Zum Hauptinhalt springen

Nachruf auf Markus RaetzEr spielte mit unserer Wahrnehmung

Der grosse Schweizer Künstler Markus Raetz ist am Dienstag nach Ostern im Alter von 79 Jahren gestorben.

Seine Kunst ist immer begleitet von einer Prise Humor: Markus Raetz in seinem Atelier, 2011.
Seine Kunst ist immer begleitet von einer Prise Humor: Markus Raetz in seinem Atelier, 2011.
Foto: Patrick Martin © Pro Litteris, Zürich

Um uns eine Vorstellung von der Arbeitsweise des grossen Wahrnehmungskünstlers Markus Raetz zu machen, schauen wir ihm über die Schultern: «Mit einer Handbewegung zeigt er», so berichtete der Journalist Konrad Tobler 2012 nach seinem Atelierbesuch in Bern, «wie er auf einem aufgepinnten gräulichen Blatt Papier mit einem breiten Pinsel und Kleisterfarbe in einem Zug eine blaue Schlaufe gemalt hat, die sich in sich um 180 Grad dreht.»

Der Pinsel werde dabei ebenfalls in sich um 180 Grad gedreht. Dabei lösche in bestimmten Bewegungsmomenten das später Gemalte das Frühere fast aus. So einfach sei das, wenn ein sogenanntes Möbiusband entstehe – eine Figur, die in sich höchst komplex ist, deren Inneres zum Äusseren wird und wieder zum Inneren; eine Schlaufe, die weder ein Oben noch ein Unten hat. «Looping» nennt Raetz diese Figur.

Markus Raetz, der am 14. April im Alter von 79 Jahren gestorben ist, wurde am 6. Juni 1941 in Bern geboren und arbeitete zuerst als Lehrer. 1963, im Alter von 22 Jahren, begann er eine Karriere als freier Künstler, die ihn weit über die Schweiz hinaus bekannt und berühmt machen sollte. Nie hat Raetz eine Kunstschule besucht, prägenden Einfluss auf sein Werk übten die Zeichnungen seines Vaters Ernst Rätz aus und die Bildhauerei von Piero Travaglini, der in Büren an der Aare in der Nachbarschaft der Familie gewohnt hat.

Stelen werden zum Kopf

Wichtig für seine künstlerische Entwicklung waren die Freundschaften zu Walo von Fellenberg, Harald Szeemann und Jean-Christophe Ammann. Szeemann und Ammann verschafften dem Zeichner, Maler und Objektkünstler in ihren kunsthistorisch bedeutsamen Ausstellungen in der Kunsthalle Bern (1977) und in der Kunsthalle Basel (1982/1983) die ersten grossen Auftritte.

Für die berühmt gewordene Basler Skulpturenausstellung in Brüglingen von 1984 schuf Raetz eine meisterhafte Skulptur aus dreizehn Stelen aus Jurakalk, die scheinbar wirr auf dem Boden herumliegen, bis man sich zu einer kanzelartigen Erhöhung begibt, die sich in der Nähe befindet. Von diesem Aussichtspunkt aus fügen sich die Steine für den Betrachter zum Bild eines «Kopfes», und man fragt sich angesichts der Anamorphose wie so oft vor den Werken dieses Künstlers, ob man seinen Augen noch trauen darf.

Die tanzenden Säulen

Ganz ähnlich ergeht es einem angesichts eines so berühmten Werkes wie «Yes or No». Die Wortskulptur Raetz’, die es in unzähligen Ausführungen und Sprachen gibt, erweist sich als im wahrsten Sinne doppeldeutig. Aus dem Yes, das man bei einer Frontalansicht liest, wird ein No, wenn man um das Kunstwerk herumgeht.

«Yes or No» von Markus Raetz im Musée Jenisch, 2014.
«Yes or No» von Markus Raetz im Musée Jenisch, 2014.
Foto: Odile Meylan ©Pro Litteris, Zürich

Überhaupt entwickeln seine Skulpturen eine unerhört performative Qualität. So entdecken wir in einem Hasen, der sich auf einem rotierenden Teller um sich selbst dreht, auch sein pures Gegenteil (oder ist es nur scheinbar das Gegenteil?), nämlich einen Gentleman. Grossartig ist auch das Spiel mit dem Grössenverhältnis von Weinflasche und Glas: In «Gross und Klein» zeigt Raetz einmal das Paar im richtigen Grössenverhältnis, das andere Mal wird die Flasche winzig klein, während das Glas zu mächtiger Grösse herangewachsen ist. Eines unserer Lieblingsobjekte heisst «Kiki de Montparnasse» und besteht aus zwei sich drehenden, leicht aus der Form geratenen Säulen, die, einmal in Bewegung gesetzt, einem vorkommen wie zwei Bauchtänzerinnen.

Es geht noch einfacher. In einer Ausstellung in Winterthur zeigte Markus Raetz 2015 ein paar skizzenhafte Akte, die er aus feinen Ästen direkt auf die Wand gepinnt hatte. In solchen ganz simplen und in ihrer Einfachheit umso schöneren Stücken lief Raetz als Zeichenkünstler zu Hochform auf. Immer begleitet seine Kunst ein Schuss Humor, immer spürt man ein lustiges Augenzwinkern in diesem Werk.

Manchmal meint man der Vorführung eines Taschenspielers beizuwohnen, der im Nu etwas Neues aus seiner Manschette zaubert.

Manchmal meint man gar der Vorführung eines Taschenspielers beizuwohnen, der im Nu etwas Neues aus seiner Manschette zaubert. Und regelmässig überrascht er uns mit seinen aufs Wesentliche reduzierten Formen, wie man sie nur von den Philosophen unter den Künstlern bekommt. Dabei hat sich Markus Raetz regelmässig geweigert, mit Journalisten, Kuratoren und Sammlern ein Gespräch über Philosophie anzufangen. Die Philosophie liege in den Dingen beziehungsweise in seinen Werken, pflegte er zu sagen.

Im Zentrum steht das Sehen

Der Kunsthistoriker Urs Stahel gibt in seiner Kurzbiografie auf der Internetseite des Schweizerischen Instituts für Kunstwissenschaft einen nach Jahrzehnten geordneten Überblick über das Schaffen des Künstlers: In den 60er-Jahren waren Raetz’ Werke von der konkreten Kunst und der Pop Art geprägt. In den 70er-Jahren schuf er unzählige Zeichnungen und Aquarelle. In den 80er-Jahren materialisierte sich die zeichnerische Linie, und der Künstler arbeitete vorwiegend mit Blättern, Zweigen und Plastik.

In den 90er-Jahren wird die Linie dann raumgreifend, springt aus der zweiten in die dritte Dimension. Dabei muss relativierend angemerkt werden, dass beim Werk von Raetz, das sich immer wieder mit den gleichen Themen beschäftigt, Zeichnung, Malerei und Bildhauerei parallel nebeneinander existieren. Stahel beschreibt es als «spiralförmiges Kontinuum, eine permanente Metamorphose von Motiven und Themen, Materialien und gestalterischem Vorgehen».

Im Kopf des Betrachters: «Aussicht, Ramatuelle» von 1983.
Im Kopf des Betrachters: «Aussicht, Ramatuelle» von 1983.
Foto: Kunstmuseum Basel, Martin P. Bühler

Zentral ist in den Kunstwerken von Markus Raetz das Sehen. Sei es, dass der Künstler einem bewusst macht, dass alles vom eigenen Standpunkt abhängt und die Dinge in ihrer permanenten Bewegung sich wandeln. Sei es, dass er sich wie etwa in «Aussicht, Ramatuelle» (1983) ganz in den Kopf des Betrachters versetzt, um dem Sehen auf die Spur zu kommen: Die Zeichnung mit Farbstift auf hellbraunem Papier, die sich im Besitz des Kupferstichkabinetts Basel befindet, zeigt den Blick aus dem Kopf durch die Augenhöhlen auf die Mittelmeerwellen von Ramatuelle, das sich bei St-Tropez befindet. Die Aussicht ist eine doppelte – sie zeigt zweimal ein braunes Gebilde auf dem Meer, so wie es sich darbietet vor der Fusion der Eindrücke in unserem Gehirn. Die Synthese selbst, sie liegt dann beim Betrachter.

1 Kommentar
    Reto Trachsel

    Besten Dank für Ihren Artikel. Es gibt noch mehr Tiefe und noch mehr zu entdecken: Hase und Gentleman sind Hase und Beuys. Bei «Kiki de Montparnasse» geht es weniger um die zwei Säulen als um den Negativraum dazwischen. Viel Spass beim Sehen!