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Kommentar zu FrankreichEmmanuel Macron zeigt menschliche Grösse

Frankreichs Staatspräsident kann auch anders. In einer Rede zur Pandemie hat er seine elitäre Arroganz abgelegt und erschien erstmals als mitfühlender Seelentröster.

Schwächen zeigen, Gefühle, Seelentröster sein: Emmanuel Macron bei einer Fernsehansprache.
Schwächen zeigen, Gefühle, Seelentröster sein: Emmanuel Macron bei einer Fernsehansprache.
Foto: Marc Piasecki (Getty)

Er kann also auch anders. Bisher haben die Franzosen ihren Präsidenten meist in der Rolle eines forschen, kühlen und strengen Landesvaters erlebt, der sich selbst und den anderen viel abverlangt. Ein schneidiger Macher, ein Überflieger gar, der schon in jungen Jahren sehr viel erreicht hat und wenig Verständnis für Schwächere und nicht so Begabte zeigte.

Seine leistungselitäre Attitüde und sein bisweilen arroganter Tonfall wurden zu Emmanuel Macrons grossem Handicap. Offenbar hat der Präsident dies nun endlich erkannt. Die Franzosen erlebten jedenfalls am Montagabend einen ganz anderen Macron.

Seine leistungselitäre Attitüde und sein bisweilen arroganter Tonfall wurden zu Emmanuel Macrons grossem Handicap.

Anstatt wie vorher zum «Krieg» gegen das Virus zu blasen und dem Volk Blut, Schweiss und Tränen abzufordern, erschien ihnen ihr Präsident auf einmal als mitfühlender Seelentröster. Er verneigte sich rhetorisch vor den stillen Heldinnen und Helden der Krise, vor Krankenschwestern und Pflegern etwa. Er versprach mehr Hilfe für die Ärmsten.

Höchste Zeit, dass er menschelt

Kurzum, Macron menschelte. Es war höchste Zeit. Wenn er die Franzosen bis in zwei Jahren noch davon überzeugen will, ihn wiederzuwählen, dann reicht es nicht, recht zu haben. Um zu gewinnen, muss er gewinnend werden, Sympathien erzeugen, Mitgefühl zeigen. Hoffentlich gelingt es ihm.

Denn recht hat Macron in vielen seiner grundsätzlichen Analysen: Ja, das seit langem müde, pessimistische Frankreich braucht eine lange Phase von Reformen. Ja, die europäischen Staaten werden nicht durch weniger, sondern nur durch viel mehr Europa die Zukunft meistern.

In seinem Leben hat Emmanuel Macron schon öfters alle Skeptiker verblüfft.

Doch Macron gelang es häufig nicht, andere von seinen richtigen politischen Plänen zu überzeugen. In seiner Heimat marschierten die Gelbwesten gegen ihn auf. Seine bislang fragwürdige Bilanz im Kampf gegen Corona könnte ihn nun weiter bremsen.

Macron scheint das zu wissen. In seiner Ostermontagsrede sagte er, alle müssten sich nun neu erfinden, zuallererst er selbst. Viele bezweifeln, dass ihm das gelingt. Doch in seinem Leben hat Emmanuel Macron schon öfters alle Skeptiker verblüfft.

10 Kommentare
    Karl Sutter

    Ein kleiner Zwischenbericht aus dem „Reich Macrons“. Kurz nachdem M. Le Président die Verlängerung des „Confinement“ um 4 Wochen verkündet hat, machen sich erste Zeichen des „zivilen Ungehorsams“ breit. Gartencenter öffnen, obwohl ausdrücklich verboten, ganztägig. Anrückend Gendarmen werden von den Kunden ausgebuht und weggeschickt. Es erleichtert mich als Doppelbürger, dass meine „compatriotes“ nicht völlig zu „lenkbaren Schafen“ degeneriert sind. Es gibt noch Hoffnung. Denn schon einmal (beim Antiterrorgesetz) wurde der Ausnahmezustand nicht für 3 Monate sondern für mehr als 2 Jahre eingesetzt, das haben wir Macron nicht vergessen, vor allem weil er zahlreiche demokratische Rechte dauerhaft ausser Kraft gesetzt hat. Nochmals kann er dies nicht tun, sonst geht das Volk auf die Strasse.