Niederglatt

Der Niederglatter Tausendsassa

Hannes Keller ist Erfinder, Tiefseetaucher, Pianist, Kunstliebhaber – und einmal führte er die gesamte Zürcher Tonhalle an der Nase herum.

Der Niederglatter Erfinder Hannes Keller zuhause in Niederglatt.

Der Niederglatter Erfinder Hannes Keller zuhause in Niederglatt. Bild: Balz Murer

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Wer nur einmal das Sammelsurium besucht hat, das Hannes Keller sein Zuhause nennt, der weiss sofort: Hier lebt ein Tausendsassa.

Einer, der sich nie auf einen einzigen Schwerpunkt festlegen könnte. Geboren und aufgewachsen in Winterthur, wählte der heute 84-Jährige ein Einfamilienhaus in Niederglatt als Residenz.

«Man soll immer mehr Bücher besitzen, als man gelesen hat»

Hier drängen sich Dutzende Vasen, Bilder und Noten um einen Flügel, eine Buddha-Statue steht mitten im Wohnzimmer, und im gesamten Haus dürften um die 1500 Bücher verteilt sein. «Man soll immer mehr Bücher besitzen, als man gelesen hat», beginnt Keller das Gespräch.

Immanuel Kant ist darunter, Karl Marx und C. G. Jung, dann aber auch Kunstbücher über Van Gogh und Paul Klee, Mozartbiografien und unzählige Literaturklassiker. Moby Dick, das sei sein Favorit.

Und doch verrät das dicht bepackte Labyrinth nur einen Bruchteil über dessen Bewohner. Denn Keller hat sich auf verschiedensten Gebieten, darunter der Computertechnik und der Tiefseeforschung, einen Namen gemacht – und wurde damit vorübergehend zum Multimillionär.

Anfänge in der Mathematik

Dabei dürfte gerade Stringenz eines der wenigen Dinge sein, um die sich Keller nie gekümmert hat. Das Gymnasium verliess er wegen des Lateins frühzeitig. Das Philosophiestudium an der Uni Zürich brach er ab, weil er «nicht genug Fleisch zwischen die Zähne bekam», wie er heute erzählt.

«Am Studium hat mich alles interessiert – ausser die Prüfungen.»

So widmete er sich der Mathematik und Physik und unterrichtete nebenbei an einer Kantonsschule. «Das Studium war für mich ein offenes Buffet. Alles hat mich interessiert – alles ausser die Prüfungen.»

Während einer Nachtwache im Militär habe ihm dann jemand vom Tiefseetauchen erzählt, einem Gebiet, in dem man zu dieser Zeit erfinderisch aus dem Vollen schöpfen konnte – und wenn Hannes Keller etwas umtrieb, dann war es der Wille, berühmt zu werden, auf die eine oder andere Weise.

1959 gründete er das Forschungslabor für Unterwassertechnik zur Entwicklung von Tauchausrüstung. Im November desselben Jahres tauchte er in einer provisorischen Taucherglocke im Zürichsee auf 130 Meter. Das Gasgemisch, das er dabei atmete, bestand aus 95 Prozent Stickstoff und 5 Prozent Sauerstoff. Ziel dieses Projektes war die Verkürzung der Dekompressionszeit bei einem Tauchgang auf 230 Meter. Am 28. Juni 1961 fand dieser Abstieg mit Trockentauchanzügen im Lago Maggiore statt. Bereits eine Stunde nach dem Abtauchen waren Keller und sein Partner wieder an der Oberfläche.

Die Erkenntnisse aus dem Projekt revolutionierten das Tiefseetauchen – und ganz nebenbei auch den Sport. Denn aus den Taucheranzügen, die Keller entwickelte, entstanden auch neue Ganzkörperanzüge, die den Ski- und Radsport komplett umwälzten.

Tartarov in der Tonhalle

Doch das war nur eines von zahlreichen Gleisen des Niederglatters. 1975 begann er den Verkauf von selbst entwickelten Computern – die Firma mit rund zehn Mitarbeitenden fand in seiner Stube Platz. Schliesslich brachte der Mathematiker zehn Jahre vor Microsoft die ersten erfolgreichen Computerprogramme für automatische Rechtschreibkorrektur und Übersetzung heraus. Mindestens drei Millionen Computer wurden mit seinen Programmen ausgerüstet.

«Die meisten Menschen können mit der Wahrheit gar nichts anfangen.»

Dass Hannes Keller in den 1970er Jahren ein Mann des öffentlichen Lebens wurde, hat er jedoch nicht nur diesen Erfindungen zu verdanken. Es sollte das Jahr 1968 sein, in dem er sich selbst und dem mit ihm befreundeten Pianisten Jean-Jacques Hauser zu Berühmtheit verhalf.

In der Zürcher Tonhalle kündigte Keller den Besuch eines russischen Pianisten an: Antonei Sergejvitch Tartarov. «Ich pries ihn damit an, dass er unveröffentlichte Werke von Beethoven präsentieren wird», erzählt Keller. Er startete eine mediale Kampagne mit Tartarov und füllte letztlich die Zürcher Tonhalle bis auf den letzten Platz. Der Clou: Der russische Pianist existierte nie.

In Tat und Wahrheit stand Jean-Jacques Hauser am Konzertflügel, der überzeugend im Stil klassischer Komponisten improvisieren konnte. «Als ich ihn das erste Mal spielen hörte, war mir klar, dass er in der Tonhalle auftreten muss», sagt Keller. Er weihte nur wenige Leute in sein Vorhaben ein – darunter den damaligen Stadtpräsidenten, der zum Zeitpunkt des Konzerts verreiste.

Dass die Figur Tartarov eine Täuschung war, hält Keller nicht für problematisch. Im Gegenteil: «Wissen Sie», sagt er, «die Bereitschaft des Menschen, zu glauben, ist riesig. Die meisten können mit der Wahrheit gar nichts anfangen.» Er selber löste den Sachverhalt am Ende des Konzerts auf und bot dem betrogenen Publikum Entschädigung an. «Doch die fanden die Aktion grossteils toll», erinnert er sich. «Sie ahnten wohl, dass sie ein Konzert des unbekannten Jean-Jacques Hauser nie besucht hätten.» Am liebsten wäre Keller selber Berufspianist geworden. Doch ihm habe das Talent gefehlt, sagt er.

Der goldene Rolls Royce

Das sind Auszüge, Facetten einer bewegten Biografie. Es liesse sich viel mehr über Keller erzählen; etwa, dass er 1999 mit «Visipix» das weltgrösste Kunst- und Fotomuseum ins Internet stellte und inzwischen 1,25 Millionen Bilder online sind. Oder dass er einst eine Anti-Blocher-Partei gründen wollte. Sie hätte Solidaritätspartei heissen können.

«Aber um mit Blocher fertigzuwerden», sagt Keller heute, «dafür muss man früh aufstehen.» Man könnte auch darüber berichten, dass er während seiner Zeit als Tiefseetaucher einen goldenen Rolls Royce besass. Seine Begründung: «Ein Tiefseetaucher mit goldenem Rolls Royce ist für die Medien spannender als einer ohne goldenen Rolls Royce.»

Dass sich das Leben des Hannes Kellers nicht in einem einzigen Artikel zusammenfassen lässt, weiss auch der Journalist Thomas Renggli. «Als ich einer Zeitung ein Portrait des Niederglatters anbot, merkte ich bald: Das wäre eine Beleidigung», erzählt er. Und schrieb deshalb gleich ein ganzes Buch.

Von Renggli stammt bereits «100 Jahre Knie» sowie eine Biographie von Sepp Blatter; erst kürzlich war er mit dem Ex-Fifa-Präsidenten beim Turnverein Embrach zu Besuch (der ZU berichtete). «Für mich war es unglaublich zu sehen, auf wie vielen Klavieren Hannes Keller spielte», sagt er. Eigentlich sei dies gar nicht möglich.

Die Vernissage von Thomas Rengglis Buch über Hannes Keller, genannt «Tiefenrausch», findet am Mittwoch, 24. April, ab 18 Uhr in der Lebewohl-Fabrik in Zürich statt. Hannes Keller wird Klavier spielen und die Opernsängerin Ursula Ferri begleiten. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 16.04.2019, 17:04 Uhr

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