Zum Hauptinhalt springen

Kommentar zu Hashim ThaciEine Chance für eine zweite Befreiung Kosovos

Das Balkanland braucht einen politischen Neuanfang. Dazu gehört auch die Aufarbeitung der Vergangenheit.

Ein tiefer Fall, den er unbedingt verhindern wollte: Hashim Thaci, der Präsident Kosovos, sitzt im Gefängnis.
Ein tiefer Fall, den er unbedingt verhindern wollte: Hashim Thaci, der Präsident Kosovos, sitzt im Gefängnis.
Foto: Valdrin Xhemaj (Keystone) 

Der ehemalige Zürcher Geschichtsstudent und Flüchtling Hashim Thaci hat in den letzten 20 Jahren wie kein anderer Politiker seine Heimat Kosovo geprägt. Er begann seine Karriere als Freiheitskämpfer und krönte sie als fast allmächtiger Staatspräsident. Nun sitzt er als mutmasslicher Kriegsverbrecher im Gefängnis eines Sondertribunals in Den Haag. Es ist ein tiefer Fall, den er um jeden Preis verhindern wollte. Als begnadeter Taktiker kooperierte er eng mit dem Westen, um Kosovo von der serbischen Besatzung zu befreien und in die Unabhängigkeit zu führen. Gleichzeitig torpedierte Thaci die Justiz, um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Das Doppelspiel ist jetzt zu Ende.

Die Vorwürfe gegen Thaci wiegen schwer: Er soll als führender Kopf der kosovo-albanischen Befreiungsarmee UCK zusammen mit engen Vertrauten Kriegsverbrechen an serbischen Zivilisten und Roma begangen oder zugelassen haben. Ob das 2015 eingerichtete Sondergericht mit Sitz in Den Haag stichhaltige Beweise dafür vorlegen kann, muss sich erst zeigen.

Die ehemaligen Helden haben den Staat längst gekapert und sind zum Hindernis für die Entwicklung Kosovos geworden.

Seit dem Krieg sind zwei Jahrzehnte vergangen, viele Zeugen sind schon tot oder wurden getötet, andere haben Angst auszusagen, Beweismittel sind vermutlich längst vernichtet. Breite Teile der kosovarischen Gesellschaft lehnen das Gericht zudem als einseitig ab mit dem Argument, der Westen habe den früheren Aggressor Serbien praktisch amnestiert. Der Vorwurf ist nicht falsch, doch zur Wahrheit gehört auch, dass selbst in einem Verteidigungskrieg die angegriffene Partei Gräueltaten begehen kann.

Deshalb muss Kosovo die Vergangenheit aufarbeiten und die Straflosigkeit beenden. Nur so kann sich das Land zum zweiten Mal befreien. Die ehemaligen Helden haben den Staat längst gekapert und sind zum Hindernis für die Entwicklung Kosovos geworden. Als am Donnerstag Thaci und zwei seiner Mitkämpfer verhaftet wurden, ging kein Mensch auf die Strasse. Die meisten Kosovaren sind dieser korrupten Klasse überdrüssig.

17 Kommentare
    Wolfgang Blanck

    Das Kosovo kann alleine nie bestehen und ist eine Totgeburt seit Gründung. Es fehlt an allem... Wirtschaft, Universitäten, Schulen, Sozialsystem, Gesundheitssystem. Viele zieht es ins Ausland, statt im Land unternehmerisch zu agieren. Dafür steht in diesem neu geschaffenen Armenhaus Europas die Korruption, der Nepotismus und Religion hoch im Kurs und Thaci war ein Teil davon! Gewisse Länder kommen nie aus ihrer Misere raus und die Gründe dafür liegen bei den Menschen dieser Staaten selbst - das ist die bittere Erkenntnis. Hoffnungslos - es bleibt nur das Betteln bei anderen!