Notfall

Der Ärztefon läutet noch zu selten

Mit einer breit angelegten Kampagne soll der umstrittene, seit 2018 kantonsweit zentralisierte Notrufdienst bekannter gemacht werden.

Die Ärztefon-Zentrale: Hier gehen Anrufe von Ratsuchenden aus dem ganzen Kanton Zürich ein.

Die Ärztefon-Zentrale: Hier gehen Anrufe von Ratsuchenden aus dem ganzen Kanton Zürich ein. Bild: Matthias Scharrer

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In einem Grossraumbüro in Zürich Oerlikon warten Pflegefachfrauen und medizinische Praxisangestellte auf Anrufe. Es dauert ein paar Minuten, bis das Telefon mal läutet während der gestrigen Präsentation für Medienschaffende. Die Frau am anderen Ende der Leitung klagt über Kopfschmerzen und ein Flimmern. Die Beraterin vom Ärztefon im Oerliker Grossraumbüro empfiehlt der Frau einen Arzt in ihrer Nähe: «Soll ich Sie gleich verbinden?»

Rund 120'000 Beratungsfälle hatte das Ärztefon 2018. Es war sein erstes Betriebsjahr als kantonsweit zentralisierter Gratis-Beratungsdienst. Am häufigsten läutet es am Wochenende, wie Geschäftsleiter Reto Bissig sagt. Dann, wenn jemand nun doch endlich wissen will, was es etwa mit seinen Rückenschmerzen auf sich hat, nachdem er sich die Woche hindurch zur Arbeit geschleppt hat. Oder wenn das Kind nachts trotz Medikamenten noch immer unter hohem Fieber leidet.

Unnötige Kosten einsparen

Das medizinisch geschulte Ärztefon-Personal klärt am Telefon jeweils zuerst den Ernst der Lage ab. Für schwierigere Fälle kann es selbst einen Arzt als telefonischen Ratgeber einbeziehen. Meistens verweist es die Ratsuchen an einen Arzt in der Nähe des Patienten – oder schickt in dringenden Fällen einen Notfallarzt vorbei.

Von den rund 120'000 Fällen im Jahr 2018 mussten nur zehn Prozent an eine Spital-Notfallstation vermittelt werden, wie Bissig sagt. Somit werde das Hauptziel erreicht: Spitäler von Bagatellfällen zu entlasten – und damit unnötige Kosten im Gesundheitswesen einzusparen.

Allerdings läutet das vom Kanton und von den Gemeinden finanzierte Ärztefon bislang deutlich seltener, als angenommen. Anfangs ging die Gesundheitsdirektion von 250'000 Fällen pro Jahr aus. Kanton und Gemeinden rechneten dafür mit jährlichen Kosten von 7,3 Millionen Franken.

Inzwischen mussten die Beteiligten über die Bücher gehen: 2018 beliefen sich die Kosten auf 6,2 Millionen, für 2019 sind laut Bissig 5,7 Millionen budgetiert. Und für 2020? «Kommt darauf an, wie sich die Anruferzahlen entwickeln», sagt der Ärztefon-Geschäftsleiter. Man sei in Verhandlungen mit der Gesundheitsdirektion.

Werbekampagne gestartet

Fürs laufende Jahr rechnet Bissig erneut mit 120'000 Fällen. «Ich hoffe aber, dass es aufgrund unserer Kampagne nun mehr werden.» Um seine Fallzahlen zu steigern, hat das von der Ärztegesellschaft des Kantons Zürich lancierte Ärztefon diese Woche eine breit angelegte Werbekampagne gestartet: Flyer landen in Briefkästen, an Poststellen und in Arztpraxen. Zudem wird in öffentlichen Verkehrsmitteln und auf Plakaten für die Telefonnummer 0800 33 66 55 geworben.

Insgesamt 800'000 Franken kostet die Kampagne laut Bissig. Je rund 300'000 Franken davon stammen aus den Kassen des Ärztefons und der Ärztegesellschaft, die restlichen 200'000 Franken vom Kanton, wie der Ärztefon-Geschäftsleiter sagt. «Ob wir 250'000 Fälle pro Jahr erreichen, ist nicht so wichtig», sagt Bissig. «Aber wenn wir den Drittel der Patienten erreichen, der sonst unnötigerweise in die Spital-Notfallstation geht, sind wir auf einem guten Weg.»

Die Art und Weise, wie der Kanton und die Ärztegesellschaft die zuvor auf 32 Anbieter verteilten telefonischen Notfalldienste zentralisierten, war von Beginn an umstritten. Kritisiert wurde, dass der Kanton den Auftrag ohne öffentliche Ausschreibung vergab. Auch die Höhe der Gemeindebeiträge stiess auf Kritik.

Auftrag neu ausschreiben

Vor knapp einem Jahr unterstützte der Kantonsrat mit klarer Mehrheit mehrere GLP-Vorstösse, die Korrekturen verlangen. Demnach soll der Kanton den Auftrag fürs Ärztefon spätestens nach Ablauf der fünfjährigen Leistungsvereinbarung neu öffentlich ausschreiben. Die Ärztegesellschaft würde sich dann erneut darum bewerben, kündigt ihr Präsident Josef Widler an. Es brauche einen Anbieter, der das Vertrauen der Ärzte habe und mit diesen gut vernetzt sei.

Für Kritik sorgte weiter die enge Verflechtung des Ärztefons mit der SOS-Ärzte Turicum AG. Diese sei anfangs nötig gewesen, um das Beratungsangebot innert der vom Kanton gesetzten kurzen Frist aufzubauen, erklärt Bissig. Nun nehme man aber eine Entflechtung vor. So sei die ärztliche Leitung des Ärztefons inzwischen nicht mehr in den Händen der SOS-Ärzte. «Seit 1. Juli haben wir eine eigene ärztliche Leitung», so Bissig. Die SOS-Ärzte würden nun nur noch aufsuchende Dienste bei Patienten im Auftrag des Ärztefons übernehmen, wie andere Notfallärzte auch, ergänzt Widler.

Erstellt: 22.08.2019, 18:31 Uhr

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