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Kontakte in Corona-ZeitenFreundschaften sind unabdingbar

Es ist richtig, auf viele Kontakte zu verzichten. Aber Freiheit braucht Freundschaften, und wir müssen darauf achten, sie zu bewahren.

Eine spezielle Freundschaft, die auch in Corona-Zeiten bestehen bleibt: Der belgische Künstler Koenraad Tinel, 86, Sohn eines Nazi-Sympathisanten und der belgische Jazz-Pianist Simon Gronowski, 89, jüdischer Überlebender des Holocausts. Die beiden sind seit Jahren beste Freunde.
Eine spezielle Freundschaft, die auch in Corona-Zeiten bestehen bleibt: Der belgische Künstler Koenraad Tinel, 86, Sohn eines Nazi-Sympathisanten und der belgische Jazz-Pianist Simon Gronowski, 89, jüdischer Überlebender des Holocausts. Die beiden sind seit Jahren beste Freunde.
Foto: Yves Herman (Reuters, 21.10.2020)

Im Frühjahr, während der ersten Einschränkungen zur Bekämpfung der Pandemie, schien das Leben stillzustehen. Die Strassen waren leerer denn je, die meisten Geschäfte blieben dicht. Am Ende stellten viele fest: Der Konsum hat ihnen gar nicht so gefehlt. Das alte Sommerkleid tat es auch, und bevor man die Wohnung mit neuen Dingen füllt, kann man sie entrümpeln. Was dagegen schmerzlich fehlte, waren die Abende mit der Schulfreundin, die Kaffeerunde mit den Grosseltern, das soziale Leben jenseits des eigenen Hausstands. Was Glück ist, definierten viele Wohlstandsbürger im April 2020 anders als noch im Februar.

Nun, in der zweiten Welle der Infektionen wie der Verbote, bleibt Konsum erlaubt. Geschäfte schliessen nicht, auch das Arbeiten geht weiter. Kontakte sollen eng begrenzt werden, weil sie sich als Treiber der Pandemie erwiesen haben. Ja, es ist richtig, jetzt keine Partys zu feiern, Freunde nicht mehr einzuladen, Verwandte zu schützen vor dem, was man anschleppen könnte. Alles andere würde in eine menschliche Katastrophe führen und wäre unverantwortlich auch gegenüber Ärzten und Pflegern, die Leben retten.

Es genügt nicht, funktionstüchtig zu sein. Es braucht das Geflecht aus Bekanntschaften und flüchtigen Begegnungen.

Aber richtig ist auch: Damit verzerren sich die Massstäbe. Die Menschen werden zu in erster Linie produzierenden und konsumierenden Wesen, was der Staat der Wirtschaft zuliebe weiterhin erlaubt und fördert. Nichts gegen Arbeiten und Einkaufen, beides mag befriedigend sein. Doch die Einsicht des Frühjahrs war ja gerade: Es genügt nicht, funktionstüchtig zu sein. Auch die Kernfamilie, so sie besteht, genügt auf Dauer nicht.

Es braucht die engen Freunde, mit denen einen mehr verbindet als der Alltag; es braucht das Geflecht aus Bekanntschaften und flüchtigen Begegnungen, vom Kollegen, der eine Brezel mitbringt, bis zu der unbekannten Theatergängerin, die in der Garderobenschlange etwas Kluges sagt. Ein ganzes Dorf ist nötig, um ein Kind zu erziehen – und eine Stadt, um vielleicht nicht alle, aber doch sehr viele Erwachsene im Gleichgewicht zu halten.

Der Freundschaftskult im 18. Jahrhundert

Als sich im 18. Jahrhundert das bürgerliche, produktionsorientierte und evidenzbasierte Wertesystem etablierte, verfiel das intellektuelle Europa in einen Freundschaftskult. Die Vernunft, so die verbreitete Auffassung, wird kalt und ungeniessbar ohne ihre Schwester, die Freundschaft. Diese wirkt einer Verzweckung des Lebens entgegen, nur mit ihr kann Freiheit gelingen. Man schrieb einander also herzzerreissende Briefe, legte dem oder der Erwählten jede Seelenregung dar, feierte die (mehr oder weniger) platonische Liebe zwischen Frauen, Männern, den Geschlechtern.

Insbesondere die Deutschen erklärten die Freundschaft zu einem Grundprinzip des Daseins, zur Inspiratorin von Aufklärung, Fortschritt, Schaffenskraft. «Selig, wer sich vor der Welt, / ohne Hass verschliesst, / einen Freund am Busen hält, und mit dem geniesst», schreibt Johann Wolfgang von Goethe, der Freunden wie Friedrich Schiller oder Charlotte von Stein viel zu verdanken hatte.

Derzeit verschliessen wir uns vor der Welt, doch die Freunde bleiben nun auf Zoom und Instagram beschränkt, wo kein bebender Busen gefährlich werden kann. Das mag für den Moment zweckmässig sein. Auf Dauer vernünftig ist es aber, den Menschen nicht auf sein wirtschaftliches Handeln zu reduzieren. Die Freundschaft ist ein Gegengift gegen solche Tendenzen.

5 Kommentare
    Valerie F

    Vielen Dank fuer diesen Kommentar. Wir sind im Moment ja einfach am funktionieren und existieren, aber nicht wirklich am leben. Mir fehlen meine Freunde und so sehr wir auch ueber Zoom etc kommunizieren koennen, es ist nicht dasselbe. Die menschliche Naehe, das gemeinsam Erleben fehlt.