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Corona-MedienkonferenzKoch zu Partynacht: «Das ist ein grosses Risiko für die Leute»

Der BAG-Delegierte äussert sich besorgt über die Ansammlung von Feiernden in Basel und gibt Empfehlungen für Auffahrt ab. Demos mit fünf Personen sind neu erlaubt. Wir berichteten live.

Daniel Koch verurteilt Nachtschwärmer.
Video: Bundesrat/Youtube

Das Wichtigste in Kürze:

  • In der Schweiz wurden bisher 30'597 Personen mit dem Coronavirus infiziert. 1603 Personen sind an den Folgen von Covid-19 verstorben.
  • Das BAG vermeldet 10 Neuinfektionen innert der letzten 24 Stunden.
  • Laut Daniel Koch vom BAG sind Demonstrationen mit fünf Personen erlaubt.
  • Seit dem 11. Mai fährt der ÖV wieder nach normalem Fahrplan. Schulen, Restaurants und viele Geschäfte haben geöffnet.
  • Die Grenzen zwischen Deutschland, Österreich, Frankreich und der Schweiz werden am 15. Juni wieder geöffnet.

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Zusammenfassung

In der Schweiz wird es laut Daniel Koch, Delegierter des Bundesamts für Gesundheit (BAG) für Covid-19, keine Herdenimmunität geben. Die Infektionsrate liege bei schätzungsweise zehn Prozent. Es gelte, alle Corona-Fälle früh zu entdecken und in Quarantäne zu stecken.

Es gebe immer weniger virenbedingte Krankheiten bei warmen Wetter, Covid-19 sei darum leichter zu identifizieren, sagte Koch am Montag vor den Bundeshausmedien weiter. Dies und das Verhalten der Bevölkerung führten dazu, dass «die erste Welle» zu Ende gehe.

Die Feiertage Auffahrt und Pfingsten soll die Bevölkerung geniessen, sagte Koch. Damit die Feiertage aber nicht zum Bumerang würden, sollten weiterhin ein Abstand von zwei Metern zu andern Menschen und die Hygienemassnahmen respektiert werden.

Koch hat sich auch zu Demonstrationen geäussert. Gemäss den Rechtsberatern des Bundes gelten diese nicht als Veranstaltungen. Deshalb sei es erlaubt, wenn sich künftig bis fünf Personen treffen würden – sofern die Abstandsregeln eingehalten würden.

Angesprochen auf eine Ansammlung von feiernden Menschen in Basel am Wochenende sagte Koch, ein solches Risiko sei zu vermeiden. Schlimmstenfalls müssten die lokalen Behörden sonst einen solchen Treffpunkt schliessen.

Koch: «Alles ist auf Kurs»

Die anonymisierte Analyse von SIM-Karten zeige, dass «die Leute noch nicht so mobil sind, wie vor der Krise». Die Mobilität hat demnach im März stark abgenommen, nun normalisiert sich die Bewegungskurve allmählich. Die Daten zeigten, dass die vom Bund verordneten Massnahmen einen wesentlichen Einfluss gehabt hätten auf das Verhalten der Bevölkerung.

Epidemiologisch zog Koch ein positives Fazit. «Alles ist auf Kurs.» Die Zahlen der positiven Tests, der Spitaleinweisungen sowie der Todesfälle nähmen weiter ab. «Das ist ein sehr gutes Zeichen.» Der Trend gehe eindeutig nach unten.

Der Bund hofft auf noch weniger Fälle in den kommenden Tagen und Wochen. «Dann lassen sich auch weitere Lockerungsmassnahmen rechtfertigen», sagte Koch.

Ende der Pressekonferenz

Das wars vom Point de Presse mit den Experten des Bundes. In Kürze folgt hier eine Zusammenfassung.

Wann gibt es einen Impfstoff?

Forscher Teams weltweit arbeiten derzeit an einem Impfstoff gegen Covid-19. Experten rechnen jedoch damit, dass ein entsprechendes Präparat erst in ein bis zwei Jahren auf dem Markt erhältlich sein wird. Auch Daniel Koch erwartet, dass die Forschung «mindestens ein Jahr, wenn nicht sogar mehr» dafür braucht.

«Die Ressourcen, die weltweit dafür eingesetzt werden, sind aber nicht vergleichbar mit einer Normalsituation», ergänzt der Experte des BAG. «Es wird alles getan, um schnellstmöglich einen Impfstoff zu finden und dann in grossen Mengen zu produzieren.» Deshalb sei es wichtig, dass die Schweiz eine Strategie habe, die Infektionen tief zu halten, bis eine bessere Lösung vorhanden sei.

Wie kam es zur Zwei-Meter-Regel?

«Uns scheinen zwei Meter logischer als ein Meter», sagt Daniel Koch zum Vergleich mit Ländern, welche die Abstandsregel anders interpretieren. «Bei einem Meter kommt man sich doch schon sehr nahe. Es ist ja auch nicht so, dass wir auf den Autobahnen gleich schnell fahren wie in anderen Ländern. Solche Unterschiede existieren – das ist auch nicht weiter schlimm.»

Koch zu den Grundrechten

Jugendliche haben am vergangenen Freitag, dem 15. Mai, vor dem Berner Zytglogge gegen den Klimawandel demonstriert. Gemäss einem Journalisten standen zirka zehn Personen in einem Abstand von jeweils fünf Metern beeinander. Nun werden sie verzeigt. Was sagt Daniel Koch dazu? «Wenn in einer ausserordentlichen Situation eine Regel gilt, dann gilt sie für alle. Der Bundesrat ist sich der Problematik aber bewusst und wird das Problem in den nächsten Sitzungen mit Sicherheit angehen.»

Ein Polizist spricht mit den protestierenden Klima-Aktivisten in Bern am Freitag 15. Mai.
Ein Polizist spricht mit den protestierenden Klima-Aktivisten in Bern am Freitag 15. Mai.
Foto: Anthony Anex/Keystone

Gilt die Abstandsregel auch für Paare?

Müssen Paare und Familienmitglieder aus dem gleichen Haushalt im öffentlichen Raum die Zwei-Meter-Distanzregel einhalten? «Nein, da geht es um den gesunden Menschenverstand», sagt Koch. «Fünf Personen, die sich spontan treffen, sollen aber den Abstand einhalten.» Grössere Ansammlungen seien weiterhin nicht erlaubt.

Grund für die Frage und Kochs Klarstellung: Es gab Medienberichte, wonach Personen aus dem gleichen Haushalt gebüsst worden seien, weil sie den Abstand nicht eingehalten hätten.

Bilanz nach der ersten Lockerung

Seit einer Woche sind die Läden offen. Kann man schon eine Bilanz ziehen? Koch: «Dazu ist es zu früh. Es braucht noch zwei bis drei Wochen, um zu sehen, ob sich die Situation konsolidiert. Es gibt aber keine Anzeichen, dass dem nicht so sein sollte.»

Herdenimmunität ist kein Thema

Was ist nun die Strategie des Bundes? «Es haben sich maximal zehn Prozent der Leute in der Schweiz mit dem Coronavirus angesteckt. Das reicht nicht für eine Herdenimmunität», sagt Daniel Koch. «Deshalb müssen wir wohl oder übel Angesteckte finden und die Kontaktpersonen in Quarantäne stecken. Wenn wir diese sogenannte Containment-Strategie richtig durchziehen, erlaubt uns das sehr viele Freiheiten.» Und: «Die Schweizer Bevölkerung hat bislang gezeigt, dass sie verstanden hat, worum es geht.»

Mehr Frauen angesteckt

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Doch Saisonalität bei Corona?

Warum gibt es in der Schweiz nur noch zehn neue Fälle innerhalb eines Tages? «Die Jahreszeiten sind sicher ein Faktor. Es gibt weniger andere Atemwegserkrankungen als im Winter. Das hilft, Corona-Fälle zu erkennen.» Hinzu kommen laut Daniel Koch die Massnahmen und Regeln des Bundesrates. «Vielleicht werden wir die Gründe nie genau kennen, aber ich bin sehr glücklich, dass es so gekommen ist.»

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Auffahrt und Pfingsten

Was rät Daniel Koch im Hinblick auf die verlängerten Wochenende an Auffahrt und Pfingsten? «Die Situation ist nicht mehr so dramatisch wie an Ostern. Die Leute sollen das schöne Wetter geniessen, sich aber weiterhin an die Empfehlungen halten. Nicht dass diese Feiertage zum Bumerang werden», sagt der 65-Jährige.

Zur Wiederaufnahme von Gottesdiensten will Koch sich nicht äussern. Der Bundesrat werde dazu noch informieren.

Lohnfortzahlung in Quarantäne?

Wenn ein Arbeitnehmer in Quarantäne muss: Wer kommt dafür auf? «Wenn eine Person in Quarantäne muss, gibt es eine Lohnfortzahlungspflicht für eine gewisse Zeit», erklärt Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch vom SECO

Daniel Koch bestätigt: «Es sollen keine finanziellen Nachteile entstehen. Deshalb wird es über die Erwerbsersatzordnung abgegolten.»

Wie geht es mit Italien weiter?

Italien will am 3. Juni die Grenzen öffnen. Was macht die Schweiz? Laut SEM-Sprecher Daniel Bach ist es möglich, dass Italien einseitig öffnet: «Die Schweiz entscheidet autonom», sagt Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch.

Daniel Koch findet: «Wir müssen gut überlegen, wie wir mit unseren Grenzen umgehen.» Eine Quarantäne wie sie andere Länder eingeführt haben, schliesst er quasi aus. «Das wäre sicher eine sehr drastische Massnahme für jemanden, der nach Mailand einkaufen geht und dann in die Schweiz zurückkommt.»

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Keine Verschärfung im ÖV

Im öffentlichen Verkehr bleiben die Schutzmassnahmen gleich. «Wir empfehlen stark, eine Schutzmaske zu tragen, wenn ein Abstand von zwei Metern nicht möglich ist», sagt Koch Es gibt für ihn aber keinen Grund, die Massnahmen zu verschärfen, wie das die Zugbegleiter gefordert hatten (Zum Bericht: Zugpersonal fordert Maskenpflicht für Pendler). Die Fallzahlen seien momentan ja gut.

Proteste im ganzen Land

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Änderung bei Demonstrationen

Warum hat man eine Neuauslegung bei den Demonstrationen gemacht? Koch: «Man hat erkannt, das Demonstrationen ein Grundrecht sind. Es werden sicher weitere Schritte in diesem Bereich folgen.»

Partynacht in Basel

Nun geht es um die Nachtschwärmer in Basel. Koch sagt zu den Menschenansammlungen: «Das ist ein grosses Risiko für die Leute wie auch für die Betreiber der Bars und der Ortschaften selbst. Es gibt ein unglückliches Beispiel aus Südkorea. Dort hat ein einziger Fall dazu geführt, dass 1500 Kontakte gesucht werden mussten. Ich fordere alle auf, ein solches Risiko zu vemeiden. Schlimmstenfalls müssten die lokalen Behörden einen Ort schliessen. Es ist im Sinne aller, dies zu vermeiden.»

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An diesem Wochenende sind erstmals Restaurants und Bars wieder offen – und die Menschen auch abends unterwegs. Nicht alle halten sich dabei an die Abstandsregeln, wie Bilder zeigen. Die Polizei will nun mehr kontrollieren.

Koch zu Gastro-Daten

Gästedaten in Cafés, Bars oder Restaurants zu notieren, ist nach Angaben des Bundesamts für Gesundheit von Interesse für die Gastrobetriebe. «Das Ziel ist, beim Auftreten eines Corona-Falls zu wissen, mit wem die betreffende Person Kontakt hatte», sagt Daniel Koch. «Es ist im Interesse des Gastrobetriebes, diese Daten zu sammeln. Nur er hat sie und soll sie nach 14 Tagen vernichten.»

G-20-Treffen wichtig

Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch vom Seco spricht nun. «Wie können wir absichern, dass wir weltweit einen guten Marktzugang haben?», fragt sie. «Wir tun dies in mehreren Foren. Wir sind Gast des G-20 Gipfels in diesem Jahr und wir nutzen dieses Treffen um unsere Anliegen einzubringen.»

Das Seco steht zudem in Kontakt mit grossen Unternehmen im Bereich Schutzkleidung und Pharma. «Im Verlauf der letzten Monate sind wir uns bewusst geworden, dass die Schweiz auch auf Importe angewiesen ist.» Es gebe im Vergleich zum Beginn der Krise aber kaum noch Probleme entlang der Wertschöpfungskette.

Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch, Staatssekretaerin des SECO spricht an einer Medienkonferenz des Bundes.
Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch, Staatssekretaerin des SECO spricht an einer Medienkonferenz des Bundes.
Foto: Anthony Anex/Keystone

(SDA /aru)