Wahlen

Enkel hüten und Politik machen

Andere in ihrem Alter kümmern sich um die Enkel. Sie selbst wollen deren Zukunft aktiv mitgestalten. Mehrere über 70-Jährige treten im Unterland zur Wahl an. Die Aussichtsreichen fühlen sich fit genug, um Angefangenes zu Ende zu bringen­. Die Listenfüller fühlen sich ihren Parteien verpflichtet.

Eher typisch für Grosseltern:  Zeit mit den Enkelkindern verbringen.

Eher typisch für Grosseltern: Zeit mit den Enkelkindern verbringen. Bild: Keystone

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«Das biologische Alter ist nicht massgebend», sagt Markus Zink. Der Jurist ist 70 und seit vier Jahren Gemeindepräsident von Neerach. Dem Gemeinderat gehört der Parteilose seit acht Jahren an. Er wurde also in einem Alter Mitglied der Exekutive, in dem andere kürzer treten.Daran denkt Zink auch heute noch nicht.

Er hat Lust auf vier weitere Jahre als Gemeindepräsident. «Ich habe Führungserfahrung, kann mitreissen, motivieren und begeistern und möchte mein Fachwissen und meinen Scharfsinn weiter einbringen.» Vielmehr als das Alter zählen in seinen Augen die jugendliche Einstellung, das Engagement, die Kraft und «natürlich das Köpfchen».

«Ohne all das kann ein Mandat nicht ausgeübt werden», ist der Patentanwalt überzeugt. Ausserdem seien die Themen und Zielsetzungen für alle Mitglieder einer Behörde gleich. «Das Alter spielt dabei keine Rolle.»

Mit 73 nochmals zuoberst

Cees van Rijn feiert im Mai seinen 73. Geburtstag. Er möchte dies mit der Aussicht auf weitere vier Jahre politisches Engagement tun. Der Bopplisser tritt nämlich im April zur Wiederwahl in den Gemeinderat an. Es wäre seine dritte Legislatur. «Ich bin noch fit, und weil die Präsidentin und ein weiteres Mitglied des Gemeinderats in diesem Jahr nicht mehr antreten, möchte ich meine Kollegen mit Wissen und Erfahrung unterstützen», begründet der Parteilose die Kandidatur für die «ganz sicher letzte» Amtsperiode.

Auf die Frage, ob es nicht Zeit sei, den Jüngeren – denen ja die Zukunft gehöre – Platz zu machen, meint der pensionierte Linienpilot und Winzer. «Als Vater und Grossvater und auch durch meine Vernetzung im Dorf bin ich sehr gut im Bild über die Bedürfnisse aller Altersgruppen.»

Er habe miterlebt, wie die Voraussetzungen für ein Engagement in der Behörde – trotz guter Absichten – bei jüngeren Kollegen plötzlich ändern könne. Gründe dafür seien beispielsweise Aus- und Weiterbildungen, Familiengründung oder berufliche Veränderungen. «Ich bin in meiner jetzigen Lebensphase sicher weniger fremdbestimmt und kann mir meine Zeit selber einteilen», sagt der Vater und Grossvater.

Van Rijn betreut in seiner Gemeinde derzeit gleich ein ganzes Bündel Ressorts: Finanzen und Steuern, Land- und Forstwirtschaft, Naturschutz, Gewässer, Menschen und Flughafen. «Ich habe mich gerne für die Gemeinde eingesetzt und freue mich auf eine neue Amtsperiode», erklärt der Gemeinderat.

«In guter Gesellschaft»

Gleich lange wie van Rijn in der Exekutive von Boppelsen ist der Bülacher Alfred Schmid in der Bülacher Legislative aktiv. Er hat seinen Siebzigsten im vergangenen Jahr gefeiert und kandidiert auf Listenplatz 3 der FDP. Der amtierende Präsident der Rechnungsprüfungskommission fühlt sich nicht zuletzt motiviert durch die Bitte von Freunden und Kollegen, ja nicht jetzt aufzuhören.

«Zudem kann ich vor Ort mein Wissen und, wo gewünscht, meinen Rat an die nächste Generation weitergeben», sagt Schmid. Im Wirtschaftsleben habe er gelernt, komplexe Themen nicht nur zu bearbeiten, sondern auch umzusetzen. «Dabei steht mir ein wertvolles Gut zur Verfügung: Zeit.»

In einem Land, in dem 18 Prozent der Bevölkerung älter als 65 Jahre sei, bewege er sich in «guter Gesellschaft», findet Schmid und fügt mit leichter Ironie an: «Im Vergleich zu den Staatspräsidenten von Italien und Österreich gehöre ich eher zu den Jüngeren.»

Kaum Frauen über 70

Mit Tilly Morganti kandidiert in Bülach eine weitere Bisherige mit Jahrgang 1947 für den Gemeinderat. Sie tritt auf Listenplatz 4 an. Morganti ist gleichzeitig die einzige Frau über 70, die in Bülach auf einem der vorderen Listenplätze kandidiert. Die zweite Kandidierende mit Jahrgang 1947 findet sich bei den Grünen mit Ursula Spring auf Listenplatz 13.

Auch bei den «Listenfüllern», wie sich einige der älteren Kandidaten freimütig bezeichnen, finden sich – soweit bereits bekannt – ausschliesslich Männer. Die meisten von ihnen haben sich teils über lange Zeit in verschiedenen Funktionen für ihren Wohnort oder ihre Partei engagiert. Zu ihnen gehört beispielweise Ernst Reitmair aus Kloten. Der FDP-Mann war unter anderem Mitglied der Klotener Bürgerrechtskommission und Delegierter der FDP-Landespartei. Nun füllt er Platz 25 und 26 der Gemeinderatswahlliste.

Natürlich gehöre die Zukunft den Jungen, aber so der 71-Jährige: «Mit über 70 ist man nicht automatisch senil oder antik eingestellt, sondern kann vieles weitergeben.» Ein Jahr älter ist mit Jahrgang 1946 der Klotener SVP-Kandidat Werner Sandmeier. Er engagiert sich seit acht Jahren in der Seniorenkommission und arbeitet als Freiwilliger für «Generationen im Klassenzimmer» und belegt nun den zweithintersten Listenplatz seiner Partei. Er sei froh, wenn er sich manchmal einbringen könne: «Erfahrung ist wichtig, doch die Zukunft gehört den Jungen. Ich schätze deren Engagement.»

Mit Beziehungen punkten

Die beiden ältesten Kandidierenden für den Klotener Gemeinderat sind 1938 geboren. Hans von Känel kandidiert für die SVP auf dem hintersten Listenplatz, Jörg Waldvogel für die EVP auf Listenplatz 31, einen Platz vor dem ehemaligen Kantonsrat Peter Reinhard. Beide räumen ein, keinerlei Ambitionen auf ein Gemeinderatsmandat zu haben, stellen sich aber hinter die Ziele ihrer Partei.

«Für den Gemeinderat gibt es junge, dynamische Anwärter», sagt von Känel. Diese möchte der pensionierte Schiessinstruktor unterstützen, sodass eventuell ein SVP-Vertreter mehr im Parlament Aufnahme findet. Ähnlich sieht das der pensionierte Mathematikprofessor Waldvogel, der sich bisher vor allem für die Reformierte Kirchgemeinde engagiert hat: «Ich stelle mich hinter die Ziele der EVP und wenn ich die Partei so unterstützen kann, mache ich das gerne.»

Erstellt: 28.02.2018, 15:44 Uhr

Ernst Reitmair (70), Kloten: «Mit über 70 ist man nicht automatisch senil oder antik eingestellt.»

Alfred Schmid (70), Bülach: «Mir steht ein wertvolles Gut zur Verfügung: Zeit.»

Cees von Rjin (72), Boppelsen: «Ich bin in meiner jetzigen Lebensphase sicher weniger fremdbestimmt.»

Markus Zink (70), Neerach: «Ich möchte mein Fachwissen und meinen Scharfsinn weiter einbringen.»

Blick nach Bern

Das Durchschnittsalter im Nationalrat liegt derzeit bei 53 Jahren, im Ständerat bei 58 Jahren (Stichtag 1. Februar 2018).

Insgesamt 6 von 244 Mitgliedern (2,5 Prozent) beider Kammern sind älter als 70 Jahre. Die grösste Gruppe stellen mit 50 Personen (20,5 Prozent) die 60 bis 64-Jährigen. 9 Parlamentarier (3,5 Prozent) sind zwischen 30 und 34 Jahre alt. Zwei Ständeräte haben den 70. Geburtstag bereits hinter sich: Der Zürcher Felix Gutzwiller (FDP, 1948) und der Obwaldner Hans Hess (FDP, 1945). Ältester Nationalrat ist der Aargauer Maximilian Reimann (FDP, 1942). Der Waadtländer Jacques Neirynck (CVP) war 83, als er 2015 nicht mehr wieder gewählt wurde. dsh

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