sorbo beteiligte sich wie Sängerin Kaya Jones dagegen an Spekulationen um Wahlbetrug gegen Trump. «Die wollen den Präsidenten zum Schweigen bringen», schrieb sie auf Twitter.

«Ich stimme heute zum ersten Mal bei der Präsidentschaftswahl ab – für einen, dem ich wirklich vertraue: mich.»

Kanye West, Rapper

Nur das Gesamtkunstwerk Kanye West war, natürlich, für Kanye West: «Ich stimme heute zum ersten Mal bei der Präsidentschaftswahl ab – für einen, dem ich wirklich vertraue: mich.» Er musste am Dienstag seine bittere Niederlage eingestehen (er bekam insgesamt nur ein wenig mehr als 60’000 Stimmen), kündigte aber sogleich an, es in vier Jahren erneut versuchen zu wollen: «Kanye 2024» schrieb er auf Twitter mit einem Bild von sich und der Farbe seiner, nun ja, Partei: Tiffany’s-Türkis.

Unfreiwillige Zielscheibe für Trump

Die Rolle von James ist deshalb derart symbolisch, weil er eben nicht nur Profisportler ist, sondern ein Beispiel für gesellschaftlichen Aufstieg von Afroamerikanern. Seine Mutter Gloria war zum Zeitpunkt der Geburt vor 35 Jahren 16 Jahre alt, der Vater hatte sich längst verdrückt. Er wuchs in armen Verhältnissen auf, zeitweise lebte er bei einem Footballtrainer. Mittlerweile gilt er als einer der besten Akteure der Geschichte und noch viel mehr: Er ist eine wichtige Stimme der Afroamerikaner, in seinem Heimatort Akron hat er für 25 Millionen Dollar eine Schule gebaut, in Los Angeles bastelt er an einem Medienimperium, das vor allem Minderheiten fördern soll. Vor allem aber ist er einer, der sich zu gesellschaftlich relevanten Themen äussert.

So wurde er, eher unfreiwillig, zur Zielscheibe für Trump. Als er sich zu politischen Themen wie systematischen Rassismus oder Polizeigewalt äusserte, sagte die konservative Fox-News-Moderatorin Laura Ingraham: «Shut up and dribble!» Halts Maul und dribble. James schwieg nicht, er sagte: «Trump hat Hass salonfähig gemacht.» Oder: «Er missbraucht den Sport, um uns auseinanderzutreiben.» Oder, als Trump so tat, als hätte er im Jahr 2017 den Meister Golden State Warriors ausgeladen: «Du Penner! Steph Curry hat bereits gesagt, dass er nicht kommt – also kann es nicht mal eine Einladung geben.»

Trump schoss, natürlich, zurück, er schrieb zum Beispiel auf Twitter: «LeBron James wurde vom dümmsten Mann im TV interviewt, Don Lemon. Er liess James klug aussehen, was nicht einfach ist.» Die Reaktion von James auf diese Beleidigung, der übrigens die Serie «Shut Up and Dribble!» über den Einfluss afroamerikanischer Sportler auf die US-Gesellschaft produziert: «Das macht mir nichts aus. Was mich nachdenklich stimmt: dass er Zeit hat, sich darum zu kümmern.»

Während der NBA-Saison in der Bubble in Florida war der Spruch «Black Lives Matter» auf dem Parkett zu sehen, die Spieler trugen Botschaften wie «Geh wählen» auf den Trikots. Nach Schüssen auf den Afroamerikaner Jacob Blake trat die Liga in einen Streik, James wollte die Saison gar beenden, eine der Forderungen fürs Weiterspielen: Die NBA-Arenen, in denen es möglich war, wurden zu Wahllokalen umfunktioniert. Das taten daraufhin auch Clubs der Footballliga NFL; Patrick Mahomes etwa, Quarterback von Meister Kansas City Chiefs und wertvollster Spieler des vergangenen Endspiels, schrieb auf Twitter, dass die Arena der Chiefs als Wahlstätte diene.

Vor ein paar Tagen dann die ganz konkrete Empfehlung von James an seine Fans: «Bitte stimmt für Joe Biden!» Am Tag vor der Wahl veröffentlichte er ein Gemälde von Biden und Harris auf Instagram, am Dienstag forderte er die Leute auf, ihre Stimme abzugeben, dann zitierte er Harris («Eines Tages werden uns unsere Kinder und Enkel in die Augen sehen und fragen, was wir an diesem Tag getan haben»), später zeigte er das Video einer Frau, die in New York nicht wählen durfte, obwohl sie pünktlich gekommen war.

Die Vorsicht von James, sich nur ja nicht zu früh zum Ausgang der Wahl zu äussern, teilten viele seiner Kollegen. Model Chrissy Teigen fing vor Aufregung an zu kochen: «Keine Sorge, alles gut hier.» Die Komiker Ben Schwartz («Das ist wie bei einem Finale, bei dem auf der kaputten Anzeigetafel irgendwelche Nummern gezeigt werden») und Jimmy Kimmel («Das ist, als würde man die eigene Operation wach verfolgen») flüchteten sich in Sarkasmus. Rapperin Cardi B. dagegen veröffentlichte ein Video von sich, das nun symbolisch steht dafür, wie es den meisten Amerikanern, unabhängig von der politischen Präferenz, an diesem Abend ging: Sie steckt sich drei Zigaretten gleichzeitig in den Mund und zieht genervt daran.

7 Kommentare
    Toby

    Doch würde Kanye West ganz gut zur USA passen.