Bassersdorf

40 Jahre nach Grossdemo – Bassersdorf hofft weiter auf Umfahrung

Der Kanton will neue Studien anfertigen lassen, ob eine Verkehrsentlastung in Bassersdorf sinnvoll und machbar wäre. Schon vor genau 40 Jahren gabs deswegen eine Demo im Dorf.

Wo heute ein Kreisel für Rückstau sorgt, blockierten die Bassersdorfer am 24.11.1979 die Löwenkreuzung und zogen auf den Platz hinter dem alten Schulhaus (l.) weiter.Foto: Archiv

Wo heute ein Kreisel für Rückstau sorgt, blockierten die Bassersdorfer am 24.11.1979 die Löwenkreuzung und zogen auf den Platz hinter dem alten Schulhaus (l.) weiter.Foto: Archiv

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Manche Themen bleiben offenbar ewig aktuell. Verkehrsüberlastung und lästige Staus gehören auch dazu. In Bassersdorf gilt das ganz besonders. Dort spricht man seit Jahrzehnten über diese Probleme. Denn allmorgendlich staut sich eine lange Fahrzeugschlange aus Winterthur und dem Oberland in Richtung Flughafen vor dem Zentrumskreisel. Und jeden Abend überrollt die Blechlawine das Dorf aus der Gegenrichtung. So geht das seit Jahren, während sich die Bassersdorfer bis heute nach einer Verkehrsentlastung sehnen.

Dabei hatte man dieses Ziel schon fast einmal erreicht. Anfang der Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts lag ein Ringstrassenprojekt vor, das die Gemeinde selbst ausgearbeitet hatte. Und zwar «baureif ausgearbeitet», wie es in Presseberichten von damals nachzulesen ist. Was dann geschah, sorgte für Furore. Das war in einer Zeit als Abba noch live auf der Bühne standen und es am Flughafen noch keinen Bahnhof gab. Den wohl lautesten und am meisten beachteten Hilfeschrei der Bassersdorfer stiess die verkehrsgeplagte wie auch zunehmend verärgerte Dorfbevölkerung an einem frostigen Tag im Spätherbst 1979 aus. Ein Blick ins Zeitungsarchiv gibt eine Vorstellung von der Stimmung, die damals im Glattaler Dorf herrschte. Vor genau 40 Jahren – am Samstag, 24. November – gingen mehrere Hundert Dorfbewohner «für die Strasse auf die Strasse», wie der «Zürichbieter» und auch die NZZ berichteten. Sogar das Schweizer Fernsehen war vor Ort und sendete am folgenden Montag zur besten Sendezeit abends um 19.35 Uhr einen «Blickpunkt Region» mit Ausschnitten der Protestkundgebung für eine Umfahrungsstrasse.

Das Versprechen...

Die NZZ wunderte sich über so viel Empörung und Kampfeslust im kleinen Dorf: «Es ist heute eher üblich, gegen Strassenprojekte zu demonstrieren», schrieb der Reporter und fügte an, «das Umgekehrte geschah in Bassersdorf.» Der Hintergrund der Empörung wird in den Zeitungen auch beschrieben. Fünf Jahre zuvor, 1974, hatte nämlich der amtierende Regierungsrat und Bauvorsteher des Kantons Zürich, Alois Günthard, den Bassersdorfern an einer Versammlung vor Ort eine Umfahrung versprochen, wenn die Stimmberechtigten der Verlegung des Bahnhofs aus der Dorfmitte an die südliche Peripherie zustimmen würden.

Die Bassersdorfer Demo füllte im «Zürichbieter» eine ganze Seite und kam auch in der NZZ und im TV.

Die bereits fertig ausgearbeitete Ringstrasse zur Verkehrsentlastung kam der neuen Flughafenlinie in die Quere, weshalb die Bassersdorfer darauf verzichten sollten, was zu heftigen Diskussionen führte. Der «Zürichbieter» schrieb: «Wohl einzig wegen des durch den damaligen Baudirektor abgegebenen Versprechens, dass gleichzeitig mit der Inbetriebsetzung der Flughafenlinie der SBB auch die Hochleistungsstrasse Kloten–Brüttisellen realisiert werde, erklärten sich die Bassersdorfer damit einverstanden, auf ihr Ringstrassenprojekt zu verzichten und der Bahnhof-Verlegung an die Südperipherie des Dorfes zuzustimmen.»

… nie eingelöst

Vier Monate vor der «Bahnhof-Züglete» vom März 1980, wie es die NZZ nannte, kam es zur grossen Demo. Es hatte sich viel getan, «allein in Sachen Umfahrung ist nichts geschehen», schrieb der «Zürichbieter». Deshalb hatte der Gemeinderat höchstselbst zur Protestaktion aufgerufen. Um elf Uhr setzte sich also ein langer Umzug in Bewegung. Es ging vom (alten) Bahnhof, wo heute der Coop steht, über die Baltenswilerstrasse und Löwenkreuzung zum Platz hinter dem alten Schulhaus am heutigen Kreisel.

Man stellte sich einem Teil der 14000 Autos, die täglich durchs Dorf rollten, in den Weg (aktuell rund 18000) und wollte so zeigen, dass diese Masse besser ums statt durchs Dorf rollen sollte. Manche hatten gar Gasmasken aufgesetzt, um auf die Luftverpestung aufmerksam zu machen. Nicht wenige Demonstranten hätten mit Transparenten, Musikinstrumenten und selbst gebastelten Fahrverbotsschildern absichtlich etwas länger auf der viel befahrenen Kreuzung verharrt, heisst es. Darauf hätten sich sofort lange Autoschlangen bis weit übers Dorf hinaus gebildet.

Gemeinderäte erinnern sich

An jenem Novembersamstag vor 40 Jahren wurden aber auch Reden gehalten und auf dem Schulhausplatz eine Resolution mit Forderungen verabschiedet. Nebst den Gemeindevertretern waren auch mehrere Kantonsräte aktiv dabei, darunter der damalige Walliseller Gemeindepräsident Paul Remund oder Erhard Szabel, der damalige Chefredaktor des «Zürichbieters».

Zwei der Beteiligten erinnern sich noch heute bestens an diesen Tag. Als amtierende Gemeinderäte waren sie quasi die Urheber dieses öffentlichen Aufschreis. Der freisinnige Franz Wyss (87) sagt: «Wir hatten uns tüchtig eingesetzt für die Umfahrung, aber es gab dann Beamte mit viel Einfluss beim Kanton, die unser Anliegen nicht für dringlich genug erachteten.» Inzwischen hat der damalige Hochbauvorsteher die Hoffnung praktisch aufgegeben, obwohl er eine Umfahrung noch immer eine gute Sache findet.

Der damaliger Gemeinderatskollege und Tiefbauvorsteher Frieder Schneider (77) (ex SP / heute EVP) wird schon deutlicher: «Als die SBB ihr Projekt bekommen hatten, gings mit der Umfahrung nicht mehr weiter.» Zudem sei der Regierungsrat, der den Bassersdorfern eine Umfahrung versprochen hatte, verstorben. Sein Nachfolger sei dann viel weniger mutig, ja eher bedächtig vorgegangen. «Wir waren fest überzeugt, dass die Umfahrung kommt. Aber vielleicht hat man die vollmundigen Versprechen auch zu leichtgläubig aufgenommen, weil wir dachten, das sei ein ‹Selbstläufer›.» Schneider findet es immer noch dringend nötig, dass das Dorf eine Verkehrsentlastung bekommt. Er wünschte sich heute zuweilen etwas mehr Engagement des Gemeinderats und der bald drei Bassersdorfer Kantonsräte. Denn das Verkehrsproblem sei nach wie vor nicht gelöst.

Kanton prüft erneut

Der amtierende Bauvorsteher der Gemeinde, Christian Pfaller (SVP), nimmt den Ball auf. Er selber könne sich nicht an die Protestkundgebung erinnern, habe er doch genau am Tag der Demo 1979 erst seinen dritten Geburtstag feiern können. Aber Pfaller kann den Frust der ehemaligen Gemeinderäte gut verstehen. «Den täglichen Stau im Dorf schleckt keine Geiss weg. Mit dem Bau des Brüttener Tunnels müssen wir jetzt wirklich schauen, dass es eine Lösung gibt, damit der Durchgangsverkehr aus dem Dorf verschwindet.» Ob das gelingt oder Bassersdorf noch weitere 40 Jahren auf eine Entlastung vom Verkehr warten muss, ist derzeit noch völlig offen.

Der Kanton klärt momentan im Zusammenhang mit dem von Pfaller erwähnten SBB-Projekt Brüttener Tunnel ab, ob eine Verbindungsstrasse – ähnlich wie es das ehemalige Ringstrassenprojekt vorsah – machbar wäre. Das Kantonsparlament hat am vergangenen Montag das vom Regierungsrat beantragte Bauprogramm der Staatsstrassen für die Jahre 2020 bis 2022 billigend zur Kenntnis genommen.

Erstellt: 22.11.2019, 17:46 Uhr

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