Muslime

«Der Sicherheitscheck ist für die Seelsorger demütigend»

Rifa'at Lenzin ist Präsidentin des Vereins QuaMS, der die muslimische Seelsorge koordiniert. Dass ab 2020 die Muslime die Finanzierung übernehmen sollen, hält sie für unrealistisch und unfair.

Seit kurzem sind erste muslimische Seelsorgerinnen und Seelsorger fertig ausgebildet und für Einsätze in Spitälern und bei Notfällen bereit (im Bild Bibeln und Korane aus dem Raum der Stille des Kinderspitals Zürich)

Seit kurzem sind erste muslimische Seelsorgerinnen und Seelsorger fertig ausgebildet und für Einsätze in Spitälern und bei Notfällen bereit (im Bild Bibeln und Korane aus dem Raum der Stille des Kinderspitals Zürich) Bild: Johanna Bossart

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Frau Lenzin, Anfang Oktober machte ein von QuaMS ausgebildeter Seelsorger Schlagzeilen, weil er sich um einen Mann kümmerte, der in Zürich Affoltern drohte, sich und seinem Kind etwas anzutun. Ist das eine typische Situation für die neue muslimische Seelsorge?
Das ist zum Glück eine Ausnahmesituation. Aber ja, die Idee ist, dass gerade auch in Ausnahmesituationen ausgebildete Seelsorger zum Einsatz kommen. Bei einer Anfrage müssen wir möglichst detaillierte Informationen haben: Braucht es eine Autoritätsperson? Ist es besser, einen Mann oder eine Frau zu schicken? Welche Sprache sprechen die Betreffenden? Je besser die Zusammenarbeit ist mit den Verantwortlichen vor Ort, desto besser können sie die Anfrage an uns formulieren und wir entscheiden, wer von unseren Seelsorgenden geeignet ist.

Wie läuft die Vermittlung der elf ausgebildeten Seelsorger?
Wir haben ein Einsatz-Konzept erarbeitet und sind dabei, Materialien und Check-Listen zusammenzustellen, um die Einsätze zu regeln und die Qualität zu kontrollieren. Jetzt geht es darum, Erfahrungen zu sammeln. Eine der Schwierigkeiten besteht darin, dass die muslimischen Seelsorgenden ausschliesslich auf ehrenamtlicher Basis arbeiten. Ihre Begeisterung und ihr Engagement sind im Moment sehr hoch. Das möchten wir erhalten, indem wir das Netzwerk stärken und regelmässige Treffen und Weiterbildungen veranstalten.

Die christliche Seelsorge ist in den Spitälern aufsuchend. Die muslimische nur auf Abruf. Warum?
Die muslimischen Gemeinschaften sind nicht öffentlich-rechtliche anerkannt. Deshalb erhalten wir keine Listen der muslimischen Patienten eines Spitals. Der Aufbau der muslimischen Seelsorge muss sich an der christlich-kirchlich geprägten Struktur orientieren, die historisch gewachsen ist. Die Herausforderung besteht darin, die Muslime in das bestehende System zu integrieren. Das ist für alle Neuland.

Gibt es Bestrebungen, auch aufsuchend zu arbeiten?
Bei den rechtlichen Bedingungen wird es so schnell keine Änderung geben, trotzdem arbeiten wir daran. Eine Möglichkeit wäre, dass die Anfragen nicht über die spitalinternen christlichen Seelsorger laufen, sondern vom Spital direkt zu QuaMS. Es wäre auch denkbar, dass ein Spital eine muslimische Seelsorgerin oder einen Seelsorger direkt anstellt. Aber bei der Vielfalt der muslimischen Patienten hat es Vorteile, wenn alles bei einer Stelle zusammenläuft, die die Triage macht.

Derzeit läuft der zweite Kurs. Gab es viele Bewerbungen?
Wir hatten gleich viele Interessenten wie beim ersten Mal. Wir haben wiederum rund zehn Leute selektioniert, die Hälfte davon Frauen. Für eine gute Mischung ist wichtig, dass Imame dabei sind, aber auch Frauen. So können alle voneinander lernen und profitieren. Es gab schon beim ersten Lehrgang eine gute Dynamik in der Gruppe, ein Zusammengehörigkeitsgefühl.

Seit der Neulancierung gibt es eine Sicherheitsüberprüfung. Wie sieht die aus?
Die Überprüfung macht die Polizei. Sie kann im Einzelfall Wochen dauern. Wir sind nicht involviert. Mit der zweiten Weiterbildung mussten wir – wie schon bei der ersten – beginnen, bevor der Prozess abgeschlossen war. Wenn wir Pech haben, besteht jemand den Sicherheitscheck nicht und muss aufhören.

Musste Sie je jemanden ausschliessen?
Nein. Ich sehe derzeit die Notwendigkeit für die Sicherheitsüberprüfung. Wegen des unterschwelligen Misstrauens der Gesellschaft gegenüber Muslimen ist sie in unserem eigenen Interesse. Aber das Einverständnis zu einer umfassenden Überprüfung, das man den Leuten abverlangt, ist aus meiner Sicht demütigend und diskriminierend. Man muss sich vorstellen: Die Bewerber haben einen einwandfreien Leumund, viele sind hier aufgewachsen und Schweizer Bürger – und sie bewerben sich um eine ehrenamtliche Tätigkeit im sozialen Bereich.

Sie würden die Sicherheitsüberprüfung abschaffen?
Im Moment ist sie wie gesagt in unserem Interesse. Aber es darf nicht so bleiben. Ich hoffe, dass sich das Misstrauen mit der Zeit zu einem Vertrauen wandelt. Wir achten bei den Bewerbungsgesprächen, bei denen auch eine Vertreterin der Landeskirchen dabei ist, dass die Leute eine gewisse Offenheit mitbringen. Es geht in der Seelsorge nicht darum, Muslime zu besseren Muslimen zu machen, sondern ihnen als Mensch in einer schwierigen Situation beiseite zu stehen. Es ist eine Dienstleistung, die sich nicht primär an religiöse Menschen richtet, ähnlich wie bei den Christen. Ausschlaggebend für die Tätigkeit ist die Haltung. Auch wenn jemand sehr religiös ist, muss er akzeptieren, dass sein Gegenüber das vielleicht nicht ist. Im Zentrum stehen dessen Bedürfnisse.

Eine weitere Herausforderung ist die Finanzierung. Wie will der Verein diese sicherstellen?
Wir müssen primär die Geschäftsstelle finanzieren. Es wäre auch wünschenswert, die Seelsorgenden entschädigen zu können. Wie wir die Ressourcen auftreiben, ist noch sehr offen. An sich sind die in der VIOZ organisierten Vereine ein Träger. Aber ihre finanziellen Möglichkeiten sind beschränkt und die Bereitschaft, für etwas zu zahlen, von dem sie nicht direkt profitieren ist eher klein. Ich halte es mittelfristig nicht für realistisch, dass die muslimischen Gemeinschaften eigenständig für die Kosten aufkommen

Wer soll sonst zahlen?
Wir versuchen, zusätzliche Kanäle für Spendengelder zu finden. Vielleicht kann man eine Gönnerkreis schaffen, um Muslime zu erreichen, die nicht in den Vereinen organisiert sind.

Die Finanzierung soll 2020 den Muslimen übertragen werden. Ist das noch realistisch?
Das kann ich mir schlecht vorstellen. Die Kirchen werden für ihre gesellschaftliche Leistung etwa durch die Kirchensteuer juristischer Personen entschädigt. Muslimische KMU zahlen zwar Kirchensteuer, die muslimischen Gemeinschaften sind aber von der Partizipation ausgeschlossen. Ausgerechnet von ihnen zu erwarten, alleine für die Kosten der Seelsorge aufzukommen finde ich ungerecht. Man kann sicher erwarten, dass sich die Muslime mehr engagieren. Aber die öffentliche Hand hat durchaus ein Interesse

Bis wann ist die Finanzierung gesichert?
Derzeit bis Ende 2019. Es laufen aber Anfragen bei Kanton, Bund und Landeskirchen. Es geht ja nicht um Millionen. Wir haben derzeit ein Budget von 360000 Franken – ein grosser Posten ist der Weiterbildungslehrgang.

Wird es im nächsten Jahr wieder eine Ausbildung geben?
Das wissen wir noch nicht. Wir sind darauf angewiesen, dass wir einen Pool von etwa 20 Seelsorgenden haben. Wenn einzelne aussteigen, müssen wir wieder eine Ausbildung anbieten.

Wie sieht die Zukunft des Projekts aus?
Vielen muslimischen Patienten ist das Angebot noch nicht bekannt. Zudem wäre mein Wunsch, unser Wissen anderen Kantonen zur Verfügung zu stellen, um dort ähnliche Projekte aufzubauen.

Erstellt: 31.10.2019, 17:14 Uhr

Rifa'at Lenzin

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