Rüdlingen

«Die Plätze fürs Lager sind so beliebt wie Tickets für ein Justin-Bieber-Konzert»

«Bewegung für Feinschmecker» heisst das vom Dachverband Plusport lancierte Lager für Menschen mit Behinderung. Ein Grossteil der Gäste und der Betreuer kennt sich schon lange und freut sich über das jährliche Wiedersehen.

Sie geniessen das Wasser in der Badi Flaach: Michi Bütikofer aus Effretikon (von links), Astrid Scherrer aus Egnach TG und René Rotzetter aus Freiburg.

Sie geniessen das Wasser in der Badi Flaach: Michi Bütikofer aus Effretikon (von links), Astrid Scherrer aus Egnach TG und René Rotzetter aus Freiburg. Bild: Sibylle Meier

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Hinter dem grossen Becken im Freibad Flaach Richtung Rhein im Schatten der Bäume ist Yara Antonucci dabei, den Teilnehmenden und dem Betreuerteam vom Plusport Lager einen Zumbakurs zu geben. «Ich tanze auch Hip-Hop, Breakdance und Salsa. Ich finde es einfach herrlich, mich zur Musik zu bewegen und habe das im Blut», sagt die 20-jährige Teilnehmerin aus Baselland. Sie ist zum zweiten Mal dabei.

Heuer findet das Lager vom 31. Juli bis 12. August in Rüdlingen statt. «Den Schlussabend fand ich letztes Jahr toll und ich freue mich auch jetzt wieder darauf», sagt Antonucci. Am Samstagabend will sie im Glitzerkleid einen Tanz aufführen. Weiter oben auf der Wiese liegen einige Lagergäste auf Badetüchern und Liegestühlen, andere planschen im Wasser.

Die einzelnen Aktivitäten im Camp sind zwar freiwillig, es wird jedoch darauf geachtet, dass sich die Teilnehmenden genügend bewegen. An Ganztagesausflügen, wie dem am Montag in die Badi Flaach, sind immer alle dabei.

Grosse Wiedersehensfreude

Neben den 23 Gästen mit körperlicher oder geistiger Behinderung sind auch 13 Betreuerinnen und Betreuer sowie 3 Leute in der Küche vor Ort. «Es sind für uns keine Ferien, wir müssen schon bei der Sache sein. Aber nach so vielen Jahren kennen wir die Gäste gut und freuen uns, sie wieder zu sehen», sagt Leiter Reto Klink, der sich seit rund 30 Jahren engagiert und beruflich als Kommunikationsverantwortlicher tätig. «Wir sind fast schon eine grosse Familie geworden.»

Zum Lager gekommen ist er, als er Ende der 1980er Jahre als Fotograf arbeitete und eine Reportage über das Projekt machte. Mit Klink zusammen übernimmt Reto Oeschger, der auch heute noch als Fotograf arbeitet, die Organisation. Das Besondere an diesem Lager ist, dass zwar ein Teil der Betreuerinnen und Betreuer eine Fachausbildung im pflegerischen Bereich hat, der andere aber unterschiedliche berufliche Hintergründe aufweist – von der Schneiderin bis zum Kinderbetreuer.

Nicht nur das Betreuerteam ist schon lange dabei, auch unter den Gästen sind viele «Wiederholungstäter»: Von den 23 sind nur 4 Campneulinge. «Die Plätze sind immer innert kürzester Zeit ausgebucht. Sie gehen etwa so schnell weg wie die Tickets für ein Justin Bieber Konzert», scherzt Klink.

Viel bewegen und gut essen

Der Name des Lagers in Rüdlingen lautet «Bewegung für Feinschmecker». Zum Bewegungsteil gehören Aktivitäten wie Velofahren, Wandern, Schwimmen, Ballspiele, Zumba oder Morgenturnen. Für den Ausflug nach Flaach wurde gleich Verschiedenes kombiniert: Ein Teil der Gruppe ist ins Schwimmbad gewandert, der andere ist mit dem Velo hingefahren.

Neben der Bewegung ist die Verpflegung das zentrale Thema: «Wir haben einen hohen Anspruch ans Essen», sagt Lagerleiter Reto Klink. Während jeweils einer Woche stehen Dreier-Teams hinter dem Herd; diese Woche ist eine professionelle Köchin dabei. Fast alles ist selbst gemacht und erinnert keineswegs an die typische Lagerverpflegung.

«Den Hackbraten mit Kartoffelstock hat mir bis jetzt am besten geschmeckt», sagt René Rotzetter aus Fribourg. Er ist einer der wenigen neuen Gäste: «Es gefällt mir sehr gut. Bisher fand ich den Ausflug mit dem Schiff auf dem Rhein am schönsten.» Astrid Scherrer aus Egnach im Kanton Thurgau ist schon zum fünften Mal dabei.

Sie freute sich besonders darauf, das Fussballspiel zwischen dem FC Winterthur und dem FC Aarau am Montagabend live im Stadion zu sehen. Mit dem Schlussstand von 1:1 konnte sie als FCW-Fan zufrieden sein. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 09.08.2017, 16:41 Uhr

Die beiden Lagerleiter Reto Klink (links) und Reto Oeschger. (Bild: zvg)

FINANZIERUNG DES SPORTCAMPS

Plusport, das Kompetenzzentrum für Sport, Behinderung und Integration, gibt es seit 55 Jahren. Der Verband bietet Menschen mit Behinderung Zugang zu 86 regionalen Sportklubs und 100 verschiedenen Sportcamps. Eines davon ist das Lager im Begegnungszentrum in Rüdlingen.
Das Bundesamt für Sozial­versicherung subventioniert die Aktivitäten von Plusport mit jährlich 5,5 Millionen Franken. Ein Teil dieses Geldes fliesst auch in die Sportcamps und deckt ungefähr die Hälfte des finanziellen Aufwandes ab. Die übrigen Kosten übernehmen die Teilnehmenden sowie Partner wie die Stiftung «Denk an mich» und Sponsoren.
Für das zwölftägige Lager in Rüdlingen bezahlen Mitglieder von Plusport 780 und Nicht-Mitglieder 880 Franken. Unterstützt wird das Camp auch von unterschiedlichen Vereinen wie dem FC Winterthur, der die Tickets für den Match sponsert, oder dem FC Zürich, der für die zwei Wochen kostenlos Busse zur Verfügung stellt.krb

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