Bülach

Als «Pfarrerin» noch ein Skandal war

Eine Hörausstellung in der reformierten Kirche ist der «illegalen Pfarrerin» Greti Caprez-Roffler gewidmet. Ihre Wahl 1931 in der Berggemeinde Furna zur Dorfpfarrerin löste einen Skandal aus.

Vor 1931 ausschliesslich in Männerhand: Die Kirchenkanzel.

Vor 1931 ausschliesslich in Männerhand: Die Kirchenkanzel. Bild: Pixabay

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Der 13. September 1931 war ein grosser Tag in der Geschichte der kleinen Gemeinde Furna im Bündnerland. Die aus Igis stammende, frischgebackene Theologin und junge Mutter Greti Caprez-Roffler wurde zur Pfarrerin gewählt. Dies war in der Geschichte der Schweiz einzigartig; noch nirgendwo sonst war eine vollamtliche Pfarrerin auf der Kanzel gesichtet worden.

Zwar durften Frauen als Pfarrhelferinnen agieren, die Führung des Pfarramts aber blieb Männern vorbehalten. Doch Furna hatte lange Zeit vergeblich versucht, das Gemeindepfarramt zu besetzen. Während Greti Caprez-Roffler mit ihrem neugeborenen Sohn und einer Haushälterin ins Bergdorf zügelte, blieb ihr Ehemann Gian, der als Ingenieur arbeitete, in Pontresina – für einen weiteren Skandal war also gesorgt.

Enkelein Christina Caprez hat eigens für Kirchenräume eine Ausstellung mit Hörinstallation zusammengestellt. Fotos: Sibylle Meier

Von den Versuchen des Kirchenrats, die Pfarrerin von der Ausübung ihres Amtes abzuhalten, liess sich die 25-Jährige nicht beeindrucken. Darüber hinaus nutzte sie ihre Stellung, um die Situation von Frauen und Mädchen zu verbessern. Gestützt von ihrer Gemeinde, übte sie ihr Amt auch dann noch aus, als der Kirchenrat als Sanktion das Kirchgemeindevermögen konfiszierte.

Alte Kanzel in die Kirche geholt

Die spannende Geschichte der Pionierin Greti Caprez-Roffler ist zurzeit in Bülach nachzuerleben. Eine Hörinstallation, welche ihre Enkelin, die Journalistin Christina Caprez aus Zollikon, eigens für Kirchenräume konzipiert hat, macht bis zum 6. Februar in der reformierten Kirche halt. «Es ist unser Auftrag, der Gemeinde etwas über die Kirchengeschichte in der Schweiz weiterzugeben», erklärt Pfarrerin Eva Caspers, die zusammen mit ihrer Berufskollegin Rahel Graf die Ausstellung nach Bülach geholt hat. Sie besteht aus sechs Schaukästen mit Bildern und Alltagsobjekten aus dem Leben der jungen Pfarrerin. Zu sehen sind beispielsweise ein Liebesbrief, eine Strickarbeit einer ihrer Söhne oder eine Petrollampe. Dazu ist an jeder Station eine Geschichte aus dem Leben dieser ungewöhnlichen Frau zu hören.

Greti Caprez-Roffler war die erste vollamtliche Pfarrerin in einer Schweizer Gemeinde.Foto: Nachlass Caprez-Roffler

Da jeder Schaukasten mit einem bestimmten Ort in der Kirche, so auch der Kanzel, verknüpft ist, wurde für die Dauer der Ausstellung bis zum 6. Februar eigens die 400-jährige Kanzel in die Kirche geholt.

Abgesehen davon, dass es sich bei der Biografie von Greti Caprez-Roffler um ein spannendes historisches Thema handelt, zeigt ihr Werdegang auf, dass die damaligen gesellschaftlichen Fragen wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch heute noch nicht ausdiskutiert sind.

Ein Drittel aller Pfarrpersonen sind Frauen

«Die Ausstellung wird die Menschen anders als typisch kirchliche Themen ansprechen», ist Rahel Graf überzeugt. Deshalb sind rund um die Ausstellung herum – nebst der Vernissage vom Sonntag, 19. Januar – drei weitere Anlässe geplant (siehe Kasten).

Heute sind in der Schweiz gut ein Drittel aller Pfarrpersonen Frauen. «Ich habe es nie als Nachteil empfunden, als Frau in diesem Beruf tätig zu sein», erklärt Eva Caspers und ergänzt: «Das Bild dieses Berufs hat sich stark gewandelt.» Heute müsse man sich auch nicht mehr komplett vereinnahmen lassen vom Pfarrberuf, und auch die Wohnsitzpflicht im Pfarrhaus sei gelockert und gelte nur noch für eine Pfarrperson in jeder Gemeinde. Dennoch: «Es geht nur, wenn einen das Umfeld stützt», so Eva Caspers weiter. Rahel Graf hingegen erinnert sich, dass sie gerade schwanger war, als sie sich auf ihre erste Pfarrstelle bewarb – und deshalb eine Absage erhielt. «Das Bild der traditionellen Rollenverteilung ist in der Kirche noch stärker», findet sie. So gibt es nur wenige vollamtliche Pfarrerinnen, höhere Positionen sind in Männerhand. Auf jeden Fall dürften Frauen wie Greti Caprez-Roffler den heutigen Pfarrerinnen einen Teil ihres Wegs geebnet haben.

Erstellt: 15.01.2020, 15:35 Uhr

Hörinstallation über die «illegale Pfarrerin»

Die Vernissage findet am Sonntag, 19. Januar, von 11.30 bis 12 Uhr, in der reformierten Kirche Bülach statt. Am Sonntag, 26. Januar, um 10 Uhr, unterhält sich Pfarrerin Eva Caspers im Familiengottesdienst «Sundate» mit Enkelin Christina Caprez zum Thema Berufung. Am Samstag, 1. Februar, von 10 bis 12 Uhr, sind Eltern zu einem Workshop eingeladen, um sich über ihre Erfahrungen mit der Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Beziehung auszutauschen. Der Anlass ist verbunden mit einem Besuch der Ausstellung über Greti Caprez-Roffler. Am Donnerstag, 6. Februar, um 20 Uhr, liest auf Einladung des Frauenstammtischs Zürcher Unterland Christina Caprez im Hertilabor aus ihrem Buch «Die illegale Pfarrerin». Der Abend wird von Rahel Graf moderiert. Die Hörinstallation ist während der Öffnungszeiten der Kirche vom 14. Januar bis 6. Februar von 9 bis 18 Uhr geöffnet.

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