Obergericht

78 Monate Gefängnis für Messerstich

Nach einem Spielplatzstreit hat eine Mutter auf einen Nachbarn eingestochen. Dafür wurde sie vom Obergericht nun härter verurteilt als zuvor in Dielsdorf.

Tatort Spielplatz: Weil eine Frau ihren Sohn beschützen wollte, ging sich mit einem Küchenmesser auf einen Mann los (Symbolbild).

Tatort Spielplatz: Weil eine Frau ihren Sohn beschützen wollte, ging sich mit einem Küchenmesser auf einen Mann los (Symbolbild). Bild: Keystone

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Was bringt eine zierliche,1,53 Meter kleine Frau dazu, mit einem Küchenmesser auf einen beinahe 40 Zentimeter grösseren und 40 Kilo schwereren Mann einzustechen? Die Antwort: ein Spielplatzstreit. Die Folgen ebendieses Kinderstreits haben dazu geführt, dass die Täterin, eine 39-jährige Kubanerin, seit 687 Tagen in Haft sitzt. Ihr heute 10-jähriger Sohn, den sie nach eigenen Worten beschützen wollte, lebt tausende Kilometer entfernt bei seiner Grossmutter in Kuba.

Vor einem Jahr war die Frau vom Bezirksgericht Dielsdorf wegen Notwehrexzess zu einer Freiheitsstrafe von 42 Monaten und einer Landesverweisung von 8 Jahren verurteilt worden. In der Berufungsverhandlung vor Obergericht forderte die Staatsanwältin am Montag wie schon vor Bezirksgericht eine Freiheitsstrafe von neun Jahren für versuchte Tötung. Der Verteidiger der Kubanerin forderte erneut, die Mutter sei Schuld und Strafe freizusprechen.

«Sie wollte ihrem Kind beistehen, das immer wieder 
gemobbt wurde .»

Verteidiger der Beklagten 
während der Verhandlung vor dem Obergericht

Die Tat habe nichts mit Notwehr zu tun, argumentierte die Staatsanwältin, sie liege vielmehr in der rücksichts- und hemmungslosen Gewaltbereitschaft der Kubanerin begründet. Der Rechtsvertreter des Opfers sprach vor Obergericht gar von einem Blutrausch der «grundsätzlich gewaltbereiten» Frau.

Ihr Verteidiger zeichnete dagegen das Bild einer hilflosen Mutter: «Sie wollte ihrem Kind beistehen, das immer wieder gemobbt wurde.» Bei den Stichen habe es sich klar um Notwehr gehandelt. Die Frau die ihren Sohn alleine grosszog und von Nothilfe lebte, habe sich schutzlos gefühlt und das Messer deshalb eingepackt.

Auf Spielplatz verprügelt

Zugetragen hatte sich die Tat im Juni 2017 in einer Unterländer Gemeinde. Der Sohn der Kubanerin kam weinend und mit blauen Flecken im Gesicht und am Oberkörper vom Spielplatz nachhause und erzählte, er sei von anderen Kinder verprügelt worden. Die Mutter machte sich mit ihm auf die Suche nach den Angreifern.

In ihre Gesässtasche steckte sie ein Küchenmesser mit einer 9,5 Zentimeter langen Klinge – zu ihrem eigenen Schutz, wie sie im Juni 2017 vor dem Bezirksgericht Dielsdorf angab. Auf dem Spielplatz schimpfte sie mit den beiden Prüglern. Dann begab sich sich mit ihrem Jungen zur Wohnung einer Mutter, die ihren Knaben vom Spielplatz fortgeschickt hatte. Es kam zur einer lautstarken Diskussion.

«Sie musste sich wehren»

Nach einer halben Stunde tauchte der Vater von zwei gemassregelten Jungen vom Spielplatz an der Wohnungstüre auf. Ab diesem Moment gibt es zwei Versionen der Geschehnisse. Laut dem Verteidiger der Kubanerin habe der Vater sie sofort mit den Füssen getreten, mit den Fäusten geschlagen und als Nutte beschimpft: «Dies weil er davon überzeugt war, dass die Beschuldigte ihren Sohn geschlagen hat, obwohl das nie geschehen ist.»

Bevor sie zum Messer gegriffen habe, habe der Mann sie mit beiden Händen am Hals gepackt. Sie habe sich mit einem Messerstich in seinen Unterbauch zur Wehr gesetzt und den Mann dabei auch am Arm verletzt. «Wie aggressiv sein Vorgehen war, zeigt eine defekte Kommode am Tatort.» Diese könne nur von seinen Fusstritten zerbrochen sein. «Die körperlich unterlegene Frau musste sich mit dem Messer zur Wehr setzen. Der Mann versperrte die Türe, sodass sie nicht flüchten konnte.»

Die Verletzungen des Vaters hätten sich später als nicht lebensbedrohlich herausgestellt, weshalb es sich keinesfalls um eine versuchte Tötung gehandelt habe.

«Unvermittelt eingestochen»

Ganz anders schilderten die Staatsanwältin und der Verteidiger des Angegriffenen den Vorfall. Das Opfer sei zur Wohnung der Nachbarin gegangen und habe die Kubanerin gefragt, ob sie seinen Sohn geschlagen habe. Sie habe dies bejaht und erklärt, dass sie es wieder tun würde. Dann habe sie unvermittelt auf ihn eingestochen. Das Opfer habe lediglich versucht sich zu wehren.

Diese Aussage sei später auch von der Wohungsbesitzerin, einer guten Bekannten des Opfers, gestützt worden. «Dass das Dielsdorfer Gericht, die Schilderungen der Beschuldigten als glaubhaft beurteilt hat, ist einfach falsch», sagte die Staatsanwältin. Ausserdem rechtfertige das Mobbing des Sohnes keineswegs das Mitführen eines Messers. «Dass sie sich damit schützen wollte, ist eine Verharmlosung und Beschönigung.»

Das Obergericht erhöhte die Strafe für die Kubanerin am Montag auf sechseinhalb Jahre Gefängnis und 8000 Franken Genugtuung für das Opfer. Die Richter sahen keine Hinweise dafür, dass es seitens des Mannes vor den Messerstichen einen Angriff gegeben hatte. «Bei ihnen wurden keine Verletzungen gefunden, die auf Schläge deuten lassen», sagte der Gerichtspräsident zur Beklagten. Das die Stiche nicht tödlich waren, sei nur dem Zufall zu verdanken.

Erstellt: 15.04.2019, 17:49 Uhr

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