Dielsdorf/Niederhasli

Auch Schweizer waren einst Flüchtlinge

Migration und Asylpolitik bleibt ein viel diskutiertes Thema. Obwohl die Schweiz heute ein beliebtes Asylland ist, fanden sich im 19. Jahrhundert viele Schweizer in der Rolle der Flüchtlinge – was Thema eines Vortrages im Bezirk Dielsdorf war.

Monika Winet, Islamwissenschaftlerin an der Uni Basel, 
referierte in Dielsdorf und Niederhasli zum Thema Migration.

Monika Winet, Islamwissenschaftlerin an der Uni Basel, referierte in Dielsdorf und Niederhasli zum Thema Migration. Bild: Sibylle Meier

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Sie waren zusammengepfercht in Boten auf langen Reisen, die viele nicht überlebten. Als sie an ihr Ziel ankamen, wich der Hoffnung auf neue Perspektiven meist Ernüchterung: Diskrimination und die Gefahr, ausgenutzt zu werden, standen an der Tagesordnung. Was nach der Lebensgeschichte syrischer oder eritreischer Flüchtlinge klingt, war harte Realität für viele Europäer, die im 19. Jahrhundert vor Armut und Hunger gegen den Westen flohen. 60 Millionen Menschen wurden damals zu Migranten und machten die beschwerliche Reise nach Nord- und Südamerika. Darunter auch 400 000 Schweizer, die zwischen 1816 und 1913 ihre Heimat zurückliessen, um ein neues Leben in der Ferne aufzubauen. In ihrem Vortrag «Wandern zwischen Welten» zeigte Monika Winet, Islamwissenschaftlerin und Lehrbeauftragte an der Universität Basel, am letzten Freitag in Dielsdorf und danach in Niederhasli Parallelen zwischen historischer Migration und dem Phänomen in der Moderne.

Migration gab es schon immer

Obwohl Flüchtlings- und Asylpolitik heute hochbrisante Themen in der Politik sind, handelt es sich nicht um ein Phänomen der Moderne: «Migration gibt es, seitdem es Menschen gibt», erklärt Winet. Migration nimmt viele Formen an. Völkerwanderungen aufgrund von Armut, Hunger oder Verfolgung sind eine historische Normalität. So passten sich die Menschen jeweils an Umweltbedingungen und gesellschaftliche Herausforderungen an.

Aber besonders in der Vergangenheit kamen viele Menschen als Söldner oder Sklaven in neue Länder. Am Beispiel der Schweiz sieht man die Folgen dieser Wanderungen in den kulturellen Spuren, welche die Römer, Germanen und Kelten zurückgelassen haben. «Erst im frühen 20. Jahrhundert wurde Migration zwischen den Nationen eingeschränkt.»

Wie die Politik und die Medien mit der Problematik Migration umgehen, hat sich in über zwei Jahrhunderten nicht sehr geändert. «Es wird auch heute noch oft die gleiche Rhetorik verwendet», so Winet. Dass sie eine Last für die einheimische Bevölkerung darstellen, wurde auch über die Schweizer Migranten in den Vereinigten Staaten gesagt. In ihrer neuen Heimat wurden sie als arm und unerwünscht dargestellt, wie es heute bei Migranten aus Afrika oder dem nahen Osten der Fall ist. In der Schweiz wurden im 19. Jahrhundert viele Menschen aus der Bevölkerung zur Migration sogar ermutigt. Der rasante Bevölkerungswachstum und die Nebenwirkungen der industriellen Revolution hatten viele geld- und brotlos gelassen, sodass bis zu 20 Prozent der Bevölkerung auf staatliche Unterstützung angewiesen waren. Die Migration war für viele die letzte Chance auf eine neue Perspektive. Ein dunkles Kapitel der Schweizer Geschichte: Vielen Schweizern, die ausgewandert sind, wurden die Heimatpapiere entwendet und zerstört, damit sie nicht wieder zurückreisen konnten.

Beherzte Diskussion

Unter den rund 20 Zuhörern der Seniorenbildung, die sich zusammengefunden haben, entstand eine beherzte Diskussion. Für die meisten steht fest, dass die Flüchtlingspolitik in Westeuropa in vielen Bereichen unzureichend ist: «Wir dürfen diese Menschen nicht ignorieren sondern müssen ihnen helfen», sagt eine Zuhörerin. Ob sich das Problem in den nächsten Jahren verschärfen wird, ist nicht klar, Kriege und der Klimawandel machen Migration zu einem weltpolitischen Thema. «In der Schweiz sind die Asylgesuche aber rückläufig», sagt Winet. Die Betroffenen, die sich im Asylprozess befinden, stehen jedoch vor anderen Herausforderungen. Ein Problem ist laut Winet, dass Flüchtlinge oft von der restlichen Gesellschaft isoliert sind: «Wir müssen ihnen erlauben, sich viel früher in der Arbeitswelt zu integrieren». Für viele sind die Hürden zu hoch, Arbeitsbewilligungen werden nicht ausgestellt und Ausbildungen im Ausland nicht anerkannt. Es fehlen Perspektiven. «Menschen brauchen ein Ziel, sonst bleiben sie im Leben stehen», hält Winet fest. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 18.11.2018, 16:13 Uhr

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