Buchs

47 Jahre lang von Briefkasten zu Briefkasten

Auf seiner Abschlusstour erzählt der Briefträger Ernst Thalmann von seinen unzähligen Erlebnissen und erklärt, warum er diesem Beruf so lange treu geblieben ist.

Nach 47 Jahren ist Schluss. Der Buchser Briefträger Ernst Thalmann geht in Pension und wird in Zukunft nur noch seinen eigenen Briefkasten bedienen.

Nach 47 Jahren ist Schluss. Der Buchser Briefträger Ernst Thalmann geht in Pension und wird in Zukunft nur noch seinen eigenen Briefkasten bedienen. Bild: sms

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Der letzte Arbeitstag eines Menschen ist geprägt von einem Mix aus Vorfreude auf die Pensionierung, aber auch aus Wehmut, weil man sich von einem wichtigen Lebensabschnitt verabschiedet. Der Samstag, 28. Oktober, bedeutete für den Buchser Briefträger Ernst Thalmann das Ende eines erfüllten Berufslebens, in welchem er 47 Jahre lang dem gleichen Arbeitgeber gedient hat.

Um 8.30 Uhr begegnet der Reporter dem junggebliebenen zukünftigen Pensionär vor dem Restaurant Frohsinn. Es ist einer der ersten frostigen Morgen und Ernst Thalmann warm eingepackt. «Bei jedem Wetter bin ich draussen, das verlangt der Job», sagt der seit 1974 in Buchs wohnhafte Briefträger.

Man merkt schnell, dass er routiniert und mit Freude seine Arbeit verrichtet. Heute geht es auf seine Stammtour, welche von der Oberdorf- bis zur Castellstrasse führt. Lautlos fährt Thalmann auf dem Roller durch die Quartierstrassen. Mit diesem Arbeitsgerät dürfen die Briefträgerinnen und Briefträger – im Volksmund Pöstlerinnen und Pöstler genannt – auch auf dem Trottoir fahren.

Geborener Outdoor-Mensch

Auf die weniger schönen Seiten seines Berufslebens angesprochen, kommen Ernst Thalmann die Bürostunden in den Sinn, die auch für einen Pöstler anfallen können. «Am liebsten bin ich draussen an der frischen Luft», blickt er zurück. Denn schliesslich gebe es kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung – und schlechte Laune. Dabei spricht er nicht von sich selbst, sondern davon, dass die Empfänger der Brief- und Paketpost zuweilen auch weniger gut auf seine «Fracht» reagiert hätten.

«Das war vorallem in denjenigen Zeiten so, zu welchen wir Betreibungen und Zahlungsbefehle zustellen mussten». Doch im Grossen und Ganzen sei er verschont gewesen von Beleidigungen. Einzig zu Beginn seiner Tätigkeit in Buchs sei er hie und da von einem Hofhund gebissen worden. Mittlerweilen seien die Hundehalter vernünftiger geworden.

Ganze 13 Jahre lang, nämlich von 1987 bis 2000, war Ernst Thalmann in Schöfflisdorf als Pöstler unterwegs. Doch seinem Wohnort Buchs ist er treu geblieben, schliesslich hat er in Buchs seine zukünftige Frau Vreni kennengelernt, mit der er eine Familie gründete. Noch heute wohnen sie im Buchser Zentrum und sind – vorallem wegen seiner Berufstätigkeit – bei den meisten Buchserinnen und Buchsern bekannt.

«In meiner Anfangszeit hier der Gemeinde war ich in zahlreichen Vereinen tätig, weshalb man sich noch besser untereinander kannte», erklärt Ernst Thalmann und leitet gleich zu einem etwas wehmütigeren Thema. Heutzutage sei ein Pöstler nicht unbedingt daran interessiert, wie es einem Empfänger gehe, zumal viele Pöstler gar nicht in ihrem Verteilgebiet wohnten. «Das war bei uns am Anfang ganz anders», führt er weiter aus, «es gab sogar Zeit für einen Kaffee.»

Ausblick eines Pensionierten

Eine weitere Episode, die in der heutigen Zeit fast undenkbar sei, war die Auszahlung der AHV. «Manchmal trug ich bis zu 120 000 Franken mit mir in der Tasche herum», sagt Ernst Thalmann lächelnd.

Für einen Menschen wie ihn, der Zeit seines Lebens wortwörtlich «auf Achse» gewesen sei, falle der Abschied von der gewohnten Routine schwer. Dass er den Beruf des Briefträgers, mit einer damals einjährigen Lehrzeit, jederzeit wieder wählen würde, wird beim Abschlussgespräch bei ihm zu Hause und bei Betrachtung der zahlreichen Dankesschreiben aus der Bevölkerung schnell klar. «Ich kann mir gut vorstellen, anfang nächstes Jahr an ein bis zwei Tagen pro Woche eine neue berufliche Herausforderung anzunehmen».

Erstellt: 30.10.2017, 16:17 Uhr

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