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Time-out mit …«Es braucht kluge Köpfe und nicht polternde Lautsprecher»

Sascha Ruefers Alltag hat sich komplett verändert. Statt um die Champions League kümmert sich der Kommentator um neue Arbeitstechniken und mistet Unterlagen aus.

Seit 23 Jahren beim Schweizer Fernsehen: Der Seeländer Sascha Ruefer ist ein bekanntes TV-Gesicht.
Seit 23 Jahren beim Schweizer Fernsehen: Der Seeländer Sascha Ruefer ist ein bekanntes TV-Gesicht.
Foto: SRF/Oscar Alessio

«Unsere Arbeit bei SRF Sport hat sich wegen des Coronavirus natürlich auch grundlegend verändert. Livesport fällt fast komplett weg. Höher, schneller, weiter, Sieger und Verlierer all das findet nicht statt, der Sport ist Nebensache.

Das spüren auch wir, und es fühlt sich komisch an, denn eigentlich stünden wir mitten in einem Super-Sportjahr 2020. Wir würden uns intensiv auf die Fussball-EM sowie auf die Olympischen Sommerspiele vorbereiten. Parallel liefen viele Veranstaltungen. Diese Woche zum Beispiel hätte ich am Dienstag einen Halbfinal der Champions League kommentiert.

Nun nutzen wir die Zeit anders. Ein Teil der Sportredaktion arbeitet an alternativen Formaten wie «Sport@home» oder «Legendäre Sportmomente», wir senden auch weiterhin das «Sportpanorama» mit Hintergründen aus der Sportwelt. Vor allem aber arbeiten wir wie viele andere auch im Homeoffice.

«Es ist eine Ausnahmesituation. Und nicht die Zeit, mit dem Finger auf Fussballer zu zeigen.»

Ich selber bin dabei, Unterlagen zu ordnen und auszumisten, Recherche zu betreiben und grundsätzlich über die Bücher zu gehen: Wo kann ich mich verbessern? Was muss ich verändern? Finde ich neue Arbeitstechniken? Ich suche nach Lösungen für eine Kommentatoren-Software, mit der ich noch besser und effizienter auf meine Daten zugreifen kann. Für solche Dinge habe ich im Normalbetrieb, wenn eine Liveübertragung auf die nächste folgt, kaum Zeit.

Zudem habe ich mir zuletzt rund 15 Fussballspiele angeschaut und angehört, um meinen Kommentar mit dem der Kollegen aus dem In- und Ausland zu vergleichen. Ich habe festgestellt: Tendenziell rede ich weniger als auch schon. Aber immer noch genug ... (schmunzelt). Und ich könnte mehr Zeit in die Analyse und ins Schlussfazit investieren.

Es sind für alle Menschen enorm schwierige, herausfordernde Zeiten. Sicher bietet sich die Gelegenheit, vom Exzessiven in vielen Sportarten abzukommen und etwas mehr Demut an den Tag zu legen. Das gilt vor allem für den Fussball. Klar: Es geht um sehr viel Geld, deshalb habe ich Verständnis dafür, wird viel unternommen, damit der Betrieb so schnell wie möglich wieder aufgenommen werden kann. Über manche Forderungen schüttle aber selbst ich den Kopf, trotz meiner Begeisterung für den Fussball.

Doch auch hier gilt: Es ist eine Ausnahmesituation. Und nicht die Zeit, mit dem Finger auf Fussballer zu zeigen. Vielmehr muss mit einer guten Lösung, vorbereitet durch kluge Köpfe und nicht durch polternde Lautsprecher, die Möglichkeit geschaffen werden, dass der Fussball und der Sport weitergehen und notwendige Korrekturen angebracht werden können.

«2021 und 2022 werden einzigartig intensiv.»

Und wenn alles einigermassen normal läuft, werden die Jahre 2021 und 2022 mit Europa- und Weltmeisterschaft im Fussball, Olympischen Sommer- und Winterspielen sowie ganz vielen weiteren internationalen Wettbewerben zusätzlich zum Alltagsbetrieb einzigartig intensiv für alle Beteiligten.

Deshalb hoffe ich, dass die Unternehmen, Clubs und Athleten auch im Sport möglichst gut durch die Krise kommen. Ich habe Vertrauen ins System und in die Fachleute, die in diesen komplizierten Zeiten Entscheidungen von teilweise enormer Tragweite treffen müssen.»

* Sascha Ruefer (48) arbeitet seit 1997 beim Schweizer Fernsehen. Unter anderem moderiert er das «Sportpanorama» und kommentiert die Länderspiele der Fussball-Nationalmannschaft.