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Ein kleiner Schritt zu einem offeneren Apple

Der iPhone-Konzern hat eine Regel gelockert, über die er sich selbst regelmässig hinweggesetzt hat. Eine Folge der Monopol-Untersuchungen?

App-Entwickler dürfen künftig, was Apple schon lange macht. Im Bild: Apple-Chef Tim Cook bei einer Ladeneröffnung im Mai 2019.
App-Entwickler dürfen künftig, was Apple schon lange macht. Im Bild: Apple-Chef Tim Cook bei einer Ladeneröffnung im Mai 2019.
Reuters

Die Regel war klar: Push-Nachrichten auf dem iPhone dürfen nicht für Werbung genutzt werden. App-Entwickler fanden diese Regel unter Punkt 4.5.4 in den Entwickler-Richtlinien.

Dass Apple, was dieses Regelwerk angeht, keine Gnade kennt, musste letztes Jahr auch Facebook erfahren. Das soziale Netzwerk hatte geschummelt und eine Schnüffel-App an Apples Kontrollen vorbei ausgeliefert.

Apple reagierte sofort und entzog Facebook das Entwickler-Zertifikat und stürzte die Firma ins Chaos (Apples Machtdemonstration legt Facebook lahm).

Ausgerechnet Apple

Man ist als App-Entwickler also gut beraten, sich an diese Regeln zu halten. Egal, ob Grosskonzern oder Einmannteam.

Doch ein Konzern hat sich in den letzten Monaten und Jahren erstaunlich oft über die Werberegel hinweggesetzt: Apple.

Der iPhone-Konzern nutzte Push-Meldungen, um auf die eigenen Dienste und Angebote (etwa Apple-TV) aufmerksam zu machen. Screenshots verbunden mit Unmutsbekundungen liessen jeweils nicht lange auf sich warten. «Apple macht, was es anderen verwehrt», war jeweils der Tenor.

Neue Regel

Jetzt hat Apple diese Regelung gelockert. Künftig dürfen Push-Meldungen für Werbung genutzt werden, wenn es in Apps die Möglichkeit gibt, das zu deaktivieren.

Wie streng die neue Regel ausgelegt wird, werden die nächsten Monate und Jahre zeigen. Ben Sandofsky, einer der Entwickler der beliebten Halide-Kamera-App, weist darauf hin, dass sich bislang viele Entwickler – nicht nur Apple – über die alte Regel hinweggesetzt hätten, und fragt, ob das ein Hinweis darauf ist, dass der Konzern künftig genauer hinschauen wird.

Werden iPhone-Nutzerinnen und -Nutzer künftig also häufiger mit Push-Werbungen belästigt oder seltener? Entwickler sind auf jeden Fall gut beraten, zurückhaltend mit den neuen Möglichkeiten umzugehen. Im besten Fall schalten genervte Nutzer nur die Werbemeldungen ab. Sie können aber auch Push-Nachrichten komplett abstellen oder gar die App vom iPhone löschen. Beides kann nicht im Sinn eines App-Entwicklers sein.

Ebenso unklar ist Apples Motivation hinter der Änderung. Fest steht vorerst nur, dass der Konzern mit der neuen Regelung die eigenen Werbeaktivitäten erlaubt und Entwicklern dieselben Möglichkeiten einräumt.

Im Visier der Behörden

Das Timing ist aber schon auffällig. Sah sich Apple doch in den letzten Monaten vermehrt mit Monopolvorwürfen und -untersuchungen konfrontiert. Mit fast einer Milliarde iPhones und fast anderthalb Milliarden Geräten kann sich der Konzern je länger je weniger als kleiner Underdog hinter Marktführern wie Microsoft (früher) oder Google (heute) verstecken.

Etwas mehr Offenheit und gleiche Möglichkeiten für Entwickler, die auf Apple-Plattformen angewiesen sind, könnte solchen Untersuchungen den Wind aus den Segeln nehmen und dem Konzern viel schlechte Presse ersparen.

Nur der erste Schritt?

Ein noch grösserer Schritt in Richtung mehr Offenheit deutet sich für die nächste iOS-Version bereits an. Die Gerüchte nehmen zu, dass es Apple erlaubt, die Standard-Apps auf dem iPhone und iPad zu ändern. So könnte man statt Apple-Mail dann Outlook als Standard-E-Mail-Programm verwenden, den Chrome-Browser statt Safari oder statt der Apple-Kamera-App eine andere aus dem Store.

Aktuell geht nämlich in der Regel Apple Mail auf, wenn man Mails verschicken möchte, und Safari, wenn man auf einen Link klickt. Künftig könnten, wenn sich die Gerüchte bewahrheiten, Nutzerinnen und Nutzer ihre Lieblings-App zum Standard erklären.

Microsoft und Google lassen grüssen

Ob die grosse Mehrheit, abgesehen von ein paar techaffinen Nutzerinnen und Nutzern, davon Gebrauch machen wird, ist fraglich. Fest steht aber, dass in der Vergangenheit Microsoft wegen der Bevorteilung des eigenen Internet Explorer und Google wegen Bevorteilung der eigenen Apps zu Milliardenbussen verurteilt wurden.

Solche Bussen tun Apple (wie den anderen Grosskonzernen) zwar kaum weh, dennoch würde etwas mehr Offenheit so manche Kartellbehörde besänftigen und gleichzeitig ein paar Kunden einen langgehegten Wunsch erfüllen.

Für gewöhnlich zeigt Apple die neue iPhone-Software Anfang Juni an der eigenen Entwicklerkonferenz WWDC. Das Coronavirus könnte das gewohnte Timing aber durcheinanderbringen.