Nagra

«Viele fragen: ‹Wieso ein Tiefenlager bei uns?›»

Wenn es Fragen gibt zum möglichen Tiefenlager in der Region Nördlich Lägern, ist Lukas Oesch die erste Anlaufstelle. Er trägt also nicht nur Informationen aus der Nagra in die Bevölkerung, sondern hört auch die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger

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Herr Oesch, wenn es im Unterland um die Nagra geht, sind Sie meist nicht fern.

Wir haben sogar eine Hotline unter der wir rund um die Uhr erreichbar sind. Ich bin dabei primär für die Region Nördlich Lägern zuständig. Als Projektleiter Regionale Partizipation ist meine Hauptaufgabe die beidseitige Kommunikation zwischen der Nagra und den Bewohnerinnen und Bewohnern der betroffenen Gemeinden zu ermöglichen. Dazu gehört nicht nur, dass wir Informationen präsentieren, sondern auch, dass wir zuhören und Rückmeldungen aus der Bevölkerung zusammentragen.

Wieso haben Sie sich entschieden, bei der Nagra zu arbeiten?

Ein Teil davon ist die Faszination für das Projekt. Das Tiefenlager soll uns ermöglichen, radioaktiven Abfall für eine Million Jahre sicher zu lagern. Zum Vergleich: Die Pyramiden sind knapp 4000 bis 5000 Jahre alt. Wir reden hier von unglaublichen Dimensionen – auch wenn die Radioaktivität in den ersten tausend Jahren bereits stark abnimmt. Aber ich denke auch, dass das Tiefenlager die sinnvollste Lösung ist.

Gebiet Nördlich Lägern. Foto: Nagra

Sie haben seit Juni eine Rubrik «Nagra-Ecke» im Stadler Dorfblatt, in der Sie Fragen aus der Bevölkerung beantworten. Wie kam es dazu?

Die Idee kam uns bei einem Gespräch mit der Redaktion des Dorfblattes. Da das Dorfblatt eine sehr gute Zirkulation hat, können wir so besonders viele Menschen erreichen. Das Endlager ist ein höchst komplexes Unterfangen, und dieser direkte Kontakt mit der Bevölkerung soll auch uns helfen: Wenn wir eine Frage nicht beantworten können, haben wir ein Problem und müssen nochmals hinter die Bücher. Deshalb würden wir gerne viel mehr Fragen erhalten.

Welche Fragen zum Tiefenlager werden am häufigsten gestellt?

Eine Frage, die oft aufkommt ist: «Wieso bei uns?» Und es gibt eine ziemlich einfache Antwort. Damit die radioaktiven Abfälle sicher aufbewahrt werden können, muss das Tiefenlager in einem genügend dichten Gestein gebaut werden. Es hat sich gezeigt, dass das sogenannte Opalinuston dazu am besten geeignet ist. Eine solche Formation ist zum Beispiel im Gebiet Nördlich Lägern vorhanden. Ob wir aber das Tiefenlager tatsächlich hier, in Jura Ost oder in Zürich Nordost bauen, hängt von den Resultaten der Tiefbohrungen ab.

«Wenn wir eine Frage nicht
beantworten können, haben wir ein Problem und müssen nochmals hinter die Bücher.»
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Uns könnte es auch egal sein, was in einer Million Jahren sein wird.

Diese Einstellung wäre falsch. Meine Generation hat zwar nicht darüber entschieden, ob wir auf Atomenergie setzen sollen, aber wir alle profitieren täglich davon. Da nützt es auch nichts zu sagen, dass man zuhause auf Solarstrom setzt: Das Bahnnetz läuft teilweise immer noch mit Atomenergie. Es liegt also in unserer Verantwortung, eine Lösung zu finden, welche auch den Generationen nach uns ein sicheres Leben ermöglicht. Man darf nicht vergessen: Der Atommüll ist bereits da. In den Oberflächenlagern ist er heute noch sicher aufgehoben. Wie lange das währt, können wir jedoch nicht vorhersehen.

Kann die Nagra nicht einfach tun, was sie will?

Das stimmt auch nicht. Die Situation ist folgende: Der Bund hat entschieden, dass ein Tiefenlager die sicherste Entsorgungsmöglichkeit ist. Die Nagra hat den Auftrag, ein solches Lager zu planen und zu bauen. Bis es aber dazu kommen kann, muss der geeignete Platz gefunden werden. Und dann muss das Volk noch zustimmen. Die Nagra beseitigt also den atomaren Abfall der Schweiz mit dem Geld der Stromverbraucher und dem Einverständnis der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger.

Wenn das Tiefenlager so wichtig ist, könnte man das auch ohne das Volk entscheiden.

Wir leben glücklicherweise in einer Demokratie, in der die Bevölkerung Mitspracherecht hat. In dieser Diskussion sind verschiedene wissenschaftliche aber auch philosophische und ethische Fragen zu beantworten. Wir bei der Nagra kümmern uns hauptsächlich um die wissenschaftlichen Fragen. Um die ethischen und philosophischen Fragen muss sich die gesamte Gesellschaft kümmern.

Also muss die Nagra dieses Projekt überzeugend genug verkaufen?

Darin besteht die Problematik: Die Nagra verkauft kein fertiges Produkt. Wir sehen uns in vielerlei Hinsicht mehr als Beraterin. Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger haben den Atomausstieg beschlossen. Wirklich ausgestiegen sind wir aber erst, wenn alle Abfälle sicher entsorgt sind. Nun liegt es an uns, zusammen mit den Vertretern der betroffenen Regionen ein Projekt zu entwickeln, welches mehrheitsfähig ist. Dazu gehört, dass wir transparent sind und auch zuhören.

Verspüren Sie bei der Bevölkerung eine Angst gegenüber dem Tiefenlager?

Als Angst würde ich es nicht bezeichnen. Was wir wahrnehmen, ist manchmal eine gewisse Ohnmacht angesichts der Komplexität des Themas. Es gibt eine Flut von Informationen, und wir bemühen uns, sie den Menschen di möglichst verständlich zu vermitteln. In dieser Hinsicht haben wir sozusagen eine Bringschuld: Die Nagra kann der Bevölkerung nicht eine Doktorarbeit vorlegen und erwarten, dass jede und jeder diese versteht.

Wäre es im Hinblick auf den Klimawandel nicht besser, wenn wir weiterhin Atomenergie nutzen würden?

Der Atomausstieg wurde bereits beschlossen. Diesen Entscheid hinterfragt die Nagra nicht. Natürlich wird die Rolle der Atomenergie in der Klimadiskussion immer wieder thematisiert. Auch innerhalb der Nagra gibt es unterschiedliche Ansichten. Aber wir halten uns aus diesen politischen Diskussionen raus.

Erstellt: 21.11.2019, 17:57 Uhr

Infobox

Nagra-Bohrungen im Gebiet Nördlich Lägern

Das Gebiet Nördlich Lägern ist eines der drei möglichen Standortgebiete für ein geologisches Tiefenlager. Die Lagerzone könnte sich sich östlich vom Stadlerberg bis zur Tössegg erstrecken. Die anderen zwei Standorte befinden sich im Jura und im Nordosten des Kantons Zürich. Wo das Tiefenlager tatsächlich hinkommt, hängt von den Ergebnissen der zahlreichen Bohrungen ab, welche die Nagra in diesen drei Gebieten vornimmt. Diese sollen ermitteln, ob sich das unterirdische Gestein dafür eignet, radioaktiven Müll sicher einzuschliessen.

Nicht alle Bohrungen sind nötig

In Bülach findet eine Sondierungsbohrung seit April statt und dürfte Ende Monat abgeschlossen sein. 1983 wurde in Weiach eine Bohrung 1983 bereits vorgenommen, eine weitere soll folgen. Weiter könnte die Nagra je eine Bohrung in Eglisau und Glattfelden sowie drei Bohrungen in Stadel durchführen. Die Bewilligungen dafür wurden bereits beim Eidgenössischen Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) eingereicht. Die meisten Projekte wurden bereits genehmigt, wobei die Nagra betont, dass nicht zwingend alle Bohrungen nötig sind.

Nachdem bekannt wurde, dass das Gebiet Nördlich Lägern als Standort für ein Tiefenlager in Frage kommt, wurde 2011 die Regionalkonferenz Nördlich Lägern gegründet. Diese setzt sich aus 120 Mitgliedern aus den betroffenen Gemeinden zusammen und soll die Interessen und Anliegen der Bevölkerung und der Behörden in die Entwicklung des Tiefenlagers einbringen.

Fast so gross wie die Haupthalle am HB

Sollte die Wahl tatsächlich auf das Gebiet Nördlich Lägern fallen, würde das Tiefenlager 850 bis 950 Meter tief in der Gesteinsschicht Opalinuston gebaut werden. Lange galt Granit als das sicherste Gestein für die Lagerung von radioaktiven Abfällen. Forschungen in den letzten Jahren zeigten jedoch, dass sich Opalinuston dazu besser eignet. Weil die Gesteinsschicht bautechnisch jedoch sehr anspruchsvoll ist, wurde das Gebiet Nördlich Lägern von der Nagra anfänglich als wenig gut geeignet befunden. Mit den neusten Bohrungen will man nun ein vollständigeres Bild über die die verbliebenen Standorte erhalten.

Das Endlager muss ein Volumen von rund 90000 Kubikmetern fassen, was fast dem Fassungsvermögen der Haupthalle des Zürcher Hauptbahnhofs entspricht. Dieses Totalvolumen setzt sich zusammen aus dem radioaktiven Abfall, der in den fünf Schweizer Kernkraftwerken (rund 63000 Kubikmeter) oder in den Bereichen Medizin, Industrie und Forschung (rund 20000 Kubikmeter) bis zum Atomausstieg entstehen wird und anschliessend lagerfähig verpackt werden muss. Heute existieren bereits über 7000 Kubikmeter radioaktive Abfälle bei den Kernkraftwerken, im Bundeszwischenlager oder in den Lagerhallen der Zwilag AG. (abz)

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