Zum Hauptinhalt springen

Nachruf auf Giscard d’EstaingEin europäischer Pragmatiker

Als französischer Präsident führte Valéry Giscard d'Estaing Europa gemeinsam mit Helmut Schmidt zur Währungsunion – den Ruf als arroganter Adeliger wurde er aber nicht los. Später sah er sich Belästigungsvorwürfen ausgesetzt.

Valéry Giscard d'Estaing ist im Alter von 94 Jahren gestorben.
Valéry Giscard d'Estaing ist im Alter von 94 Jahren gestorben.
Foto: Markus Schreiber (Keystone)

Es ist Abend geworden an dem Tag, an dem Frankreich einen neuen Staatschef wählt. Valéry Giscard d'Estaing sitzt in seiner Pariser Ministerwohnung, Kamerateams umlagern den konservativen Politiker. Keine Freunde, nicht einmal Ehefrau Anne-Aymone de Brantés sind anwesend. Alleine verfolgt er seinen Sieg über den Sozialisten François Mitterand. Es ist der 19. Mai 1974. Sieben Jahre später wird Giscard den mächtigen Posten an Mitterand verlieren. Mit der Haltung eines Beleidigten wird er dann dem französischen Volk vor laufenden Kameras den Rücken kehren und wortlos den Raum verlassen.

Beginn und Ende von Valéry Giscard d'Estaings Präsidentschaft stehen beispielhaft für den Aristokraten. Viele Franzosen hielten ihn für abgehoben und volksfern, in einer Art Hassliebe gaben sie ihm den Spitznamen VGE.

Er legte eine steile politische Karriere hin: Valéry Giscard d'Estaing wurde bereits 1962 Minister für Finanzen und Wirtschaftsfragen (22. März 1964).
Er legte eine steile politische Karriere hin: Valéry Giscard d'Estaing wurde bereits 1962 Minister für Finanzen und Wirtschaftsfragen (22. März 1964).
Foto: Keystone

Sein Auftreten war oft herrisch, seine Sprache gewählt, sein Verstand bis ins hohe Alter klar. Prägend bleiben seine Jahre im Amt des Staatschefs allemal: In seiner Präsidentschaft von 1974 bis 1981 führte er Europa mit unbarmherziger Pragmatik zur gemeinsamen Währungsunion, die europäische Gemeinschaft reformierte er grundlegend mit. Giscard d'Estaing forderte ein transparentes und starkes Europa, konnte seinen Ruf des herablassenden Adeligen jedoch nie loswerden.

Als Giscard am 2. Februar 1926 zur Welt kam, lag der Erste Weltkrieg erst wenige Jahre zurück. Deutsche und Franzosen waren Erbfeinde. Giscard wurde in Koblenz geboren, das damals französisch besetzt war. Seine Familie pflegte Namen und Status: Der Vater, ein hoher Beamter in der französischen Finanzverwaltung, hatte den Adelstitel der ausgestorbenen Familie «Estaing» aus der Auvergne gekauft. Schon als Gymnasiast war Giscard im Widerstand gegen die deutschen Besatzer aktiv. Nach der Befreiung Frankreichs 1944 wurde aus dem Résistance-Kämpfer ein Soldat. Er war gerade mal 18 Jahre alt, als er in einer Einheit des Generals Jean de Lattre dabei war, um Süddeutschland einzunehmen. Giscard kannte den Krieg.

Das deutsch-französische Gespann: Schmidt und Giscard

Dann, als Frieden herrschte, legte er die Basis für seine Karriere. In Frankreich bedeutet das: Eliteuniversität. Giscard war auf der «Ecole Polytechnique» und «Ecole Nationale d'Administration» (ENA), die französische Kaderschmiede für hohe Staatsbeamte. Drei Jahre später arbeitete er bereits mit dem damaligen Finanzminister und Liberal-Konservativen Edgar Faure, der ihn politisch geprägt haben soll. Dann ging es steil nach oben: Finanzminister 1962 unter Staatspräsident George Pompidou, Führer der bürgerlich-liberalen Unabhängigen Republikaner, Staatspräsident bis 1981. Als ihn das französische Volk abwählte, verliess Giscard den Élysée-Palast mit gerade mal 55 Jahren.

Tiefe politische Spuren hat er in seiner Amtszeit als Präsident trotzdem hinterlassen. Es waren Zeiten der deutsch-französischen Annäherung, in denen Giscard politisch wirken konnte. Mit dem damaligen deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt pflegte er eine lebenslange Freundschaft. Kokett untertrieben nannte er das persönliche und professionelle Verhältnis zum Hamburger Schmidt eine «bonne entente», eine gute Zusammenarbeit. Es war viel mehr.

Giscard damaligen deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt pflegte mehr als nur eine gute professionelle Zusammenarbeit. Sie verband eine enge Freundschaft (28. Juni 1979).
Giscard damaligen deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt pflegte mehr als nur eine gute professionelle Zusammenarbeit. Sie verband eine enge Freundschaft (28. Juni 1979).
Foto: Keystone

Denn das Gespann Schmidt-Giscard begründete eine bemerkenswerte deutsch-französische Tradition, die politisch über Kreuz lief: die Freundschaft zwischen einem Konservativen und einem Sozialdemokraten. Ihre Nachfolger, der Konservative Kohl und der Sozialist Mitterand, sollten sich an den Gräbern der Weltkriegs-Schlachten von Verdun die Hand halten. Der Sozialdemokrat Schröder und der Konservative Chirac schlossen sich später gegen die US-Pläne für den Irak-Krieg zusammen. Heute erklären die Konservative Angela Merkel und der Liberale Emmanuel Macron gerne, dass sie zwar «unterschiedliche Temperamente» hätten, aber genau deshalb gemeinsam viel erreichen könnten. Als Beleg dient ihnen dafür vor allen Dingen das Corona-Hilfspaket der EU für die Wirtschaft, das sie gemeinsam durchgesetzt haben.

Doch so brüderlich eng wie bei Giscard und Schmidt war bislang keine der deutsch-französischen Beziehungen. Beide hatten als grosses Ziel die Währungsunion. Zusammen konzipierten sie in den späten Siebzigern das gemeinsame Währungssystem der Europäischen Union und teilten sich die Vaterschaft für den Euro. Darüber hinaus initiierten Schmidt und Giscard auch die informellen Konferenzen der grössten Industrienationen: 1975 traf sich die erste G-6-Gruppe in Frankreich, inzwischen sind daraus die etablierten, grösseren G-Gipfel geworden.

Giscard versuchte sich als Schriftsteller von Liebesromanen

Innenpolitisch hatte Giscard weniger Erfolg. Während seiner Präsidentschaft stiessen seine Reformen bei den traditionsliebenden Gaullisten auf Widerstand. Denn er präsentierte sich gerne und gegen alle Vorbehalte als bürgerlicher Vordenker. Er liberalisierte die Gesetzgebung zur Abtreibung, senkte das Wahlalter auf 18 Jahre und reformierte das Scheidungsrecht. Trotz seiner progressiven Politik galt Giscard vielen Franzosen als volksfern und arrogant, als einer, der seine Überlegenheit in Bildung und Intelligenz zur Schau trug. Bei Reden, Fernsehdiskussionen und Interviews sprach Giscard immer ruhig, akzentuiert und gewählt. Sein schmales Gesicht nahm dabei einen freundlichen, aber auch spöttischen und unnahbaren Ausdruck an.

Dazu kam die nie aufgeklärte Affäre um ein Diamantengeschenk des damaligen zentralafrikanischen Diktatoren Jean-Bédel Bokassa. Auch Giscards Hang zu grossen Gesten wirkte oft kontraproduktiv und geschwollen. Mit mildtätigem Habitus widmete er eine seiner politischen Abhandlungen den Bürgern: «Die Franzosen. Reflexionen über das Schicksal eines Volkes».

Giscard schrieb neben politischen Essays auch Romane. «Le passage» etwa aus dem Jahr 1994 handelt von der Affäre eines älteren Jägers mit einer Anhalterin. Es liegt nicht ganz fern, dass sich Giscard dabei teilweise von seinem eigenen Leben inspirieren liess, er war Jäger.

Auf diesem Archivbild vom 6. März 1975: Der Präsident der Zentralafrikanischen Republik Jean-Bedel Bokassa mit dem französischen Präsidenten Valéry Giscard d'Estaing während eines Besuchs des letzteren in Bangui.
Auf diesem Archivbild vom 6. März 1975: Der Präsident der Zentralafrikanischen Republik Jean-Bedel Bokassa mit dem französischen Präsidenten Valéry Giscard d'Estaing während eines Besuchs des letzteren in Bangui.
Foto: Keystone

Ähnlich bei seinem Roman «La princesse et le président», den er 2010 veröffentlichte. Detailreich schildert Giscard darin einen französischen Präsidenten, der mit einer sozial engagierten, britischen und zu allem Unglück verheirateten Prinzessin intime Stunden verlebt. «Mein Kopf stand in Flammen und mein Herz zitterte vor Glück, als ich in den Elysée zurückkam und die Stufen hochging», sagt der Ich-Erzähler. Französische Medien spotteten und die Briten spekulierten: Ist mit der Prinzessin etwa die 1997 verstorbene Lady Diana gemeint?

Es galt in Paris als offenes Geheimnis, dass Giscard neben seiner Ehe Beziehungen zu anderen Frauen unterhielt. Er kokettierte mit einem Image als Verführer. Diese Selbstinszenierung bekam 2020 einen anderen Beigeschmack: Giscard wurde von einer deutschen Journalistin wegen sexueller Belästigung angezeigt. Die Journalistin, die für den WDR arbeitet, wirft Giscard vor, sie nach einem Interview gegen ihren Willen berührt und bedrängt zu haben. Auf einen Protestbrief des WDR reagierte das Büro Giscards nicht. Auf Nachfrage von Le Monde erklärte das Büro des früheren Präsidenten, dieser könne sich weder an die Situation, noch an das Interview erinnern. Das Büro verwies auf das hohe Alter Giscards, diesem tue es sehr leid, wenn die Vorwürfe stimmen sollten.

Auch in jüngeren Jahren gab Giscard wenig auf Vorwürfe oder Kritik. Er konzentrierte sich auf seine politische, geistige und literarische Hinterlassenschaft. Er bewarb sich erfolgreich bei der prestigeträchtigen Académie Française, ein Gelehrtengremium, das über die französische Sprache wacht. Wer dort aufgenommen wird, besitzt in Frankreich den Kultstatus eines Weisen. Ende der neunziger Jahre organisierte er Zusammenkünfte von Historikern und Weggefährten, die sein politisches Wirken einordnen und seine Verdienste herausstellen sollten.

Giscard handelte pragmatisch, wenig ideologisch

Trotz dieser Verliebtheit in Prestige und Würde sprach sich der Grossbürger Giscard explizit für Transparenz, Bürgernähe und Demokratie aus: «Es befremdet mich, dass man sich nicht sonderlich bemüht, herauszufinden, was in den Köpfen der Bürger vorgeht», sagte er in Bezug auf ein Europa, das «im Brüsseler Getriebe» nicht mehr an die Menschen denke.

Seine Argumente für eine gemeinschaftliche Zusammenarbeit waren immer pragmatisch, wenig ideologisch. Und so standen die durchschlagenden Projekte Giscards zwar im Sinne der Idee eines friedlich geeinten Europas, für ihn waren sie aber vor allem praktisch überzeugend: «Unsere Staaten sind zu klein, um gewisse Probleme zu lösen. Wenn wir in einer Welt mit sechs Milliarden Menschen noch eine Rolle spielen wollen, können wir das nicht länger jeder für sich tun. Darum ist Europa eine Notwendigkeit», sagte er mal.

Giscard sah im Brexit keine Abwertung oder Schwächung der EU.
Giscard sah im Brexit keine Abwertung oder Schwächung der EU.
Foto: Jacques Brinon (Keystone)

Auch der Brexit schmälerte für Giscard nicht die Kraft Europas. In einem Gespräch mit unserem Partner der Süddeutschen Zeitung sagte er, er habe sich dafür eingesetzt, «dass die Union kein Gefängnis wird». Man müsse also auch austreten können. Allerdings hätten sie damals «vielleicht unterschätzt, wie kompliziert ein Austritt werden könnte, gerade wegen der Irlandfrage.» Eine Abwertung oder Schwächung der EU wollte er im Brexit nicht erkennen: «Vergessen wir nicht, es gibt kein einziges Land, abgesehen von Grossbritannien, das die EU verlassen möchte.»

Nun ist Giscard d'Estaing im Alter von 94 Jahren gestorben.

4 Kommentare
    Thomas Bach

    Ein in jeder Hinsicht GROSSER Europäer.