Video-Serie «Chlini Iszyt»

Der Alpenhüne an der Klotener Bande

Beat Equilino hat seine ganze Karriere beim HC Davos gespielt, bevor er dem Profisport 2002 den Rücken kehrte, in die Zeitungsbranche wechselte und später Banker wurde. Heute ist der Bündner Team-Manager des EHC Kloten – mit so viel Engagement, dass der Mannschaftsarzt ihn bremsen musste.

Vom Klasseverteidiger über den Bankangestellten zum Teammanager: Beat Equilino zeigt in all seinen Tätigkeiten grosses Engagement.
Video: Michael Caplazi

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Der EHC Kloten befindet sich seit seinem Abstieg aus der National in die Swiss League in einer Situation, in welcher er sich in den letzten 56 Jahren noch nie befunden hat. Der Club muss sich zurechtfinden, muss sich erst noch einleben in dieses neue Leben nach dem Ende einer Ära.

Der Mannschaft kommt dabei zugute, dass sie von erfahrenen Grössen der Schweizer Hockeyszene begleitet wird. Felix «Fige» Hollenstein als Sportchef und Reto Pavoni als Torhütertrainer sind im Unterland bekannt, weil sie viermal mit dem Club Meister geworden sind. Und auch den dreifachen Schweizer Meister – mit drei verschiedenen Clubs, notabene – André Rötheli, Trainer der Mannschaft, dürfte vielen ein Begriff sein. Weniger Leute wissen wohl, dass im Club noch eine andere Legende mitwirkt, die ebenfalls schon den Meisterpokal in die Höhe stemmen durfte: Team-Manager und Medienchef Beat Equilino.

Ski oder Hockey – eine andere Möglichkeit gab es nicht

Equilino ist heute 47 Jahre alt und sieht genau so aus, wie man sich einen ehemaligen Spitzensportler vorstellt: Die grau-melierten Haare sind perfekt frisiert, der Gang noch immer dynamisch, der Ehrgeiz in den Augen noch immer sichtbar. Seine Grösse von 1,93 Meter – teilweise war er der grösste Spieler der National League – verrät, dass am früheren Verteidiger des HC Davos nicht so leicht vorbeizukommen war, auch wenn er heute nicht mehr über sein früheres Kampfgewicht von über 100 Kilo verfügt.

Im Gespräch ist der Vater von drei Kindern pointiert und offen, er spricht mit der Selbstsicherheit von einem, der weiss, was er alles schon geleistet hat. Dass er die letzten Jahre – Equilino ist 2014 zum Club dazugestossen – in seiner Doppelfunktion als Team-Manager und Medienchef unter enormen Druck stand, merkt man ihm überhaupt nicht an.

Equilino ist in Davos aufgewachsen. «Sportlich gesehen kann man sich als Davoser eigentlich nur zwischen zwei Disziplinen entscheiden: Ski oder Hockey», erklärt er. Equilinos Interesse für den Eissport wurde durch seinen Grossvater geweckt. «Mein Neni, wie man in Davos sagt, war Platzwart des HC Davos, der zur damaligen Zeit sehr erfolgreich war.» So stand Equilino bereits als kleiner Bub im Alter von knapp 5 Jahren auf dem Eis und lernte Schlittschuhlaufen.

Ein Jahr später trat er in den Club ein, dem er während seiner gesamten Spielerkarriere treu geblieben ist. «Mich faszinierte am Hockeysport schon damals die Schnelligkeit des Spiels, mir gefiel die Kombination aus Tempo und Härte.» Dass der Club für das Training auch eine Eiskunstläuferin engagierte, die den wilden Buben zu mehr Können auf den Kufen verhelfen sollte, quittierte Equilino zwar damals noch mit einem Naserümpfen. Geholfen hat es trotzdem: In seiner späteren Karriere war er bekannt als guter Schlittschuhläufer, der trotz seiner Grösse durch sein Geschick auf dem Eis auch als Defensivspieler nach vorne Möglichkeiten schaffen konnte.

Als junger Erwachsener wurde Equilino dann Teil der 1. Mannschaft. Der HCD war damals erst vor kurzem in die 1. Liga abgestiegen. Der Club schaffte allerdings bereits in Equilinos erstem Jahr als Teil der Mannschaft den Aufstieg in die Nationalliga B und in seinem dritten Jahr den Wiederaufstieg in die Nationalliga A.

In dieser Zeit erarbeitete sich Equilino seinen Ruf als harter, aber fairer Verteidiger. «Bis auf die Elitestufe war ich eigentlich ein Stürmer. Aufgrund meiner Grösse und meiner Masse hat mich der Trainer dann aber später zum Verteidiger gemacht, was mir am Anfang natürlich gar nicht passte, ich wollte Tore schiessen. Aber ich habe bald an meiner neuen Rolle Gefallen gefunden, einen guten Check weiss ich auch heute noch im Hockey zu schätzen», sagt der Davoser heute.

12 Jahre lang verteidigte Equilino für den HCD. Auf die Frage, ob er als einer, der ein körperbetontes Spiel pflegte, heute die Zeche dafür mit täglichen Schmerzen bezahlt, muss er lachen. «Nicht mehr. Nach dem Ende meiner Karriere hatte ich Schmerzen beim Aufstehen und über die Jahre wurde klar, dass es an der Hüfte liegt, die halt stark abgenutzt worden war.» Seit er diese vor drei Jahren ersetzt habe, sei er beschwerdefrei. «Mein Glück war auch, dass ich nie grosse Verletzungen hatte. Ich hatte mal die Zähne draussen, die Nase gebrochen, die Finger gebrochen und die Bänder gerissen. Aber nach spätestens zwei bis drei Wochen konnte ich immer wieder spielen.»

Der Fall Chad Silver war ein Tiefpunkt

Der gelernte Sportartikelverkäufer war während Jahren fester Bestandteil der Davoser Defensive und konnte mit der Mannschaft unter anderem zweimal den Spengler-Cup gewinnen. Zudem wurden auf Equilino auch die Kanadier aufmerksam, die St. John’s Maple Leafs luden ihn zu Testspielen nach Nordamerika ein.

Es gab aber auch schwierige Zeiten. «Etwas vom schlimmsten für mich war der Tod von Chad Silver», erinnert sich der Bündner. Silver, ein gefeierter Stürmer der ZSC Lions, wurde am 3. Dezember 1998 tot in seiner Wohnung aufgefunden. Er war an einem Herzversagen verstorben. Doch zwei Tage zuvor war er in einem Spiel gegen den HCD von Equilino mit einem absolut regelkonformen, aber harten Check gestoppt worden. «Als ich von Chads Tod erfahren habe, hat es mir völlig den Boden unter den Füssen weggezogen», erzählt Equilino. Die Medien stürzten sich auf den Check als mögliche Ursache für den Tod, Equilino bekam Morddrohungen und dachte gar darüber nach, aufzuhören. «In dieser schwierigen Phase hat mir Arno del Curto sehr geholfen.»

Über Umwege wieder zurück zum Hockey

Equilinos Karriere beim HC Davos endete 2003, während der Club sich auf einem Höhepunkt befand. «Wir hatten im Jahr davor den Spengler-Cup gewonnen und waren soeben Meister geworden», erinnert sich der Bündner. Von oben wurde Equilino bereits beschieden, dass der Club vermehrt junge Spieler einbauen möchte und dass es für ihn vielleicht nicht mehr reiche. Equilino trat deshalb von sich aus zurück. «Ich war damals 32 Jahre alt und hätte eigentlich gerne noch zwei bis drei Jahre angehängt. Aber ich wollte selber über meine Karriere entscheiden und bestimmen, wann ich aufhöre», erklärt er. Zwar gab es Angebote von anderen Clubs, aber für ihn war klar: Wenn nicht für Davos spielen, dann lieber gar nicht.

Das erste Jahr ohne Hockey sei hart gewesen. «Es ist Mai und du weisst: Die Jungs sind jetzt in der Garderobe und bereiten sich schon auf die nächste Saison vor. Und du bist nicht dabei. Wenn dieser Sport am Anfang so lange ein so wichtiger Teil deines Lebens gewesen ist, ist es schwer, plötzlich nicht mehr zu spielen.» Equilino zog sich deshalb aktiv zurück, schaute sich auch so gut wie keinen Match an. «Als ehemaliger Sportler ist das ein Prozess, den man durchmachen muss.»

Heute blickt Equilino auf eine erfolgreiche Karriere auch nach dem Sport zurück. Er machte das Handelsdiplom in Chur und fand schnell den Weg zurück ins Berufsleben, wurde Inserateverkäufer bei der Davoser Zeitung. Auch für den HC Davos arbeitete er parallel dazu bald wieder, war nach einem Jahr Pause vom Hockey für den Club bis 2008 als Medienchef tätig. Danach zog er mit seiner Familie ins schaffhausische Löhningen, wo er auch heute noch wohnt. Equilino wechselte als Quereinsteiger zur Schaffhauser Kantonalbank, begann am Schalter und arbeitete sich zum Kundenberater hoch. «Dieser Wechsel hat mir gut getan. Ich lernte andere Strukturen kennen, arbeitete plötzlich in Anzug und Krawatte, es war sehr lehrreich.»

«Wegen meiner Grösse  hat mich der Trainer  zum Verteidiger gemacht, was mir am Anfang gar nicht passte, ich wollte Tore schiessen. Aber ich habe an dieser Rolle Gefallen gefunden. Einen guten Check weiss ich auch heute noch zu schätzen.»Beat Equilino

Beruflich hatte er über sechs Jahre lang mit dem Hockey nichts mehr zu tun. Bis ihn 2014 André Rötheli, damals Klotens Sportchef, kontaktierte. Kurz darauf unterschrieb Equilino im Unterland als Medienchef. Er kam in einer turbulenten Zeit. Nur wenige Monate nach seinem ersten Tag in Kloten wurde Felix Hollenstein als Trainer entlassen. Im Frühling darauf verkaufte der damalige Besitzer Philippe Gaydoul den EHC an einen kanadischen Unternehmer, sportlich ging es immer steiler bergab. «Mir wurde es also nie langweilig und teilweise war es auch etwas nervenaufreibend. Aber zum grossen Teil hat die Freude immer überwogen.»

Equilino legte sich ins Zeug. 2016, nachdem der Club erneut den Besitzer wechselte, wurde er auch zum Team-Manager. 2017, während der Club in der Krise steckte, wurde er auch noch in die sportliche Kommission des EHC einberufen. Das wurde schliesslich sogar für einen ehemaligen Leistungssportler zuviel. Equilino wollte es zuerst nicht wahrhaben, wollte die zusätzlichen Kompetenzen als Chancen nutzen. Schliesslich kam der Mannschaftsarzt auf ihn zu. «Beat, du siehst nicht mehr so fit aus, sagte er mir», erzählt Equilino. «Das kommt schon», habe er geantwortet. Zwei Wochen später intervenierte der Mannschaftsarzt erneut und dieses Mal liess er sich nicht abwimmeln. «Er hat mir nach der Diagnose klar gemacht, dass ich so auf Dauer nicht weitermachen kann.» Für Equilino brach im ersten Moment eine Welt zusammen. Ausgerechnet jetzt, während in Kloten vielleicht sogar der Abstieg drohte und die Mannschaft ihn erst recht brauchte, solltr er sich eine Auszeit nehmen?

Schliesslich habe er dann aber doch eingesehen, dass eine Pause nötig sei. «Ich musste lernen, das Handy abzugeben, mich distanzieren zu können.» Acht Wochen zog er sich zurück, verbrachte viel Zeit zu Hause mit seiner Familie. «Das bedingt, dass man sich auch öffnen muss, dass man bereit sein muss, zu lernen, einzusehen, wann es zuviel ist. Meine Frau, aber auch Fige und die anderen Kollegen im Club haben mir dabei sehr geholfen. Ich habe in dieser Zeit auch gemerkt, dass die letzten Jahre, in welchen ich auch für die Mannschaft ein Fels in der Brandung sein musste, ihre Spuren hinterlassen haben. Dank der Auszeit kann ich heute besser damit umgehen und auch besser Grenzen ziehen, kann das Handy auch unbeantwortet lassen am Wochenende und erst am Montag zurückrufen.»

Abstieg als Chance, umwieder Euphorie zu entfachen

Inzwischen ist Equilino nicht mehr Teil der Sportkommission des Clubs und somit «nur» noch Medienchef und Team-Manager, trotzdem arbeitet er zeitlich gesehen mehr als eine 42-Stunden-Woche. «Als Team-Manager bin ich bei jedem Match dabei, bin Schnittstelle zwischen Mannschaft, Marketing und Materialwart, kümmere mich um die richtigen Sponsorenlogos auf den Trikots am richtigen Ort und vieles mehr.» Um wieder abschalten zu können, helfe ihm der Sport.

In seiner Freizeit setzt sich Equilino gerne aufs Bike oder auf den Hometrainer. «Mein Umfeld weiss inzwischen, dass ich etwas grantiger bin, wenn ich zu wenig Sport machen kann», verrät er. Vor allem aber verbringe er die Zeit ausserhalb des Geschäfts gerne mit seiner Familie. Und im Garten. «Ich mache das echt gerne, hier etwas pflanzen, dort ein wenig herumwerkeln, das gibt mir einen guten Ausgleich.»

«Die Fans und der Club sind seit dem Abstieg wieder etwas mehr zusammen- gerückt, das hat man  in den ersten Matches gemerkt.»Beat Equilino

Dass er diese Balance gefunden hat, zeigt auch, dass Equilino der aktuellen Situation des Clubs mit einer fast schon paradoxen Mischung aus Fokus und Gelassenheit begegnen kann. «Als der Abstieg Tatsache war, war das erst einmal ein Schock. Aber hätten wir den Ligaerhalt geschafft, wie wäre dann diese Saison verlaufen? Jetzt kam zumindest ein Schnitt – und am nächsten Tag sassen wir vor einem leeren Blatt Papier, das wir wieder mit Namen für eine Mannschaft füllen mussten.» Die Fans hätten in den letzten Jahren mitgelitten.

Als Fan gewöhne man sich zwar nicht an solche schwierigen Zeiten, aber in gewissem Sinne könne so ein Abstieg dann auch eine Befreiung sein. «Die Fans und der Club sind wieder etwas mehr zusammengerückt, das hat man in den ersten Matches gemerkt», glaubt Equilino. Das helfe, alte Wunden zu heilen, sei gut, um die Beziehung zwischen dem EHC Kloten und seinen Anhängern, die in den letzten Jahren mit dem Team mitgelitten hätten, wieder zu stärken und wieder neue Euphorie aufkommen zu lassen.

Gleichzeitig weiss der ehemalige Verteidiger auch, dass man nicht erwarten kann, dass es nach den ersten drei Siegen in den ersten drei Spielen immer so gut weitergehen wird. «Eigentlich kommt die erste schwere Prüfung erst mit dem Match gegen Langenthal übrtemorgen Samstag.» Selbstverständlich wird der Exil-Bündner auch dann emsig durch die Katakomben der Swiss-Arena flitzen, um die Mannschaft zu unterstützen. Und am Sonntag einen wohlverdienten Ruhetag einlegen. (Zürcher Unterländer)

(Erstellt: 04.10.2018, 15:29 Uhr)

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