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Lockdown-Regeln gebrochenEin Tweet, der Millionen Briten aus dem Herzen spricht

Boris Johnson hat einen Top-Berater verteidigt, der mit einer Reise gegen die Ausgangsbeschränkungen verstossen hat. Die Briten sind empört.

Im Fokus der Öffentlichkeit: Regierungsberater Dominic Cummings am 24. Mai vor seinem Haus in London.
Im Fokus der Öffentlichkeit: Regierungsberater Dominic Cummings am 24. Mai vor seinem Haus in London.
Foto: Keystone

Am vergangenen Sonntagabend, kurz nach einer Pressekonferenz, in welcher der britische Premier Boris Johnson sich demonstrativ hinter seinen hoch umstrittenen Berater Dominic Cummings gestellt hatte, erschien im offiziellen Twitter-Feed des UK Civil Service folgende Nachricht: «Arrogant und widerlich. Können Sie sich vorstellen, wie es ist, mit diesen Wahrheitsverdrehern zusammenarbeiten zu müssen?» Nach zehn Minuten wurde sie wieder gelöscht, allerdings nicht ohne vorher rund 30’000-mal gelikt worden zu sein. Kurz darauf wurden, ebenfalls auf Twitter, bereits gerahmte Bilder und sogar eine gestickte Version davon verbreitet.

Cummings wird vorgeworfen, mit einer Fahrt zu Familienangehörigen ins rund 430 Kilometer entfernte Durham gegen Ausgangsbeschränkungen verstossen zu haben. Cummings gab als Grund für seine Reise Ende März an, er habe keine andere Möglichkeit gehabt, die Betreuung seines vier Jahre alten Sohnes sicherzustellen. Er habe für die Betreuung seines Kindes sorgen wollen, weil seine Frau an Covid-19 erkrankt gewesen sei und er selbst auch mit einer Ansteckung habe rechnen müssen.

Um die Tabu sprengende Tragweite der für Twitter-Verhältnisse zunächst recht moderat erscheinenden Unmutsäusserung erfassen zu können, muss man wissen, wofür Her Majesty's Civil Service steht. Als zentrale Staatsverwaltung bildet er das bürokratische Fundament jeder Regierungsarbeit in Westminster. Civil Servants sind dazu da, dem Premierminister und seinem Kabinett nach besten Kräften bei der Umsetzung ihres politischen Programms zu helfen. Die wichtigste Regel für Civil Servants, die nicht gewählt, sondern auf Lebenszeit verbeamtet sind, lautet, sich in der Öffentlichkeit politisch neutral zu verhalten.

Dass ein Civil Servant, für den Neutralität bis zur Selbstaufgabe eine Selbstverständlichkeit ist, sich irgendwie emotional äussert, ist also eine grosse Rarität. Dass er es in derart unverblümt regierungskritischer Absicht tut, ist beispiellos.

Nichts erbost die Briten mehr als Unfairness

Die digitale Eruption ist ein besonderes Symptom für das Wegbrechen vieler tragender Säulen des britischen Selbstverständnisses, das mit dem Brexit-Votum begann, und jetzt, in der Corona-Krise, seinen vorläufigen Tiefpunkt erlebt. Nicht zufällig entzündete sich die allgemeine Empörung daran, dass Dominic Cummings gegen die Lockdown-Regeln verstossen und mit seiner an Covid-19 erkrankten Frau und seinem Sohn von London zu seinen Eltern nach Durham gefahren war. Dass Johnson dies als «verständlich» abtat, wurde als unfair empfunden – und nichts erbost die Briten mehr als Unfairness. Der bisher unbekannte Tweeter hatte Millionen aus dem Herzen gesprochen.

Wie brenzlig das Ganze ist, zeigt die Ankündigung der Regierung, sofort nach dem Urheber des «nicht autorisierten Tweets» zu fahnden. Sollte er gefunden werden, dürfte sein Posten in akuter Gefahr sein. Doch eine erste Nothilfe wäre bereits garantiert. «Harry Potter»-Autorin J. K. Rowling twitterte ihrerseits am selben Abend: «Wenn Sie rausgefunden haben, wer es war, sagen Sie Bescheid. Ich möchte dem Betreffenden ein Jahresgehalt spendieren.»

54 Kommentare
    Markus Bachmann

    Warum redet eigentlich niemand über Andreas Ziegler aus Stuttgard? Andreas Ziegler war vor einigen Tagen auf dem Weg zu einer sog Grundrechte-Domo in Stuttgard. Auf dem Weg wurde die Gruppe von c.a. 50 linken Gegendemonstranten angegriffen. Andreas Ziegler wurde mit einer Gaspistole in den Kopf geschossen, er liegt seither im Koma. Das Thema wird von den Medien tot geschwiegen. Es passt nicht ins Schema, das linke Gewalttäter friedliche Demonstranten niederschiessen. Vorher hatten Medien tagelang gegen die Corona-Massnahmen-Gegner gehetzt und als Spinner , Verschwörungstheoretiker und Rechtsextreme diffamiert. Aber unter den Demonstranten waren v.a. auch normale Leute, selbständig Erwerbende, religiöse Gruppen und andere kritische Zeitgeister. Ich schreibe das hier weil es sonst nirgendwo dafür Raum hat und nicht darüber berichtet wird!