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TV-Kritik «Tatort»Ein fremder Ehemann im Bett

Der Schauspieler Ulrich Tukur begegnet im neuen Wiesbadener «Tatort» als Ermittler sich selber. Das macht die Sache kompliziert, aber auch spannend.

Doppeltes Spiel: Ulrich Tukur als LKA-Ermittler Murot, der in die Haut seines Doppelgängers geschlüpft ist. Und Anne Ratte-Polle als Ehefrau, die er überführen will. Oder doch eher verführen?
Doppeltes Spiel: Ulrich Tukur als LKA-Ermittler Murot, der in die Haut seines Doppelgängers geschlüpft ist. Und Anne Ratte-Polle als Ehefrau, die er überführen will. Oder doch eher verführen?
Foto: SRF/HR/Bettina Müller

In den Ferien schreibt man Postkarten, und weil der von Ulrich Tukur gespielte Felix Murot ein besonderer Ermittler ist, gibt es für seine Assistentin auf dem Landeskriminalamt nicht nur «Grüsse aus dem schönen Taunus». Sondern auch philosophisch angehauchte Sätze wie: «Wer weiss, vielleicht kehre ich ja als ein anderer zu Ihnen zurück?»

Damit hat der Kommissar allerdings mehr recht, als ihm lieb sein dürfte. Denn Murot wird bald einmal selber zum Mordopfer, die Nachwelt hält ihn für tot, es gibt gar eine Beerdigung. In Tat und Wahrheit ist er aber quicklebendig, steckt allerdings tatsächlich in der Haut eines andern: Es gibt nämlich im schönen Taunus einen Doppelgänger von ihm, der dran glauben musste. Dessen Rolle übernimmt er nun, um «seine» Ehefrau als Mörderin zu überführen. Wobei er sich, was die Sache nicht einfacher macht, auch noch ein wenig in sie verguckt.

Blödsinn, würde man bei einer solchen Geschichte wohl in den allermeisten Fällen rufen. Doch ein Ulrich-Tukur-«Tatort» ist immer anders. Vor zehn Jahren spielte der renommierte Schauspieler, der auch schon für Regisseure wie Michael Haneke und Constantin Costa-Gavras vor der Kamera stand, die Figur des Kriminalhauptkommissars Murot zum ersten Mal. Der Einzelgänger arbeitet mit ungewöhnlichen Methoden, seine Fälle verlieren in der Regel jegliche Bodenhaftung, um dann mit unglaublichen Wendungen doch ans Ziel zu führen.

Früher sprach er mit seinem Gehirntumor

Unvergessen zum Beispiel, wie sich Murot in den ersten Folgen – neun sind es inzwischen – mit seinem Gehirntumor unterhielt, den er Lily taufte (der Tumor ist inzwischen verschwunden). Und fantastisch, wie er in «Murot und das Murmeltier» in eine Zeitschlaufe geriet, die ihn wie einst Bill Murray in «Und täglich grüsst das Murmeltier» immer den gleichen Tag durchleben liess.

Bei der Folge mit dem Titel «Die Ferien des Monsieur Murot» konnte man also gespannt sein, was es mit dem fast gleich betitelten Klassiker des französischen Komikers Jacques Tati auf sich hatte. Doch diesbezüglich gab es eine leise Enttäuschung: Zwar klingt bald einmal das musikalische Leitmotiv aus «Les vacances de Monsieur Hulot» an. Und es gibt ein amüsantes Tennisspiel, in dem Murot beim Aufschlag Tatis Technik – Schläger zuerst horizontal nach vorne – zitiert. Aber das ist alles.

Wirklich spannend ist, wie Murot versucht, sich im Leben seines Doppelgängers einzurichten, von dem er so gut wie nichts weiss. Wie benimmt er sich an der Gartenparty unter den Nachbarn? Was tut er am Arbeitsplatz, einem exquisiten Autohaus, wenn er keine Ahnung hat, wo sich sein Büro befindet? Und hauptsächlich: Merkt die Ehefrau (gespielt von Anne Ratte-Polle) tatsächlich nicht, dass da ein Fremder neben ihr liegt? Oder treibt sie ein doppeltes Spiel?

Es ist nicht der beste Tukur-«Tatort», aber der Schauspieler kann in der Begegnung mit sich selbst – einmal vornehm zurückhaltend, einmal laut und aufschneiderisch – erneut zeigen, wie viele Facetten er hat. Am Ende kehrt er tatsächlich als anderer Mensch aus den Ferien zurück. Verärgert hat er dabei nur seine Assistentin, an welche die Postkarte gerichtet war. Sie sagt ihm darum: «Zu Ihrer richtigen Beerdigung komme ich nicht.»